Scialla!

„Scialla!“ ist der italienische Ausdruck für „Bleib locker!“, aber entspannt reagiert der betont lässige Exlehrer Bruno nicht gerade, als ihm plötzlich ein pubertierender 15-jähriger unter die Fittiche geschoben wird. Luca ist der Sohn, von dem er nichts wusste und der wiederum nichts von der Schule wissen will. Turbulenzen stehen ins Haus, jede Menge Ärger und unnützer Überraschungen, kurz: eine debattierfreudige Vater-Sohn-Komödie. Für dieses Regiedebüt wurde der für seine geistreichen Drehbücher bekannte Francesco Bruni („Das ganze Leben liegt vor dir“) mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem David di Donatello und mit dem Nachwuchspreis auf den Filmfestspielen von Venedig.

Webseite: www.kairosfilm.de

Italien 2011
Regie: Francesco Bruni
Darsteller: Fabrizio Bentivoglio, Filippo Scicchitano, Barbara Bobulova, Vinicio Marchioni, Arianna Scommegna
Laufzeit: 95 Minuten
Kinostart: 24. April
Verleih: Kairos

FILMKRITIK:

Ärger hätte es den schon leicht verschrateten, ehemaligen Lehrer Bruno (Fabrizio Bentivoglio) – eine italienische Variante des ¨Dude¨ aus ¨The Big Lebowski¨ in der römischen Vorstadt – kaum treffen können. Keiner will ihm so recht abnehmen, warum er sich als Intellektueller vom System verschlissen fühlt und statt an der Schule zu unterrichten lieber Nachhilfe gibt oder als Ghostwriter Autobiographien für B-Promis schreibt. Nun wird ihm noch von einer flüchtigen Liebesbekanntschaft ein vermuffeltes ¨Pubertier¨ in die Junggesellenbude gesetzt. Luca (Filippo Scicchitano) heißt dieses Prachtexemplar, eine echte Nervensäge, ein arrogant palavernder Halbstarker, der sich auch im Unterricht mit Kopfhöhrern unter seine Raverkutte verzieht
 
Brunos kumpelige Erziehungsversuche prallen an Lucas dämlichen Sprüchen wie: ¨Nur Opfer werden zur Schule gefahren¨ oder ¨Hinter Mädchen rennen nur Schwule her¨ eiskalt ab. Auch seine umfangreiche Bildung in antiker Literatur, die er vor 20 Jahren einmal ambitioniert vermittelte, verpuffen bei Söhnchen Luca in der Bedeutungslosigkeit. Also sucht sich Bruno Trost und Rat bei seiner Auftraggeberin Tina (Barbara Bobulova), einem wohlhabenden ehemaligen Pornostar, deren Autobiographie er gerade schreibt und der er nebenher Verse von Petrarca vorliest. Tina heftet sich höhere Bildung an, als würde sie eine teure Vase ins Regal stellen. Anders als Luca ist Tinas Sprößling ein edel gekleideter Musterknabe. Immerhin treibt Tina Bruno an, sich von einem ¨müden Kater auf der Ofenbank¨ zurück in einen "Tiger" zu verwandeln. Gelegenheit findet sich bald, denn Luca baut noch mehr Mist, als Bruno es sich je herbeigeängstigt hätte. Am Ende soll sich seine hohe Bildung auf abstruse Weise doch noch bezahlt machen

Francesco Bruni machte sich einen Namen über seine Drehbücher für die Filme von Paolo Virzi („La prima cosa bella“, „Das ganze Leben liegt vor dir“, „My name is Tanino“). Ähnlich beredt wie in Virzis Komödien gelingen ihm in seiner ersten Regiearbeit satirische Seitenhiebe auf die heutige Abwertung von Bildung, auf den Siegeszug von Trash und Billigkultur, auf die Berlusconi-Ära insgesamt – mit dieser besonders sanften Ironie und mit diesem Sinn für Schönheit und Zusammenhalt, die den neuen italienischen Kinoerzählern wie Moretti, Soldini, Piccioneoder Virzi zu eigen ist
 
Dorothee Tackmann