Zwischen den Wellen – En Solitaire

Ein Mann, ein Schiff, das Meer: ideale Vorgaben für einen Abenteuerfilm. Dieser ist besonders gelungen, denn er bietet fantastische Cinemascope-Bilder in einer aufregenden Geschichte über den Regattasegler Yann (François Cluzet, ZIEMLICH BESTE FREUNDE), der allein um die Welt segelt. Nicht nur Wind, Wellen und Wetter machen ihm zu schaffen, sondern auch ein blinder Passagier, eine Kollegin in Seenot und sein ehrgeiziger Teamchef. Die maritime Stimmung überträgt sich schnell aufs Publikum. Beinahe scheint es, als ob der Orkan durch den Kinosaal bläst und die Gischt von der Leinwand sprüht. Cluzet als Held zur See, das ist ein Fest für seine Fans und ein Fest für alle, die sich nach atemloser Spannung sehnen.

Webseite: www.senator.de

Originaltitel: En Solitaire
Frankreich 2013
Regie: Christophe Offenstein
Drehbuch: Jean Cottin, Christophe Offenstein
Darsteller: François Cluzet, Samy Seghir, Virginie Efira, Buillaume Canet, Karine Vanasse
96 Minuten
Verleih: Senator
Kinostart: neu 18. September 2014

FILMKRITIK:

Im Gegensatz zu den anderen Teilnehmern der härtesten Segelregatta der Welt, der „Vendée Globe“, konnte Yann kaum Vorkehrungen treffen. Er ist im letzten Moment für seinen verletzten Freund und Chef Franck eingesprungen. Glücklicherweise ist Yann ein erfahrener Segler, topfit und motiviert bis unter die Haarspitzen. Auch auf seine Freundin kann er sich verlassen – sie kümmert sich zu Hause um Yanns kleine Tochter.

Und schnell wird klar: Diese Regatta ist absolut nichts für Weicheier, denn obwohl Yann ein technologisches Wunderwerk von Segelschiff lenkt, ist das Leben an Bord voller Gefahren und Entbehrungen. An Schlaf ist kaum zu denken – nur selten ist das Wetter einmal so ruhig und beständig, dass der Skipper sich für ein paar Stunden ausruhen kann oder Zeit hat, nach Hause zu telefonieren. Denn an Bord hat Yann genug Probleme: Das Steuerruder wird beschädigt, und er muss es ohne fremde Hilfe reparieren. Als endlich alles einigermaßen reibungslos funktioniert, taucht plötzlich ein blinder Passagier auf, durch dessen Anwesenheit Yann in Gewissensnöte gerät. Schließlich muss er die Regatta allein bewältigen …

François Cluzet zeigt Yann als pfiffigen, warmherzigen und buchstäblich mit allen Wassern gewaschenen Skipper. Trotz aller Plackerei an Bord verliert er niemals seinen Optimismus – er ist ein Held im besten Sinne, der mit Herz und Verstand an seine Grenzen geht. Zu sehen, wie sich Cluzet auf dem Schiff bewegt, wo jeder Handgriff sitzen muss, ist unglaublich. Er spielt, und gleichzeitig segelt er das Boot, gefilmt von einer Handkamera, und ständig in Gefahr, ins Wasser zu fallen. Er scheint mit seinem Schiff ebenso verwachsen zu sein wie mit seiner Rolle – ein toller Seemann, ein Teufelskerl, der mit seinem sanften Lächeln jeden bezaubert und dem es gelingt, den Yann als energischen und dennoch feinfühligen Mann darzustellen, der bei aller Verwegenheit das Herz auf dem richtigen Fleck trägt. Samy Seghir hat es nicht leicht neben diesem Naturereignis von Schauspieler. Doch es gelingt ihm, den jungen Mauretanier Mano Ixa glaubhaft und sympathisch darzustellen.

Das wilde, weite Meer ist Yanns größter Gegner. Bezwingen kann er es nicht, aber er kann lernen, einigermaßen mit ihm auszukommen. Die größte Rolle in diesem Film spielt dann auch der Ozean in seiner grenzenlosen Weite, in dem das High Tech-Regattaboot wie eine winzigkleine Nussschale schwimmt. Die beeindruckenden Bilder von Guillaume Schiffman sind schön anzusehen und von großer Intensität. Sie zeigen das spartanische Leben an Bord, die tägliche, harte Arbeit, aber vor allem die Kraft der Natur, ihre Schönheit und ihre zerstörerische Macht: Eisberge, Orkane mit turmhohen Wellen, Wale – Gefahren gibt es viele. Sie zu überstehen, ist das eine. An ihnen zu wachsen, ist das andere. Zwischendurch gibt es Phasen der Entspannung; dann geht es zurück nach Frankreich, wo Yanns Freundin Marie (Virginie Efira) sich langsam mit seinem Töchterchen befreundet und wo der humpelnde Teamchef seinem Freund aus der Ferne Anweisungen gibt. Doch irgendwann lässt sich Yann nichts mehr sagen. Er steuert sein Schiff. Alles andere zählt nicht. Oder gibt es vielleicht doch noch etwas, was wichtiger ist als der Sieg?

Gaby Sikorski