Zum Abschied Mozart

Schüler, die ein großes Werk der klassischen Musik einstudieren, das gab’s doch neulich erst in „Rhythm is it“. Das von Christian Labhart in „Zum Abschied Mozart“ begleitete Chorprojekt mag zwar in seiner Intention, gemeinsam an einer großen Sache zu arbeiten, ähnlich gelagert sein. Die Aussage des Schweizers aber geht insofern in eine andere Richtung, als er die nach der Aufführung von Mozarts Requiem KV 626 ihre eigenen Wege gehenden Schüler offen über ihre Schulzeit, Hoffnungen, Ängste und ihre Zukunft sprechen lässt. Das ergibt ein interessantes Bild einer jungen Generation.

Webseite: www.zumabschiedmozart.de

Schweiz 2006
Regie: Christian Labhart
Dokumentarfilm mit Schülern der Rudolf-Steiner-Schule Wetzikon
80 Minuten
Verleih: KinoStar
Start am 8.3.07

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zwölf Jahre haben sie gemeinsam die Schulbank einer Rudolf-Steiner-Schule im Züricher Oberland gedrückt. Zur Tradition an dieser antroposophischen Fakultät gehört zum Ende jedes Schuljahres die Aufführung des Mozart-Requiems durch den Oberstufenchor. Sechs Wochen vor den Ferien beginnen die Proben. Von der mit ihren Gedanken schon bei Studium, Ausbildungsberuf oder anderen großen Plänen weilenden Abschlussklasse ist ein letztes Mal Teamgeist gefragt.

 

Regisseur Christian Labhart hat die Proben mit der Kamera begleitet. Immer wieder muss Chorleiter Thomas Gmelin an die Disziplin der Schüler appellieren, an die Bereitschaft, sich in den Dienst der Sache zu stellen. Seinen Job sieht er weniger als pädagogische denn als künstlerische Arbeit an. Trotzdem muss ab und an Klartext gesprochen werden, wenn Schüler Schwänzen oder es an Mitarbeit mangelt.

Weitaus spannender als der Fortschritt von Stimmbildung und Chorproben sind die außerhalb des Klassenzimmers aufgezeichneten Gespräche und Aussagen der Schüler. Anfangs ist noch nicht ganz klar, was uns „Zum Abschied Mozart“ eigentlich sagen will. Geht es um Meinungen zum Projekt oder zum Werk? Geht es um eine Reflektion der Jahre an der Steiner-Schule? Oder um das, was nach Ende der Schulzeit auf die Schüler wartet? Ein bisschen von allem und sogar noch ein wenig mehr wäre die richtige Antwort. Im Grunde geht es um keine spezifischen Fragen an die Jugendlichen, sondern um das, was diese gerade bewegt – sei es der Wunsch nach einer Revolution von unten, dem Aufstieg mit dem Snowboard in die verschneiten Berge oder der Angst davor, ein Bünzli (Spießer) wie die Eltern zu werden.

Mehr und mehr lernt der Zuschauer drei der Schüler, die aus einer konservativen Familie stammende Geigerin Rebecca, die aus Sri Lanka stammende, von Schweizer Eltern adoptierte und politisch ambitionierte Wanja und den coolen Selfmade-Mann, Skater und Mützennäher Stefan, kennen. Sie stehen stellvertretend für eine Generation, die in diesem Fall wohlbehütet aufgewachsen ist und nicht den Anschein hat, irgendetwas mit jenen Schülern zu tun zu haben, die durch Schreckensmeldungen von Schulmassakern oder ähnlichem aufgefallen sind. Ganz normale Jugendliche also, die hier frei von der Leber weg und doch durchaus reflektiert erzählen, was ihnen gerade so in den Sinn kommt. Ähnlich dem Herzen, das sich beim Singen öffnet, öffnen sie sich für Einblicke in ihre Gedankenwelt. Manchem mag dies belanglos erscheinen, uninteressant ist es nicht.

Dramaturgisch hangelt sich die Dokumentation an den einzelnen Sätzen des Requiems entlang. Den Einstieg in jedes neue Kapitel markieren jeweils beeindruckende, aus eigenwilligem Blickwinkel aufgenommene Landschaftsaufnahmen oder ästhetisierte Stadtansichten der Umgebung. Wie schon „Rhythm is it“ gipfelt schließlich auch „Zum Abschied Mozart“ mit der Aufführung seines Leitwerkes, erweist sich hier indes als nicht ganz so fulminant. Dennoch könnte auch dieser Film als Plädoyer für die Durchführung ähnlich musischer Projekte an Schulen dienen.

