Yalda

Im iranischen Drama „Yalda“ geht es um eine zum Tode verurteilte Frau, die in einer TV-Show die Chance auf Begnadigung erhält: Sie kommt mit dem Leben davon, wenn ihr die Tochter des Opfers vor einem Millionenpublikum vergibt. Der Filmemacher Massoud Bakhshi prangert mit seinem politischen, gesellschaftskritischen Film gekonnt Missstände wie Frauenfeindlichkeit und die Rückständigkeit des islamischen Rechts an. Das gelingt bisweilen mit Nachdruck und sehr eindringlich, auch wenn sich der Film einen gewissen Hang zu Theatralik und plakativen, kalkulierten Elementen nicht verkneifen kann.

Website: www.littledream-entertainment.com/filme/yalda/

Frankreich / Deutschland / Schweiz / Luxemburg 2019
Regie: Massoud Bakhshi
Drehbuch: Massoud Bakhshi
Besetzung: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari,
Fereshte Sadre Orafaiy, Forough Ghajabagli
Länge: 89 Minuten
Kinostart: 23.07.2020
Verleih: Little Dream Entertrainment

FILMKRITIK:

Am Yalda-Feiertag, der persischen Wintersonnenwende, ist Maryam (Sadaf Asgari), eine zum Tode verurteilte 25-jährige, zu Gast in einer populären iranischen TV-Show. Ihr gegenüber im Studio sitzt Mona (Behnaz Jafari), die immer wie eine große Schwester für sie war. Maryam hat mit Monas Vater, dem 65-jährigen Nasser, in einer Zeitehe gelebt. Nun steht sie wegen des angeblichen Mordes an Nasser am Pranger. Vor laufender Kamera und vielen Millionen Zuschauern, muss Maryam um ihr Weiterleben bangen. Stets in der Hoffnung, dass Mona in der Lage ist zu verzeihen.

Massoud Bakhshi, dessen neuester Film auf der diesjährigen Berlinale seine Deutschland-premiere feierte, möchte mit „Yalda“ auf die steinzeitlichen Traditionen und das rückständige politische System seiner iranischen Heimat aufmerksam machen. Dass er seine Botschaften und die unmissverständliche Kritik an der inhumanen iranischen Rechtsprechung in diese Geschichte um eine auf Quote und Aufmerksamkeit angelegte Reality-TV-Show einbettet, ist äußerst geschickt. Denn so arbeitet er mit Hilfe von Entsprechungen und Parallelen all jene Ungerechtigkeiten heraus, die in diesem Land vor allem Frauen über sich ergehen lassen müssen.

So steht zum Beispiel die Tatsache, dass sich die Zuschauer mittels einer SMS (schuldig? unschuldig?) ins Geschehen einbringen können, für die Willkür der iranischen Gerichte und Behörden. Wenn Bakhshi Maryams Schicksal in den Mittelpunkt rückt, dann verweist er darüber hinaus überdeutlich auf die patriarchalen Strukturen im Iran. Ein Staat, in dem Frauen häufig mit Hass und Missachtung zu kämpfen haben. Und mit dem Format der TV-Show, die rein auf Massentauglichkeit ausgelegt ist und ihre „Kandidaten“ vorführt, prangert Bakhshi auch noch den unreflektierten (TV-)Konsum der Menschen sowie die gewinnorientierten Medienmacher und Senderchefs an.

Was den letztgenannten Punkt angeht, so verlässt sich der Filmemacher jedoch zu sehr auf abgenutzte Klischees sowie althergebrachte Stereotypen und Versatzstücke diverser (Medien) Satiren. Denn in vielen dieser Filme gibt es den schmierigen, aalglatten TV-Moderator oder die erfolgshungrigen, egoistischen Strippenzieher hinter den Kulissen. So auch in „Yalda“. Das ist wenig überraschend. Schade ist zudem, dass Bakhshi auf zu viele Zufälle und plakative Storyelemente baut. Wenn es darum geht, dass Bestechungsgeld – die korrekte Bezeichnung lautet hier: „Blutgeld“ – an Mona fließen soll, dann ist diese natürlich rein zufällig gerade pleite und kann das Geld daher mehr als nötig gebrauchen. Nicht zuletzt um die Firma ihres toten Vaters zu retten. Das wirkt zu konstruiert, beliebig und deshalb unglaubwürdig.

Leider macht es einem ebenso die Hauptfigur nicht immer leicht: Maryam wirkt bisweilen seltsam unentschlossen und unsicher. Es scheint ihr lange nicht klar zu sein, dass ihr Leben auf dem Spiel steht und sie nicht zuletzt auf glaubwürdige, überzeugende Argumente und Äußerungen angewiesen ist. Lob gebührt Bakhshi allerdings, da er sich nie eindeutig auf die Seite einer der Frauen schlägt. Er überlässt es dem Zuschauer sich eine eigene Meinung zu bilden. Damit zwingt er den Betrachter zur Reflexion und einer kritischen Betrachtung des Geschehens.

Björn Schneider