Festivalbericht von der 76. Berlinale

Auch in diesem Jahr sind wieder unsere programmkino.de Redakteure unterwegs gewesen, um die Stimmung zu verfolgen und vor allem Filme zu sichten. Diesmal war ein dreiköpfiges Team aus Daniel Bäldle, Nathanael Di Battista und Sarah Falke allesamt aus Düsseldorf unterwegs, um ihre Einschätzungen in einem Bericht zu teilen, den wir hier veröffentlichen:

76. Internationale Filmfestspiele Berlin

Auch in diesem Jahr fand die 76. Berlinale bei eisigen Temperaturen statt und ließ ihr Publikum
dick eingepackt von Kino zu Kino wandern. Doch zwischen Premierenapplaus und Kaffeebecher-
Hektik zeigte sich schnell, dass die Diskussionen der vergangenen zwei Jahre nicht verschwunden sind.

Auf eine Nachfrage zum Krieg in Gaza betonte Jurypräsident Wim Wenders, dass Filme keine schnellen Antworten auf tagespolitische Fragen liefern müssten und löste damit direkt zu Beginn des Festivals erneute Debatten aus. Einmal mehr stellte sich die Frage, welche Rolle ein internationales Filmfestival in aktuellen politischen Auseinandersetzungen spielen kann oder soll. Ermüdend ist dabei nicht die politische Auseinandersetzung, sondern das wiederkehrende Ausweichen eines staatlich geförderten Festivals. Statt über Filme sprach man über Pressekonferenzen, und wieder blieb ein Teil der Verantwortung bei den einzelnen Filmschaffenden hängen, obwohl die Erwartungen sich vordergründig an die Institution richten. Dabei liefen im Programm zahlreiche politische Arbeiten – auffällig viele von Regisseurinnen –, die
komplexer und unmittelbarer von der Gegenwart erzählen, als jedes Statement es könnte. Abseits dieser Kontroversen wurde auch das Programm selbst gemischt aufgenommen. Große Überraschungstitel oder echte Vorfeld-Hypes blieben aus, ebenso die ganz großen internationalen Stars. Stattdessen setzte man auf bekannte Stammgäste wie Juliette Binoche, Ethan Hawke oder Lars Eidinger. Doch auch neue Gesichter sorgten für Aufmerksamkeit, unter anderem Charli XCX (THE MOMENT), Channing Tatum (JOSEPHINE) oder der mögliche James-Bond-Nachfolger Calum Turner (ROSEBUSH PRUNING). Insgesamt wirkte das Staraufgebot jedoch zurückhaltender als in früheren Jahren, und auch der Wettbewerb hinterließ einen eher durchwachsenen Eindruck.

Bei aller Kritik und Debatte geht es am Ende um die Filme. Hier sind unsere Favoriten aus der Redaktion, einige davon wurden am Samstag bei der Preisverleihung der 76. Berlinale ausgezeichnet:

Mit seiner Einschätzung, dass GELBE BRIEFE zu den spannendsten Wettbewerbsfilmen der diesjährigen Weltpremieren zählt, lag Daniel richtig: Der deutsche Beitrag gewann den Goldenen Bären für den Besten Film und war damit doch sehr politisch. Der deutschtürkische Regisseur Ilker Catak (DAS LEHRERZIMMER) erzählt vom aktuellen Abrutschen der Türkei in eine Diktatur – das Geniale daran: Er verlegt die Geschichte nach Deutschland, um so darauf aufmerksam zu machen, dass dies nicht nur ein türkisches Problem ist.

Eine weitere Empfehlung seinerseits ist ROSE, ein Film, der ebenso gefeiert wurde und für den
Sandra Hüller den Silbernen Bären für die Beste Schauspielerische Leistung in einer Hauptrolle
erhielt. Im Film des Österreichers Markus Schleinzer spielt sie eine Frau, die im 17. Jahrhundert
“in die Hose steigt”, um frei zu sein. In einer Art Haneke-Update von Dreyers Jeanne d’Arc nach
wahren Begebenheiten lebt sie für kurze Zeit die Utopie einer Familie mit zwei Müttern, bevor sie
als Märtyrerin die Konsequenzen trägt.