Thomas Volkmann

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Eine Rudolf-Steiner-Schule im Zürcher Oberland. Sie gründet wie die übrigen Steiner-Schulen ihre Lehrprinzipien auf die Anthroposophie und ist daher auch Anfechtungen ausgesetzt. Aber sie erzeugt mit Sicherheit in den Schülern mehr Sensibilität und Spiritualität als viele andere Lehranstalten, und deshalb ist auch das, was die Jugendlichen, die sich keineswegs ideologiegebunden oder eingeengt, sondern durchaus frei und modern geben, an Gedanken und Tätigkeiten zum Ausdruck bringen, einer besonderen Beachtung wert.

Nehmen wir zum Beispiel Wanja, die ursprünglich aus Sri Lanka kommt, nun aber längst in der Schweiz heimisch ist. Was sie über die notwendige Veränderung der Zustände in der Welt, über die Revolution, über Gewaltfreiheit, über Gott oder die Todesstrafe zu sagen hat, erstaunt.

Oder Stefan, der Skater und Snowborder. Man müsse immer so leben, dass man jederzeit sterben könne, sagt er unter vielem anderen. Das ist eine wahrlich nicht neue Binsenweisheit. Aber wann hat man sie zum letzten Mal von einem Achtzehnjährigen gehört? Allerdings kann er auch zynisch und verletzend sein. Politisch will er sich nicht engagieren.

Und Rebecca, die „Brave“. Sie setzt sich für eine kosovarische Flüchtlingsfamilie mit behindertem Kind ein, spielt erste Geige im Jugendsinfonieorchester Züricher Oberland und lehnt es ab, sich einer jugendlichen Gruppierung in der Schule anzuschließen. Sie würde dies als billige Uniformität empfinden.

Zwölf Jahre waren die Schüler umsorgt und behütet. Jetzt werden sie ohne Schutz die Existenz allein meistern müssen. Als Kind, sagt Regisseur Christian Labhart, hat man zunächst völlige Freiheit. Als Erwachsener muss man Schranken setzen, um letztlich wieder frei werden zu können. Er will den Schülern eine Freude mit ins Leben geben. Und was für eine Freude!

Chorleiter Thomas Gmelin studiert jedes Jahr mit den Schülern zum Abschluss der Studien ein großes klassisches Chorwerk ein. Dieses Mal soll es das Requiem von Mozart sein. Das ist zwar eine Totenmesse, doch es schwingen, wie gesagt wird, auch Optimismus und Leichtigkeit mit, die ihren Ursprung in der kindlichen Lebensfreude Mozarts haben. Und eben das ist die Freude, von der der Regisseur spricht.

Monatelang bereitet Gmelin mit Einfühlungsvermögen, aber auch mit Disziplin das Konzert vor. Er versteht es meisterlich, auf die Jugendlichen einzugehen, selbst wenn diese mit ihren eigenen Problemen beschäftigt sind oder aus irgendeinem Trotz nicht zur Probe erscheinen wollen. Er will ihnen, den hundert „modernen“ Halbwüchsigen, die Mozartsche Musik nicht aufdrängen. Aber: „Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für die Jugendlichen der Einstieg gerade in Chorwerke mit geistlichem Inhalt nicht ganz einfach ist, dass sie jedoch durch diese Arbeit zu einem Erlebnis kommen, das unabhängig vom persönlichen Geschmack wird.“

Die Hauptperson nicht zu vergessen: Mozart. Das Requiem ist sein letztes Werk und eines der ergreifendsten der Musikgeschichte. Er schrieb es – unvollendet  – 1796 auf dem Sterbebett.

Der auch formal ziemlich geglückte Film, mit dem sich der Regisseur nahe an den Jugendlichen und am Geschehen hält, ist ein Gewinn. Es ist, wie die Schweizer Lehrer-Zeitung schreibt: „Nach dem äußerst erfolgreichen ‚Rhythm is it’ ist dies ein weiterer Film über die pädagogische Kraft, die ‚Unmögliches’ möglich macht.“

Thomas Engel