Zwischen uns das Meer

Von der Schwierigkeit, anzukommen, erzählt der in Marokko geborene Saïd Hamich Benlarbi, der selbst als elfjähriger über das Mittelmeer nach Frankreich kam und in seinem Spielfilmdebüt „Zwischen uns das Meer“ lose autobiographisch von Migranten im Süden Frankreichs erzählt. In den 90er Jahren ist die Geschichte angesiedelt, was ihr einen besonders elegischen Anstrich verleiht, als käme sie aus einer Zeit, die nicht mehr existiert.

 

 

Über den Film

Originaltitel

La mer au loin

Deutscher Titel

Zwischen uns das Meer

Produktionsland

FRA, MAR, BEL

Filmdauer

117 min

Produktionsjahr

2024

Regisseur

Benlarbi, Saïd Hamich

Verleih

n.n.

Starttermin

23.04.2026

 

1990 kommt Nour (Ayoub Gretaa) aus Marokko nach Frankreich, mit Mitte 20, noch jung genug, um voller Hoffnung auf das Leben in der Fremde zu blicken. Doch als Illegaler sind seine Möglichkeiten begrenzt, zusammen mit anderen Marokkanern lebt er in einem besetzten Haus, mit Kleinkriminalität hält sich die Gruppe mehr schlecht als recht über Wasser, verkauft die erbeutete Ware in den engen Gassen der Hafenstadt Marseille, stets auf dem Sprung, wenn wieder einmal die Polizei eine Razzia macht.

Bei einer solchen wird auch Nour geschnappt, doch der Polizist Serge (Grégoire Colin), der sich offenbar zu ihm hingezogen fühlt, lässt ihn laufen, verbrennt allerdings Nours Pass. Einige Jahre später haben manche von Nours Freunden einen gewissen Halt in Frankreich gefunden, Houcine arbeitet als Bauer, (Omar Boulakirba), aber seine Frau und Tochter leben noch in der Heimat. Fadela (Rym Foglia) wiederum hat durch die Heirat mit einem Franzosen die Staatsangehörigkeit bekommen und lebt in Sicherheit.

Eine Möglichkeit, die sich bald auch für Nour ergibt, der nach einer Schlägerei von Serge aufgenommen und dessen Frau Noémie (Anna Mouglalis) vorgestellt wird. Die akzeptiert die Bisexualität ihres Mannes, der bald stirbt, es sind die 90er, AIDS ist oft noch tödlich. Bald daruaf heiraten Nour und Noémie, doch irgendwas steht immer noch zwischen ihnen.

Einen epischen Bogen schlägt Saïd Hamich Benlarbi in seinem ersten Spielfilm „Zwischen uns das Meer“, der in mehreren Kapiteln fast die ganzen 90er Jahre beschreibt. Langsam werden die Figuren älter, mit der Zeit zerschlagen sich Hoffnungen auf ein besseres Leben, werden Pläne geschmiedet und verworfen, doch manches bleibt gleich: Der Wunsch, die Heimat wiederzusehen, vor allem aber die Musik, die die Menschen verbindet, Erinnerungen evoziert.

Immer wieder begibt sich „Zwischen uns das Meer“ in Bars und Clubs, zu Konzerten und Feiern, steht die Musik aus dem Maghreb im Mittelpunkt, die die Migranten an ihre Heimat erinnert, ihnen das Leben in der oft unwirtlichen Fremde leichter erträglich macht. In einer Szene sitzen Nour und seine Freunde im Auto, die Stimmung ist anfangs gereizt, doch dann beginnen die typischen Rhythmen der Raï Musik aus dem Autoradio zu schallen, die Stimmung lockert sich, die Musik verbindet sie, lässt sie an ihre Heimat denken.

Von der Musik getragen erzählt Hamich Benlarbi in einem elegischen Tonfall, der unmerklich über den Fortgang der Zeit hinwegträgt, der ohne große dramatische Spitzen – vieles wird außerhalb des Bildes erzählt oder nur angedeutet – von einem Jahrzehnt im Leben von Migranten erzählt, die nach und nach Teil der französischen Gesellschaft werden, am Ende aber doch so wirken, als wären sie nicht richtig angekommen. Ein Teil von ihnen scheint in Nordafrika geblieben zu sein, getrennt durch das Meer, nicht ganz akzeptiert in der neuen Heimat, die in den folgenden Jahren noch abweisender werden sollte.

 

Michael Meyns

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