Wohin der Wind uns trägt

Leichtfüßiges Roadmovie, zärtliche Freundschaftsgeschichte und melancholische Coming of Age-Story: Das Kinodebüt der jungen tunesischen Regisseurin Amel Guellatys erzählt mit Witz, Wärme und fantasievoll surrealen Blitzlichtern von zwei jungen Menschen, die im heutigen Tunesien von einer hoffnungsvollen Zukunft träumen. 

 

Über den Film

Originaltitel

Tunis-Djerba

Deutscher Titel

Wohin der Wind uns trägt

Produktionsland

FRA,TUN

Filmdauer

99 min

Produktionsjahr

2025

Regisseur

Guellaty, Amel

Verleih

Kairos Filmverleih GbR, Wilfried Arnold / Helge Schweckendiek

Starttermin

16.04.2026

 

Alyssa ist 19, impulsiv, hellwach und voller ungebändigter Energie; ein wildes Mädchen. Zu Beginn sitzt sie mal einen Moment still auf dem Geländer einer Autobahnbrücke und scheint mit dem Gedanken zu spielen, hinunterspringen zu wollen – aber sie springt nicht. Mehdi ruft nach ihr und sie läuft zu ihm. Er ist ihr Freund, ein Nachbarsjunge, mit dem sie buchstäblich durch dick und dünn geht: ein paar Jahre älter, er wirkt stiller, vorsichtig, beinahe schüchtern. Die beiden jungen Leute stecken in einem unbefriedigenden und eintönigen Alltag fest, der direkt in die Arbeitslosigkeit und in die Armut führt. Alyssa geht noch zur Schule. Ihr Vater ist vor einiger Zeit gestorben, und sie trauert immer noch, ebenso wie ihre depressive Mutter, die nicht mehr in der Lage ist, den Alltag zu bewältigen. Mehdi hat es prinzipiell etwas leichter, aber seine Versuche, sich als IT-Kaufmann selbständig zu machen, werden immer wieder von der Bürokratie verzögert und verhindert. Zum Spaß malt er Mangas und zeichnet. Alyssa glaubt an ihn, sie hält ihn für einen großen Künstler. Als sich für ihn die Chance auf ein sechsmonatiges Kunststipendium in Deutschland ergibt, machen sich die beiden auf den Weg nach Djerba, wo der Wettbewerb dafür stattfinden soll – immer in der Hoffnung, dass vielleicht irgendwo eine Zukunft auf sie wartet, die nicht nur aus lästigen familiären Pflichten, Geldnot und gelegentlichen Kiffereien auf dem Hausdach besteht. 

Aus dieser Prämisse macht die junge tunesische Drehbuchautorin und Regisseurin Amel Guellaty erfreulicherweise keine anklagende Sozialschmonzette, sondern eine recht flotte, abwechslungsreiche, oft witzige Tragikomödie über gelebte und ungelebte Zukunftsträume und über die Kunst, aus der engen Wirklichkeit auszubrechen und sich – wenn schon ohne Geld – wenigstens die innere Freiheit zu bewahren. Dass Alyssa und Mehdi kein Liebespaar, sondern einfach gute Kumpel sind, gibt dem Film dabei einen angenehm leichten und unkomplizierten Touch. Wenn sie sich streiten oder auch einfach nur rumflachsen, dann wirkt das ungekünstelt und lebendig. Durch die gemeinsame Reise mit vielen Hindernissen wachsen sie noch einmal anders zusammen und müssen sich als Team beweisen. Dabei ist Alyssa die Macherin. Ihr fällt ständig etwas Neues ein, und jede Lösung, die sie findet, scheint ein neues Problem zu schaffen. Ihre beinahe kindliche Wildheit und ihre anarchische Grundeinstellung sorgen dabei nicht nur für Schwierigkeiten, sondern auch gelegentlich für gefährliche Verwicklungen. 

Amel Guellaty blickt liebevoll auf ihre Figuren, ohne sie zu idealisieren, aber auch ohne sie zu kritisieren, und findet für ihre Unsicherheit, ihren Trotz und ihre Tagträume eine Bildsprache, die immer wieder ein wenig federleichte Poesie in den Film trägt. Kleine surreale Einsprengsel, die Alyssas Fantasie entspringen, ein rhythmischer Soundtrack aus der Region und Frida Marzouks kreative Kamera verleihen dieser Reise einen ganz eigenen Groove. Tunesien ist hier alles andere als eine touristische Bilderbuchkulisse, sondern ein ziemlich heruntergekommenes Land voller Bürokratie, Widersprüche und Unsicherheit, die Reise der beiden zeigt eine Region in der Krise mit Investitionsruinen, verfallenden Industriegebäuden, aber eben auch die Schönheit der Landschaft zwischen Wüste und Meer. Die beiden jungen Hauptdarsteller Eya Bellagha und Slim Baccar tragen den Film mit großer Selbstverständlichkeit; zwischen ihnen passt die Chemie. Slim Baccar spielt Mehdi als jungen Mann, der vermutlich Alyssa mehr liebt als sie ihn. Bei ihr gibt es Andeutungen, dass sie Frauen zugeneigt sein könnte, aber sie hängt sehr an Mehdi, auch wenn sie vielleicht etwas egoistischer wirkt als der stets opferbereite Junge an ihrer Seite. Mit ihrem jugendlichen Charme, ihrem Temperament und nicht zuletzt dank ihrer Backgroundgeschichte mit einem verstorbenen Vater, einer depressiven Mutter und einer kleinen Schwester, um die sie sich kümmern muss, wird Alyssas Charakter und ihr Antrieb deutlich klarer als Mehdis Handlungen: Alyssa träumt von einer besseren Welt, weil ihr das hilft, weiterzuleben. Mehdi ist ein kreativer Realist. Er wird immer irgendwie zurechtkommen, ob mit oder ohne Alyssa. Sie braucht ihn mehr als er sie, aber das weiß sie nicht.

Auch wenn hier manches verspielt wirkt: Der Film will im Kern und vor allem mit seiner diskret optimistischen Attitüde glaubwürdig bleiben, und auch deshalb verändern sich die Charaktere nur wenig bis gar nicht. Was sich hauptsächlich ändert, ist Alyssas und Mehdis Haltung zum Leben. Man könnte auch sagen: Die Zeit vergeht, und sie werden erwachsen. Dafür könnten die beiden ein bisschen Rückenwind gebrauchen, und den gibt ihnen der Film. 

 

Gaby Sikorski

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