Zentralflughafen THF

Seit zehn Jahren ist der Berliner Flughafen Tempelhof in seiner ursprünglichen Funktion geschlossen, einige Zeit später wurde das Flugfeld zum größten öffentlichen Park Berlins – und 2015 wurden Teile der riesigen, denkmalgeschützten Hallen zum Flüchtlingslager umfunktioniert. An diesem widersprüchlichen, vielfältigen Ort hat Karim Ainouz seine spannende, genau beobachtete Dokumentation „Zentralflughafen THF“ gedreht, die im Panorama der Berlinale Weltpremiere hatte.

Webseite: www.zentralflughafen-thf.de

Dokumentation
Deutschland/ Brasilien/ Frankreich 2017
Regie: Karim Ainouz
Länge: 97 Minuten
Verleih: Piffl
Kinostart: 5.7.2018

FILMKRITIK:

Es ist eines der größten Gebäude der Welt: Der Flughafen Tempelhof im Zentrum Berlins, 1923 gegründet, im Dritten Reich ausgebaut, inzwischen Denkmalgeschützt und wie so vieles in Berlin Teil politischer Debatten. 2015 überholte die Gegenwart alle Überlegungen zur Zukunft des Gebäudes, die Flüchtlingswelle verlangte nach schnellen Lösungen und viel Platz und so wurden die riesigen Hallen des Flughafens in Notunterkünfte umgewandelt.
 
Unweit des Flughafens lebt auch der brasilianische Regisseur Karim Ainouz, vor einigen Jahren mit seinem Spielfilm „Praia do Futuro“ im Wettbewerb der Berlinale zu Gast, der nach einigen Monaten Vorbereitung begann, die Flüchtlinge dokumentarisch zu beobachten. Ein gutes Jahr drehte er auf dem Flughafen Tempelhof und zwar ausschließlich dort. Selten verlässt die Kamera die Hallen, in denen mit Stellwänden und Vorhängen Notunterkünfte gebaut wurden, in denen Ärzte die Flüchtlinge gesundheitlich versorgen, in Kantinen halbwegs landesspezifisches Essen gereicht wird, Kinder herumtoben, ein wenig Sport getrieben und vor allem viel Zeit mit dem Handy verbracht wird.
 
Es ist eine eintönige Existenz, in der die zu diesem Zeitpunkt meist aus Syrien stammenden Flüchtlinge gefangen sind, aus der es kein Entkommen gibt, so lange die Behörden noch nicht endgültig über einen Aufenthaltsstatus entschieden haben. Mehr als vor die Tür zu gehen, um zu rauchen oder mal auf dem Feld zu joggen, ist kaum möglich, allein der Sprachbarriere wegen.
 
Dabei ist das Tempelhofer Feld seit seiner Freigabe für die Öffentlichkeit zu einem der beliebtesten Orte Berlins geworden. Gerade im Sommer finden sich hier jeden Tag und besonders am Wochenende, tausende Menschen wieder, die auf den ehemaligen Start- und Landebahnen Fahrradfahren, die auf den Wiesen Drachensteigen, die grillen, trinken und die fantastischen Blicke genießen, die durch die Weite des Feldes möglich sind. Direkt daneben, getrennt durch einen Zaun, der sie zwar nicht einsperrt, aber doch eine Trennung bedingt: Die Flüchtlinge, Teil des Lebens, Teil von Berlin, aber doch irgendwie weit weg.
 
Aus dieser Dopplung, dieser Gegenüberstellung von zwei räumlich so nahen, psychologisch doch so fernen Welten bezieht Ainouz Film seine Spannung. Ein junger syrischer Flüchtling ist so etwas wie der Hauptdarsteller der Dokumentation, ihm begegnet man immer wieder, sieht, wie er langsam Deutsch lernt, von seiner Duldung erfährt und das Lager Tempelhof schließlich verlässt. Neben ihm existieren viele andere Menschen, mit unterschiedlichen und doch ähnlichen Schicksalen. Manche sind begeistert vom Komfort der Notunterkunft, in der sie rundum versorgt sind, andere beklagen einen Mangel an Privatheit und die langsamen Mühlen der deutschen Bürokratie. Gemein ist ihnen, dass sie Flüchtlinge sind, die aus einer unvorstellbaren Notlage ihre Heimat verlassen haben und im Zentrum der deutschen Hauptstadt ein zwischenzeitliches neues zu Hause gefunden haben. Wie schwer es ist, in dieser Situation eine neue Heimat zu finden und die Hoffnung nicht zu verlieren, zeigt Karim Ainouz in seiner sehenswerten, sehr genau beobachteten Dokumentation.
 
Michael Meyns