Sarah hat vor allem den Essayfilm YO (LOVE IS A REBELLIOUS BIRD) des Ehepaars Anna Fitch und Banker White schnell ins Herz geschlossen, der zurecht mit dem Silbernen Bären für eine Herausragende Künstlerische Leistung ausgezeichnet wurde. In dem sehr persönlichen und liebevollen Werk versucht die Filmemacherin, den Verlust ihrer besten Freundin Yo zu begreifen, indem sie eine Puppe erschafft und Yos Wohnung in Miniatur detailgetreu nachbaut – ein vielschichtiges, spielerisches und berührendes Porträt, das ganz auf handgemachte Bilder setzt.

Einen ganz anderen Ton schlägt der Spielfilm NINA ROZA an. Die kanadische Drehbuchautorin und Regisseurin Geneviève Dulude-de Celles wurde für ihr Drehbuch mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet. Im Zentrum steht ein Galerist aus Montreal, der nach Jahrzehnten in seine Heimat Bulgarien reist, um zu prüfen, ob es sich bei einer als Wunderkind gefeierten jungen Künstlerin tatsächlich um ein Ausnahmetalent oder um ein geschickt vermarktetes Konstrukt handelt. Der ruhige Film lässt stellenweise den Eindruck entstehen, den Faden zu verlieren, da er weniger am „Wunderkind“ interessiert ist als an der inneren Zerrissenheit seines Protagonisten. Doch aus der Geschäftsreise in ein Land, aus dem viele fortgegangen sind, entwickelt sich eine leise, tiefgründige Auseinandersetzung mit Herkunft, Heimat und Familie.

WE ARE ALL STRANGERS aus Singapur von Anthony Chen fühlt sich mit seiner Laufzeit von 157 Minuten tatsächlich wie ein ganzes Leben an. In zwei parallelen Erzählsträngen, die schließlich ineinandergreifen, begleitet der Film Vater und Sohn durch ökonomische Unsicherheit und familiäre Verpflichtungen. Was als Liebesgeschichte beginnt, entwickelt sich schleichend zu einem Melodram über gescheiterte Hoffnungen und gesellschaftlichen Wandel.

Ebenfalls zu den Favoriten von Nathanael und Daniel zählt ALLEGRO PASTELL, Anna Rollers Verfilmung des gleichnamigen Kultromans von Leif Randt. Hier sind es die modernen Millennials, die zwischen Selbstverwirklichung und medialer Darstellung versuchen, irgendwie noch eine echte Begegnung zuzulassen: eine Lovestory für eine neue Generation. Nathanael empfiehlt außerdem Sabine Lidls dokumentarisches Porträt über die titelgebende und mit Doktorwürden hochdekoriere Schriftstellerin SIRI HUSTVEDT – DANCE AROUND THE SELF. In kunstvoll-poetischer Montage verdichtet Lidl das komplexe Leben, Schreiben und Denken einer unangepassten Autorin. Die Momente zwischen Siri Hustvedt und ihrem 2024 verstorbenen Ehemann Paul Auster zählen schon jetzt zu den traurig-schönsten Momenten des Kinojahres.

Ebenfalls gefiel ihm LIEBHABERINNEN, mit dem die Regiedebütantin Caroline Kox alias Koxi Elfriede Jelineks Satireroman von 1975 für unsere spätkapitalistische Gegenwart neu frisiert. Derbe Kalauer gehen Hand in Hand mit messerscharfen Beobachtungen über nach wie vor
wirksame patriarchale Barrieren und Ausbeutungsformen. Das Lachen bleibt oft im Halse stecken.

Das Coming-of-Age-Drama SUNNY DANCER des gerade einmal 25-jährigen George Jaques gehört für Sarah neben JOSEPHINE von Beth de Araújo zu den emotionalsten Neuentdeckungen des Festivals. Bella Ramsey überzeugt in der Hauptrolle der vierzehnjährigen Ivy, die sich nach ihrer Krebserkrankung nur schwer zurechtfindet und von ihren Eltern in ein Therapiecamp geschickt wird. Der Film schafft dabei diese seltene, sehr britische Balance zwischen Lachen und
Tränen.

