Wuestenblume

Basierend auf dem besonders in Deutschland überaus erfolgreichem Buch inszeniert Sherrry Hormann die Lebensgeschichte des somalischen Models Waris Dirie. Diese wurde berühmt, als sie offen über die Genitalverstümmelung berichtete, die ihr als Kind zugefügt wurde. Ein Thema, dass der Film mit einer etwas befremdlichen Mischung aus Anklage gegen Unterdrückung der Frau und locker-leichter Aufstiegsgeschichte in der Modewelt behandelt.

Webseite: www.wuestenblume-film.de

Deutschland 2009
Regie: Sherry Hormann
Drehbuch: Sherry Hormann, nach dem Buch von Waris Dirie
Kamera: Ken Kelsch
Schnitt: Clara Fabry
Musik: Martin Todsharow
Darsteller: Liya Kebede, Sally Hawkins, Timothy Spall, Juliet Stevenson, Craig Parkinson, Anthony Mackie, Meera Syal
Länge: 120 Min.
Verleih: Majestic
Kinostart: 24. September 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Wichtige Themen sind nicht unbedingt Garant für herausragende Filme – und Sherry Hormanns „Wüstenblume“ bildet da keine Ausnahme. Auch wenn man vom Leben Waris Diries als weltberühmtes Model und späterer Kämpferin für die Rechte der Frauen wenig weiß, hat wohl doch jeder mitbekommen, dass sie das Thema Genitalverstümmelung an die Öffentlichkeit gebracht hat. Und so wundert man sich dann doch, wenn nach einem kurzen Prolog in Somalia, der die 13jährige Waris als schon starke, selbstbewusste Frau zeigt, der eigentliche Film Jahre später in London einsetzt. Im Moment von Waris Verlassen der somalischen Botschaft (jetzt als 20jährige gespielt von Liya Kebede), in der sie Jahre als Hausmädchen gelebt hat, am Beginn ihres Weges in die Freiheit und in ihr neues Leben. Von da an läuft alles überaus einfach. In einem Modegeschäft lernt sie Marilyn (Sally Hawkins) kennen, eine Version der überdrehten Poppy aus „Happy Go-Lucky“, die sie in ihr Appartement mitnimmt und ihr einen Job bei McDonalds vermittelt. Dort sieht sie der Fotograf Terry Donaldson (Timothy Spall), der Waris seine Karte gibt und sie, als sie sich endlich meldet, zum Star macht. Mit Hilfe der Agenturchefin Lucinda (Juliet Stevenson), wird sie weltberühmt, wobei auch Visaprobleme und ähnliches keine große Hürde sind.

Das ist alles unspektakulär erzählt, der soziale Aufstieg ist rasant, das eigentliche Thema des Films gerät da über weite Strecken völlig in den Hintergrund. Dramaturgisch mag es Sinn machen, Waris Erkenntnis, dass nicht alle Frauen verstümmelt sind und mit ständigen Schmerzen leben, in der Erzählung weit nach hinten zu schieben. Schließlich hat es auch im wirklichen Leben lange Jahre gedauert, bis Waris Dirie, fast am Ende ihrer Modelkarriere, in einem Interview über ihre Vergangenheit sprach und eine neue Seite in ihrem Leben aufschlug. Und so füllt auch der Film erst in späten Rückblenden die Lücken zwischen Prolog und Filmbeginn aus. So entsteht eine merkwürdige Diskrepanz zwischen dem eher komisch und überdreht gezeichneten Modelbusiness und dem tragischen Thema der Genitalverstümmelung. Viel zu unbeschwert wirkt der eine Teil des Films im Vergleich zu dem, worauf es ihm eigentlich ankommt. Doch selbst am Ende, als Waris vor der UN über ihr Schicksal und das von tausenden anderen Frauen spricht, konzentriert sich der Film nicht auf sein Anliegen, sondern deutet noch das Happy End einer Liebesgeschichte an. Einen wirklichen Film über Afrika und das lange totgeschwiegene Thema der Genitalverstümmelung zu drehen, hat man sich dann offenbar doch nicht so richtig getraut. Eine Erfolgsgeschichte im Modelbusiness ist eben einfach leichter goutierbar.

Michael Meyns

Die Geschichte einer somalischen Nomadin, einer illegalen Immigrantin in England, einer Putzfrau bei McDonald’s, eines Topmodels, einer genital Verstümmelten, einer UN-Botschafterin zur Rettung vor der ruchlosen Zwangsbeschneidung von Frauen.

Damit sind nicht etwa mehrere Personen gemeint, sondern eine einzige, nämlich Waris Dirie, die Bekennerin eines an ihr aus falsch verstandener Tradition begangenen Verbrechens, die Verfasserin einer weltweit verbreiteten Biographie, die Frau, die die „Wüstenblume“ genannt wird (und das gleichnamige Buch schrieb).

Waris wird als kleines Mädchen beschnitten; soll noch als Kind einem alten Mann verheiratet werden, der dafür fünf Kamele zahlt; flieht; kommt nach London; begegnet dort zum Glück der quietschfidelen Marilyn, die zu ihrer Freundin wird; wird wegen ihrer Schönheit von einem Modephotographen entdeckt; kann jedoch zunächst als Model nicht reüssieren, weil die Papiere nicht stimmen; geht deswegen eine Scheinehe ein, in der sie bedrängt wird; erhält endlich die unbefristete Aufenthaltserlaubnis; wird jetzt Spitzenmodel; macht die Geschichte der an ihr (und vielen anderen) begangenen Untat öffentlich; wird von UN-Generalsekretär Kofi Annan zur Botschafterin für den Kampf gegen die genitale Verstümmelung von Frauen ernannt; hält vor der UN-Generalversammlung eine flammende Rede, die in vielen Ländern praktisch aufgegriffen wird.

Aus alledem hat Sherry Hormann mit einer großen Zahl fähiger Mitarbeiter eine vielszenische, raffiniert montierte, bewegende filmische Biographie hergestellt. Das leidvolle und abenteuerliche Leben der heute berühmten Waris Dirie macht ebenso mitfühlend, wie die mitgeteilte Botschaft ankommt: Hört endlich mit der kriminellen genitalen Verstümmelung der Frauen auf. Nach Schätzungen sind es mehrere tausend Fälle täglich, über 130 Millionen weltweit müssen so leben.

Wie das echte Topmodel Liya Kebede, eine Frau von beachtlichem Aussehen, diese Waris darstellt, ist schauspielerisch wie charismatisch außergewöhnlich. Umringt ist sie von Spitzenkräften wie Sally Hawkins als Marilyn, Timothy Spall als Photograph Donaldson, Juliet Stevenson als Model-Agentin, Craig Parkinson als Scheinehemann Neil, Soraya Omar-Scego als junge Waris sowie Meera Syal in einer kleinen, aber pfiffigen Nebenrolle.

Thomas Engel