WWW – What a wonderful world

Wenn Jacques Tati in Casablanca ein arabisches Liebesmärchen wie aus 1001 Nacht inszeniert hätte, sähe es vielleicht so aus wie "WWW – What a wonderful world". Kino vom Besten, fantasiereich und poetisch, mit originellen Bildern erzählt, modern, frech, witzig. Der Film des Marokkaners Faouzi Bensaïdi ist eine einzigartige Entdeckung des Weltkinos.

Webseite: kairosfilm.de

Frankreich/BRD/Marokko 2006
Regie: Faouzi Bensaidi
Drehbuch: Faouzi Bensaïdi
Montage : Faouzi Bensaïdi
Darsteller: Faouzi Bensaïdi (Kamel), Nezha Rahil (Kenza), Fatima Attif (Souad), Hajar Masdouki (Fatima), El Mehdi Elaaroubi (Hitcham), Mohammed Bastaoui (Vater)
Musik: Jean-Jacques Hertz, François Roy
Länge: 99 Min.
Verleih: Kairos
Kinostart: 13.12.2007

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Große Augen mit Lidschatten, spitze Ohren, tiefe Augenränder – dämonisch wie ein sensibler Vampir wirkt der Auftragsmörder Kamel (Faouzi Bensaïdi). Geheimnisvolle Zeichen zeigen sich ihm an willkürlichen Flecken Casablancas und weisen mit Hilfe eines Codebuches das nächste Opfer aus. Details verrät das Internet: WWW – What a wonderful world! Schon allein, wie Kamel seine Aufträge erhält, bräuchte mehrere Abschnitte Beschreibung. Da der Regisseur Faouzi Bensaïdi die seltene Kunst beherrscht, in Bildern zu erzählen, braucht er nur zwei, drei verblüffende Szenen, um Kamels nächstes Opfer ins Auge zu fassen.

 

Die Verkehrspolizistin Kenza (Nezha Rahil), die im Nebenberuf aus ihrem Handy eine Telefonzentrale macht, traf Kamel zufällig und sucht ihn seitdem. Er nimmt die Spur ihres Schuhs auf, probiert ihn an den Frauen aus, die immer wieder in seinem Penthouse übernachten – wie heißt Aschenputtel im Orient? Ohne zu wissen, dass es die Gesuchte ist, telefoniert Kamel fast jeden Abend anonym mit einer anziehenden Stimme. So suchen und verpassen sie sich immer wieder, eine verspielte Romeo und Julia-Geschichte durchzieht dieses fabulierende WunderWerk aus Thriller, Musical, Satire, Politfarce …

Da wird eine Leuchtwerbung für Limonade zum Liebesbrief, Satellitenschüsseln dienen der Bräunung, an der Bushaltestelle quetschen die Zusteigenden Alteingesessene auf der anderen Seite aus dem Fenster des absurd überfüllten Gefährts. Der Film erlaubt sich ab und zu auch einen sehr lokalen Regenschauer, der wie bei Douglas Adams nur eine Person verfolgt. Verrückte Einfälle dieser Art jagen einander im Minutentakt. Schießereien inszeniert er in Konstellationen wie bei John Woo. Das Verkehrsballett der verliebten Polizistin mitten auf einer Riesenkreuzung wirkt wie bei Lars von Trier in "Dancer in the Dark", oder Busby Berkeley oder halt Jacques Tati. Aber eigentlich ist es einzigartig wunderbar, wie Autor, Busse und Mopeds Kenza umkreisen.

Fahrten durch die Stadt und ihre Vorstädte lassen einen Casablanca aus unterschiedlichsten Vierteln, Höhen, Winkeln und sozialen Perspektiven entdecken. Dabei wählt "WWW" immer eine explizite und exquisite Bildgestaltung. Zwischen all diesen ästhetischen Genüssen enthält "WWW" auch einen knallhart realistischen Erzählstrang: Der junge Hicham, transportiert auf seinem Minilaster alles Mögliche, auch den Vater im Rollstuhl. Verschiedene Jobs sollen das Geld für die illegale Überfahrt nach Spanien zusammenbringen. Als Hacker kommt Hicham dabei auch den Aufträgen Kamels gefährlich in die Quere. Doch nach schwerem Abschied vom Vater überfährt ausgerechnet ein Vergnügungsdampfer den Flüchtlingskahn.

"WWW" ist der zweite Spielfilm des 40-jährigen Marokkaners Faouzi Bensaïdi. Als Ko-Autor schrieb er an André Téchinés Film "Loin" mit, sein erster Spielfilm "Mille Mois" erhielt 2003 in Cannes den Erstlingspreis "Le premier regard". Als Regisseur, Autor, Cutter und Hauptdarsteller sorgt er nun für eine der seltenen Sensationen des Weltkinos: "Beim Gestalten von ‘WWW – What a Wonderful World’ hatte ich das Verlangen, die Genres zu vermischen und in eine Art Dialog zu treten mit einem Teil des Kinos, das nicht arabisch ist und von dem ich nicht in einer natürlichen Weise abstamme, das aber auch meines ist. Es sind dies der Film noir, die Burleske, der Stummfilm. Sie alle gehören auch zu mir und zu meiner Welt der Imagination. Vor allem wollte ich mich mit all dem ganz einfach auch amüsieren." Der Schweizer Kritiker Walter Ruggle nannte den Film "A bout de souffle à Casablanca", aber so viele Vergleiche man auch heranzieht, der Reichtum Bensaïdis bleibt unfassbar, einzigartig.

Günter H. Jekubzik