Das amerikanische Drama JOSEPHINE erzählt dagegen kraftvoll und ohne Kitsch von der achtjährigen Josephine, die als einzige Zeugin einer Vergewaltigung zurückbleibt. Das Erlebnis bringt ihren Blick auf die Welt durcheinander und stellt ihre Eltern (Channing Tatum und Gemma Chan) vor große Herausforderungen.

Darüber hinaus hat sie der Dokumentarfilm BUCKS HARBOR des Naturfotografen Pete Muller begeistert, der unter anderem für National Geographic arbeitet. In seiner ersten Regiearbeit porträtiert er eine Kleinstadt in Maine zwischen Hummerfang, rauer Natur und tief verankerten Traditionen. Hinter dem zunächst klischeehaft-amerikanischen Bild verbirgt sich eine reflektierte Auseinandersetzung mit Männlichkeit und Vaterrollen, ergänzt durch den ein oder anderen Hummer-Fact.

Neben unseren persönlichen Favoriten blieben auch einige kleinere Weltpremieren im Gedächtnis, etwa ÁRRU von Elle Sofe Sara, ein samischer Genremix aus Umwelt-Drama und Musikfilm, der den Protest gegen eine Bergbaufirma mit familiären Konflikten und Fragen von Identität und Zukunft verhandelt, getragen von eindringlichem Joik (traditionellem Gesang) und starken Naturbildern.

Besonders visuell überzeugt der mexikanische Dokumentarfilm JARIPEO, der das gleichnamige Rodeo-Fest als Bühne männlicher Selbstdarstellung und Machismo untersucht. In intensiven Farben und mit starkem Rhythmus fangen Efraín Mojica und Rebecca Zweig die queeren Spannungen ein, die unter der Oberfläche dieser scheinbar klar definierten Rollenbilder brodeln. Der Film wird dabei zugleich zu einem sehr persönlichen Coming-out und einem Essay über Identität und Zugehörigkeit.

Einen ganz anderen, fast theatralischen Zugang wählt dagegen A PRAYER FOR THE DYING von Dara Van Dusen, der vor allem wegen seiner Atmosphäre im Gedächtnis blieb. Der Film spielt 1870 in Wisconsin, zu Beginn einer tödlichen Epidemie nach dem Bürgerkrieg, und stellt die Frage, wie man auf eine solche Gefahr zwischen Angst, Glaube und moralischer Verantwortung reagiert. Artifizielle Bilder, kreisende Kamerabewegungen und ein intensives Sounddesign erzeugen eine konstante Spannung und visuelle Wucht.

Auch DER HEIMATLOSE von Kai Stänicke fiel uns auf: Ein bemerkenswert eigenständiges Debüt, quasi eine deutsche Antwort auf Lars von Triers DOGVILLE, in der, ähnlich minimalistisch theaterhaft inszeniert, ein Mann in sein Heimatdorf zurückkehrt, in dem ihn niemand mehr erkennt.
Im Verlauf eines Dorfgerichts entwickelt der Film eine universelle und hochaktuelle Auseinandersetzung mit der Funktionsweise der Gesellschaft durch Lügen. Versöhnlicher kam Eva Trobischs (IVO) Neo-Heimatfilm ETWAS GANZ BESONDERES daher: Eine feinfühlige
Familiengeschichte, inszeniert wie eine Liebeserklärung an private Super-8-Aufnahmen, mit ebenso viel Liebe zum ganz normalen (Ost-) deutschen Mief, die sich mit dem Erzählen von Geschichte(n) auseinandersetzt.

Zu guter Letzt empfiehlt Daniel für alle, die es etwas gruseliger mögen, NIGHTBORN (OT: YÖN LAPSI), der neue Horrorfilm der Finnin Hanna Bergholm (THE HATCHING) mit Harry-Potter-Star Rupert Grint. Der Film erzählt von aktuellen Beziehungsproblemen – wie ein DIE MY LOVE mit Trollen reiht er sich in die Welle brachial präsentierter weiblicher Themen ein und kreuzt sie mit nordischer Naturmystik: dem Body-Horror der Mutterschaft zwischen Komik und Grauen.

Mehr lesen