Worauf warten wir noch?

Transition ist das Zauberwort, das in immer mehr Bereichen das Ziel andeutet, sich von den herkömmlichen Mustern der kapitalistischen Wirtschaftssysteme zu lösen und ökologischer, bewusster zu leben. Im französischen Dorf Ungersheim ist der Anspruch gleich ein ganzheitlicher, wie Marie-Monique Robin in ihrer Dokumentation „Worauf warten wir noch?“ zeigt.

Webseite: www.dejavu-film.de

Dokumentation
Frankreich 2016
Regie: Marie-Monique Robin 
Länge: 119 Minuten
Verleih: deja-vu Film
Kinostart: 20. September 2018

FILMKRITIK:

Ungersheim, ein kleines Dorf im Elsass, 2500 Einwohner, mitten in einer konservativen Region gelegen und doch Vorreiter. Mit der Wahl ihres seit 1989 amtierenden Bürgermeisters begann ein langsames Umdenken, dass Ungersheim zu einer Art Mustergemeinde der Transition-Bewegung gemacht hat, die zunehmend an Fahrt gewinnt. Ziel der Bewegung ist es, sich von den ökologisch fragwürdigen Methoden und Entwicklungen des Kapitalismus zu lösen und zu versuchen, möglichst autark zu leben.
 
In Ungersheim sind die Versuche, diesem hehren Ziel nahe zu kommen, in vielfältiger Weise zu beobachten. Vor allem im Bereich der Landwirtschaft greift man auf traditionelle Methoden zurück, pflügt die Felder etwa nicht mit schweren Maschinen um, sondern lässt ein Rind die Arbeit verrichten, was ein wenig langsamer geht, dafür aber keine Abgase verursacht und kein Benzin verbraucht. Auch in anderen Bereichen kommen Methoden zum tragen, die früher alltäglich waren, aber längst von modernen und damit vorgeblichen besseren abgelöst wurden: Schulkinder werden hier mit einer Pferdekutsche abgeholt, Häuser aus Holz gebaut und mit Stroh in den Wänden gedämmt.
 
Was nun aber nicht heißt, dass in Ungersheim die Uhren komplett zurückgedreht wurden und man im wirklichen Leben das Konzept einer der vielen TV-Sendungen der letzten Jahre kopiert, in denen ein Leben in vergangenen Zeiten simuliert wurde. Dort wurden aus Gründen der Nostalgie tatsächlich nur Methoden aus dem 18. oder 19. Jahrhundert verwendet. Ungersheim dagegen nutzt auch moderne Lösungen: Die Photovoltaik etwa, mit der man sich von der wichtigsten Energiequelle Frankreichs, der Atomkraft, unabhängig zu machen sucht.
 
In zahlreichen kleinen Szenen stellt die Journalistin und Filmemacherin Marie-Monique Robin zahlreiche Dorfbewohner vor, die mal mehr, mal weniger aktiv an der Transition beteiligt sind und versuchen ihre Heimat zu einer sich selbst versorgenden Gemeinde zu machen.
 
Wie weit diese Selbstversorgung gehen kann, ist jedoch eine Frage, die auch in dieser, beileibe nicht der ersten Dokumentation zum Thema, kaum aufgeworfen wird. So verklärend wie etwa „Tomorrow“ ist „Worauf warten wir noch?“ zwar nie, dennoch hätte man es sich auch hier gewünscht, dass die Frage gestellt würde, ob die Transition-Bewegung tatsächlich auch mehr als kleine, autarke Gemeinden grundlegend verändern kann.
 
Unabhängig vom großen Ganzen jedoch, sind die hier geschilderten Erfolge Ungersheim beeindruckend. Auch wenn nicht jeder Bürger am Projekt mitwirkt, auch wenn es immer wieder Hindernisse zu überwinden gilt, hat es das Dorf im Lauf der Jahre doch geschafft, gerade in Fragen der Ernährung, zunehmend autark zu werden. Vor allem auch im Bemühen, nicht mehr derartige Mengen an Lebensmitteln zu verschwenden, wie es in der konventionellen Wirtschaft passiert. Nicht mehr im Überfluss wird hier produziert, sondern maßvoll und überlegt und vor allem sich traditioneller Methoden erinnert, auch scheinbare Reste auf die ein oder andere Weise zu verwenden.
 
Totale Autarkie ist in der modernen Welt zwar unrealistisch und sicher auch nicht erstrebenswert, doch ohne Bemühungen, etwas an der verschwenderischen, umweltzerstörerischen Lebensweise zu ändern, die die Menschen im letzten Jahrhundert gewählt haben, wird es nicht weitergehen, das zeigt Marie-Monique Robin in ihrer sehenswerten Dokumentation „Worauf warten wir noch?“ eindringlich.
 
Michael Meyns