Wüstentänzer

Basierend auf der Biographie des iranischen Tänzers Afshin Ghaffarian erzählt „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ eine dramatische, zuweilen pathetische Geschichte vom kulturellen Widerstand im Iran, von der Kraft des Tanzes und dem Mut einer jungen Generation.

Webseite: www.senator.de

OT: Desert Dancer
Großbritannien 2014
Regie: Richard Raymond
Drehbuch: Jon Croker
Darsteller: Reece Ritchie, Freida Pinto, Tom Cullen
Filmlänge: 109 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: 3. Juli 2014
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FILMKRITIK:

Tanz ist nicht nur körperliche Ertüchtigung, sondern auch Ausdruck von Gefühlen, Gedanken und Ängsten. Darf der Mensch nicht mehr tanzen, fehlt ihm also nicht nur eine positive Aktivität, sondern auch eine Möglichkeit, sich mitzuteilen. Er ist unfrei. „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ erzählt die wahre Geschichte eines Mannes, der sich dieser besonders perfiden Form von Zensur nicht unterwerfen möchte.
 
Im Iran ist das Tanzen verboten, weshalb Afshin (Reece Ritchie) seinem Hobby schon in jungen Jahren in aller Heimlichkeit nachgehen muss. An der Universität schließlich trifft er auf mutige Gleichgesinnte, die bereit sind, den strengen Regeln der islamischen Moralpolizei zum Trotz eine Tanzgruppe zu gründen. Doch Afshin will mehr, als nur im Verborgenen mit seinen Freunden zu trainieren. In der Wüste vor einem Publikum aufzutreten ist für ihn Ausdruck jener Freiheit, den ihm die iranische Gesellschaft bislang versagt hat. Doch mit diesem Traum bringt er nicht nur sich selbst, sondern auch seine Mitstreiter in große Gefahr.
 
Obwohl „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ im Iran spielt, ist Richard Raymonds Inszenierung des Stoffs eine spürbar westliche. Sein Film ist weniger das BioPic eines Künstlers als vielmehr ein klassischer Tanzfilm nach amerikanischem Vorbild, der neben ausgedehnten Choreographien auch viel Drama, Herzschmerz und Pathos zu bieten hat.  Damit gelingt es Richard Raymond ein breites Publikum zu erreichen und für die Situation im Iran zu sensibilisieren. Die strengen Regeln des islamischen Staates werden ebenso sichtbar wie ihre Folgen: Afshin und seine Freunde fühlen sich gefangen im eigenen Land, und die begeisterte Tänzerin Elaheh (Freida Pinto) leidet unter dem Verbot ihrer Passion so sehr, dass sie sich in den Heroinrausch flüchtet.
 
Es sind jedoch gerade Elemente wie Elahehs Drogensucht, die – wenn auch auf wahren Begebenheiten beruhend – den Bogen überspannen. Die Situation der Studenten im Iran ist schwierig genug und ihre Dramatisierung erscheint so unnötig wie auch kontraproduktiv. Mit dem üppigen Einsatz pathetischer Filmmusik und dem vielleicht romantischsten Heroinentzug der Filmgeschichte beraubt sich „Wüstentänzer“ bedauerlicher Weise einiger Glaubwürdigkeit.
Auch die Besetzung der iranischen Charaktere mit offensichtlich nicht-iranischen Schauspielern mag nicht ganz zu überzeugen. Immerhin legen die beiden Hauptdarsteller Reece Ritchie und Freida Pinto ein überraschendes Bewegungstalent an den Tag. Wie jeder gute Tanzfilm lässt sich auch „Wüstentänzer“ für die Performances viel Zeit. Dankbarerweise zerpflückt Richard Raymond diese Passagen nicht durch Schnitte und kann somit den Zauber des körperlichen Ausdrucks vermitteln. Die Choreographien rangieren an der Grenze zwischen Modern Dance und Tanztheater, geben ergreifende Einblicke in die Seelen der Figuren und demonstrieren Potential und Kraft dieser Kunstform.
 
„Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum von Freiheit“ basiert auf einer wahren Begebenheit, entwickelt jedoch kaum Authentizität. Mit dem Ziel der Breitenwirksamkeit bedient sich der Film großzügig am Pathosrezept des Hollywoodkinos auf Kosten von Charme und Glaubwürdigkeit. Den Mut der Protagonisten lässt die brave Inszenierung vermissen, und vermutlich ist es eben jener Kontrast zwischen Form und Inhalt, der das Publikum schließlich befremdet. So ist „Wüstentänzer – Afshins verbotener Traum“ vor allem ein Tanzfilm, der Fans dieses Genres berühren kann, politisch jedoch nur an der Oberfläche kratzt.
 
Sophie Charlotte Rieger