Wo ich wohne

„Manche Filme sind Tagträumen gleich, sehr präzisen Träumen“, sagt Ilse Aichinger hier an einer Stelle. Das trifft auch für diesen Film zu. Er ist das Gegenteil von einem durchbuchstabierten „Biopic“. Fast traumwandlerisch sicher findet Christine Nagel für die Gedanken und Erzählungen Ilse Aichingers eine ruhige, stimmige Bildsprache. Die so eigenwillig und wenig fassbar ist wie die Autorin selbst. Nagels filmischer Essay fesselt über weite Strecken. Denn er hinterfragt auch das Kino, das Ausdrucksvermögen eines Films an sich.

Webseite: www.filmkinotext.de

Österreich 2013
Regie und Buch: Christine Nagel
Mit Ilse Aichinger, Helga Michie, Verena Lercher, David Monteiro,
Elfriede Irrall, Florentin Groll, Moritz Uhl
Länge: 81 Min
Verleih: Film Kino Text
Kinostart: 4. Dezember 2014
 

FILMKRITIK:

Wer nach dem Aufwachen einen Traum erinnert, wundert sich oft über die Orte, die darin auftauchten. Dann vergisst er das Ganze schnell, weil es zu anstrengend ist, Zusammenhänge zu finden. Christine Nagel folgt der Logik des Traumes, wenn sie nicht das Leben Ilse Aichingers nachspürt, sondern deren Weltwahrnehmung. Hierfür verschachtelt sie mehrere Perspektiven: Die  brüchige Stimme von Ilse Aichinger aus dem Off. Ein Interview mit der in London lebenden Zwillingsschwester Helga Michie. Die Stimme von Aichingers Tochter Miriam, die Jugendbriefe vorträgt. Wackelige Super-8-Filme, mit denen Aichinger ihre eigenen Kinder in den 1960er Jahren filmte. Hinzu kommt eine Rahmenhandlung nach deren Erzählung „Wo ich wohne“, im zeitlosen Schwarz-Weiß gedreht. Hier wandert die Wohnung einer Frau aus dem vierten Stock langsam in den Keller ab. Die Protagonistin (gespielt von Verena Lercher) wirkt überall deplatziert, in ihrem Haus, in der großen Altbauwohnung, in schnörkeligen Treppenhäusern, an einem See. Als Radiosprecherin, der immer wieder der Takt vorgegeben wird, verkörpert sie auch eine Facette der Schriftstellerin.
 
Ilse Aichinger feierte am 1. November ihren 93sten Geburtstag. „Ilse Aichinger ist und bleibt die Dichterin des Unerledigten“, schrieb der ehemalige Hanser-Verleger Michael Krüger einmal über sie. Ilse Aichinger zweifelte immer an schneller Sinnstiftung. Ähnlich Paul Celan oder Günter Eich, mit dem sie verheiratet war, betont sie das Surreale, Rätselhafte. Während ihre Zwillingsschwester Helga mit dem letzten Kindertransport nach London entkam, blieb Ilse Aichinger während des Krieges mit der jüdischen Mutter in Wien, der Großteil der Verwandtschaft wurde ermordet. Schreiben ist für sie eine „Form des Schweigens“. Die vielfach preisgekrönte Autorin ist bekannt dafür, sich auch in Interviews zu entziehen. So lässt sie es auch hier sein, überhaupt ins Bild zu kommen.
 
Ihr geht es immer wieder um das Fremdsein in der Welt: „Schon als Kind wollte ich immer verschwinden, unsichtbar sein. Ich wurde von der Existenz überrumpelt.“ Es ist faszinierend, wie genau Christine Nagel die Bilder auf die Textauswahl abstimmt. Mal spiegeln sich die Wiener Prachtfassaden in einer Pfütze, dann sind nur die Schatten von Bäumen zu sehen. Dazu ertönt eine  Stimme: „Vielleicht erkennen wir einander nur in einem Licht von Abschied.“ Perspektiven und Zeitbezüge fließen ineinander wie Gedanken: Die Klippen von Dover. Verschnörkelte Wiener Häuser. Geöffnete Fenster. Eine Londoner Vorortstraße, ein Wiener Café, ein Stück Kuchen, Kinderfotos. Ein Interview mit Aichinger aus der frühen Fernsehzeit. Alles gleichzeitig und ungreifbar.
 
Auch im Kino verschwindet man –  in der Dunkelheit des Zuschauersaales. Ilse Aichinger liebt es, ins Kino zu gehen. Wie kaum eine andere Autorin erfasst sie das weite Feld zwischen dem Erleben und dem Erfassen des Erlebten. So geht es auch Christine Nagel weniger um ein Porträt als um „die existentielle Erfahrung des Sich-Fremd-Fühlens“. Ein bisschen mehr Einordnung und Aussenwelt hätten am Ende für mehr Abstand gesorgt. So bleibt ihr Film ein Essay in Bildern, poetisch, sensibel und mutig.
 
Dorothee Tackmann