Worst Case Scenario

Regisseur Georg will im polnischen Danzig während der Fußball-EM einen Film auf einem Campingplatz drehen. Da springen kurz vor Drehbeginn die Geldgeber ab, der Tonmann wirft entnervt das Handtuch – und seine Ex-Freundin und die verantwortliche Kostümbildnerin des Films offenbart ihm ganz nebenbei auch noch, dass sie von ihm schwanger ist. Die größtenteils improvisierte Film-im-Film-Realsatire "Worst Case Scenario" entwirft ein ebensolches auf herrlich komische, tragisch-absurde Art. Nicht nur wegen der famosen Hauptdarsteller, sondern vor allem auch aufgrund der Vielzahl an gelungenen Ideen und schrulligen Nebenfiguren funktioniert der Film bestens als die Fragilität zwischenmenschlicher und beruflicher Beziehungen entlarvender Film.

Webseite: http://grandfilm.de/worst-case-scenario

Deutschland 2014
Regie: Franz Müller
Buch: Franz Müller
Darsteller: Samuel Finzi, Eva Löbau, Laura Tonke, Janek Bielawski
Länge: 82 Minuten
Verleih: Grandfilm
Kinostart: 20. August 2015
 

FILMKRITIK:

Es ist das Schlimmste, was einem Regisseur passieren kann: Kurz vor Drehbeginn springen die geldgebenden Produzenten ab, der Film steht auf dem Spiel. Der Regisseur, das ist der ehrgeizige Georg (Samuel Finzi), der sich mit seinem immer kleiner werdenden Filmteam auf einem Campingplatz in Danzig zu Zeiten der Fußball-EM in Polen aufhält, um einen Film zu drehen. Einen Film, der immer unwahrscheinlicher wird: Das Geld fehlt, das Drehbuch ist alles andere als ausgereift und nun wirft auch noch der Tonmann entnervt das Handtuch. Und:  Georgs Ex-Freundin und Kostümbildnerin Olga (Eva Löbau) ist auch noch von ihm schwanger. Dennoch: Georg hält an dem Projekt fest und will den Film machen, komme was wolle. Am Drehort herrscht Chaos und nun verabschiedet sich noch auch noch ein Darsteller nach dem anderen. Mit einem Team von polnischen Laiendarstellerin soll der Film schließlich doch noch entstehen. Wird der Film jemals fertig und können Georg und Olga ihre private Krise meistern?

Die Low-Budget-Film-im-Film-Komödie "Worst Case Scenario" stammt vom Mosbacher Filmemacher und Drehbuchautor Franz Müller, der 2009 mit seinem preisgekrönten Beziehungsdrama "Die Liebe der Kinder" bekannt wurde. "Worst Case Scenario" entstand mit einer Mischung aus polnischen Laien-Schauspielern und gestanden deutschsprachigen Kino- und TV-Gesichtern wie etwa  Hauptdarsteller Samuel Finzi, bekannt aus "Flemming", oder Eva Löbau, die man schon oft im "Tatort" oder auch in "Wilsberg" gesehen hat.

Die chaotischen Vorgänge am Drehort in Polen, die der Film herrlich unprätentiös und ohne sie auf die Spitze zu treiben, darstellt, muten nicht selten wie absurdes Theater und regelrecht tragikomisch an , sodass "Worst Case Scenario" als klassische Realsatire im besten Sinne angesehen durchgeht. Die Wirklichkeit wird zur aberwitzigen-abwegigen aber tatsächlichen Satire, wenn das unter realistischen Bedingungen präsentierte, größtenteils improvisierte Szenario immer mehr aus den Fugen gerät und sich – im wahrsten Sinne – zu einem "Worst Case Scenario" entwickelt. Da bekommt man schnell Mitleid mit dem engagierten, jederzeit ans Projekt glaubenden Georg, wenn das Filmteam immer weiter schrumpft, die Geldgeber kalte Füße bekommen – und ihm seine Ex-Geliebte unter diesen erschwerten Bedingungen dann auch noch offenbart, dass sie seinen Nachwuchs in sich trägt.

Samuel Finzi glänzt dabei als couragierter, umtriebiger Filmemacher, der nur ein Ziel vor Augen hat: den Film zu realisieren. Dass es bei ihm auf menschlicher Ebene öfter auch hapert und er am Ende – kurz vor der Verzweiflung stehend – seine Mitarbeiter derart schlecht behandelt und herumkommandiert sowie an ihnen seine Launen auslässt, wie es auch Rainer Werner Fassbinder getan haben soll, spielt für ihn da weniger eine Rolle. Herrlich ist jene Szene, wenn die Reste des Filmteams – unmotiviert, ja fast gleichgültig – zusammengekauert im Zelt hocken und der kämpferische Georg die letzten Reserven der Mannschaft aktivieren will und diese nochmals zu motivieren versucht: um Filme zu machen müsse man schließlich in der Lage sein, seine eigene Mutter umzubringen. Natürlich verfehlt die beherzte Ansprache seine Wirkung völlig. Und so dreht man notgedrungen weiter: mit einer unprofessionellen Ausrüstung, einem lustlosen Team, im Dauerregen und im absoluten produktionstechnischen Chaos.

Hinzu kommt eine Reihe an großartigen Ideen und wunderbar eingesetzten Sidekicks, die für enorme Erheiterung sorgen: von der viel zu leisen und schüchternen Aufnahmeleiterin, deren Ansagen man kaum versteht, über die wahrlich untalentierten einheimischen Laiendarsteller bis hin zum notorisch schlecht gelaunten und immer nörgelnden, "improvisierten" Kameramann, der Lars von Trier nacheifern will. "Worst Case Scenario" ist ein beachtenswerter, entwaffnend ehrlicher Film, der auf glaubwürdige und köstlich unterhaltende Art darlegt, wie fragil nicht nur zwischenmenschliche sondern auch berufliche Beziehungen sein können und wie sehr man, nicht nur als Filmemacher, darunter leiden kann.
 
 Björn Schneider