Zwischen uns das Paradies

Die bosnische Regisseurin Jasmila Zbanic hat auch für ihren auf „Esmas Geheimnis“ folgenden Film wieder eine sehr private Geschichte mit einer gesellschaftlich brisanten Thematik ausgewählt. Die Liebesbeziehung eines glücklichen Paares im heutigen Sarajevo wird dabei nicht nur vom nicht erfüllten Kinderwunsch der beiden belastet, sondern mehr noch von einer glaubensbasierten Veränderung. Dass sich der aufgeklärte muslimische Mann eines Tages den Wahabiten anschließt, einer streng islam-gläubigen Gemeinde, macht nicht nur seine Frau rat- und sprachlos.

Webseite: www.zwischenunsdasparadies.de

OT: Na putu, Engl. Titel: On the path
Bosnien-Herzegowina/Deutschland/Österreich 2009
Regie: Jasmila Zbanic
Darsteller: Zrinka Cvitesic, Leon Lucev, Ermin Bravo, Mirjana Karanovic, Marija Kohn, Nini Violic, Sebastian Cavazza
100 Minuten
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 2.9.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Sensibel und feinsinnig.
Stern

Ein sehenswertes Beziehungs- und Kriegsdrama.
ARD

Jasmila Zbanic, die für ihr Spielfilmdebüt "Esmas Geheimnis" bei der Berlinale 2006 den Goldenen Bären gewann, ist erneut ein politisch hochbrisantes Familiendrama gelungen – keine plumpe Anti-Islam-Polemik, sondern eine spannende Reise in eine sehr fremde Welt.
DER SPIEGEL

FILMKRITIK:

Das Leben im modernen Bosnien geht weiter, ganz verdaut ist der Krieg aber noch lange nicht. Zu ihrem Glück fehlt dem jungen Paar Luna und Amar (Zrinka Cvitesic und Leon Lucev) im Grunde nur noch der eigene Nachwuchs. Risse bekommt die Beziehung zwischen der Stewardess und dem wegen kleiner Alkoholsünden gefeuerten Fluglotsen nach einem harmlosen Autounfall. Bei dem kleinen Rempler mit lediglich Blechschaden trifft Amar einen ehemaligen Kriegskameraden wieder, den er aufgrund von dessen Vollbart zunächst kaum erkennt.

Es stellt sich heraus, dass Bahrija (Ermin Bravo) sich den Wahabiten angeschlossen hat, einer fundamentalistischen religiösen Gruppe von Islamisten, die nicht nur in Bosnien, sondern zum Beispiel auch in der Schweiz immer mehr Anhänger finden. Amar ist über diese Veränderung zunächst erstaunt, fast schon ablehnend. Doch nach einem Gefälligkeitsbesuch in einem wahabitischen Camp ist auch er angefixt von deren Ideologie, liest täglich den Koran, folgt den Ritualen, schlägt Luna vor, sich auch islamisch trauen lassen zu wollen. Besonders hart: weil Geschlechtsverkehr vor der Ehe tabu sein soll, sieht Amar darin auch den Grund für die ausbleibende, nach seiner Auslegung also von Gott nicht gewollte Schwangerschaft.

Diese Wandlung vollzieht sich etwas sehr hopplahopp. Eine Entwicklung lässt Jasmila Zbanic nicht erkennen, sondern behauptet sie vielmehr nur. Sie macht aber damit deutlich, in welcher ohnmächtigen Situation sich Luna von einem auf den anderen Moment befindet, wie ein Mensch, den sie zu kennen glaubte, für sie plötzlich ein Fremder geworden ist. Amar sagt darauf nur: „Nichts hat sich geändert, ich will bloß ein besserer Mensch sein.“

So befremdlich dieser Wandel dargestellt wird, so befremdlich scheint die Situation in Bosnien tatsächlich zu sein, schenkt man Beiträgen in Internetforen Glauben. Wenn dann auch noch Sätze fallen wie „Wir brauchen gute Kämpfer für den Frieden in Bosnien“, dann wird klar, welche Bedrohung hinter diesen Entwicklungen steckt, umgekehrt aber auch, dass der Wunsch nach Frieden und die Angst vor einem neuen Krieg die Menschen Dinge tun lassen, die nicht immer nachvollziehbar erscheinen. Auf den gesamten Film betrachtet wirkt es daher etwas verstörend, dass das Thema auf dem Rücken einer im Prinzip doch simplen Liebesgeschichte ausgetragen wird. Plötzlich wird das von den aufgeklärten Muslimen in Lunas Familie gefeierte Zuckerfest zu einer Pseudoveranstaltung, verdrängt das Fundamentalismusproblem jede Leichtigkeit. Laut Jasmila Zbanic aber ist genau dies Ausdruck einer im Nachkriegsbosnien vorherrschenden Orientierungslosigkeit.

Indem sie dieses Problem auf eben nur eine kleine Liebesgeschichte reduziert, hat sie auch einen Ansatz, zwei ganz auf sich gestellte Figuren, die zunächst als Einheit funktionieren, mit der Thematik und ihren ganz persönlichen Brüchen und Emotionen zu konfrontieren. Dass man nicht beiden folgen kann, obwohl die Kamera dem Zuschauer beide in manchmal sehr intimen Momenten und immer wieder Großaufnahmen von Gesichtern (vor allem jenes von Luna) auch wieder sehr nahe bringt, liegt auf der Hand. So wie Luna am Ende eine Entscheidung für ihre Zukunft treffen muss, so gibt „Zwischen uns das Paradies“ die Vorlage für sicher spannende Diskussionen nach dem Film.

Thomas Volkmann

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