11th Hour – 5 vor 12

Als Schauspieler hat Leonardo DiCaprio zuletzt in „Blood Diamond“ auf Missstände im Zusammenhang mit der Diamantenindustrie aufmerksam gemacht. Nun spannt er sich als Erzähler vor den Karren einer Dokumentation, die ins gleiche Horn wie Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ stößt. In „The 11th Hour“ macht eine Fülle von Experten deutlich, wie schlimm es um das weltweite Ökosystem bestellt ist.

Webseite: www.11thhour.de

USA 2007
Regie: Leila Conners Petersen & Nadia Conners
Erzähler: Leonardo Di Caprio
91 Minuten
Verleih: Warner Bros.
Kinostart:15.11.2007

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Man kann es ja nicht oft genug wiederholen: das ökologische Gleichgewicht des Planeten Erde ist ins Schwanken geraten. Höchste Zeit, nicht noch tiefer in den Strudel zu geraten. Als wäre er ein Korrespondent in einem Krisengebiet, fasst Leonardo DiCaprio mit eindringlicher Stimme zusammen, was in der Summe das Ökosystem ins Schlingern brachte. Jüngste Ereignisse wie der Hurrikan Kathrina in New Orleans dienen dabei als insbesondere dem amerikanischen Publikum noch in den Knochen steckende Erfahrung, mit welchen Katastrophen bei einer weiteren Verschlimmerung der Klimasituation zu rechnen sein könnte.

 

Anders als „Eine unbequeme Wahrheit“ setzt „The 11th Hour“ – im Amerikanischen Synonym für den hierzulande gebräuchlichen Begriff „fünf vor zwölf“ – jedoch nicht nur auf die Thematik von Klimaveränderung. Die Filmemacherinnen Leila Conners Petersen und Nadia Conners beginnen ihre „Ursachenforschung“ im Grunde bei den Anfängen der Industriellen Revolution vor etwa 200 Jahren. Seit Einführung der Dampfmaschine und dem seitdem stetig gewachsenen Bedarf an fossilen Rohstoffen, durch die explosionsartige Entwicklung der Weltbevölkerung, dem zu deren Ernährung erfolgten Raubbau landwirtschaftlicher Flächen (wie etwa durch Abholzen von Regenwäldern) und der Einstellung, sich endlos an der Natur bedienen zu können, hat sich das Rad der durch diese Entwicklungen hervorgerufenen Katastrophen immer schneller zu drehen begonnen.

Als müsse man sich einer Gehirnwäsche unterziehen geben sich im Laufe der 90 Filmminuten dieser immer wieder auch mit Archivbildern die weltweiten Katastrophen in Erinnerung rufenden Dokumentation eine Vielzahl an Experten, Wissenschaftlern, Umweltaktivisten etc. die sprichwörtliche Klinke in die Hand. Die prominentesten dieser über 50 Talking Heads dürften dabei wohl der renommierte Wissenschaftler Stephen Hawking, Ex-CIA-Chef James Woolsey und der frühere sowjetische Präsident Michail Gorbatschow sein. Den Rest der Warnrufe ausstoßenden Experten dürfte, wenn überhaupt, nur dem amerikanischen Publikum vertraut sein. An der durch eingeblendete Grafiken und Statistiken erhärteten Botschaft freilich ändert dies nichts, zumal ja mit Leonardo DiCaprio (in der deutschen Fassung spricht in seine übliche Synchronstimme, die Experten werden durch Voice Over übersetzt) eine junge Identifikationsfigur der zum Handeln aufrufenden Bestandsaufnahme vorsteht. Wichtig ist dabei DiCaprios Aussage, dass der Kollisionskurs nicht durch eine Wahl an der Urne aufgehalten werden kann, sondern zu aller erst durch das entschiedene und bewusste eigene Verhalten.

Formal ist zu dieser Doku noch zu bemerken, dass sie durch eine durchweg im Hintergrund dräuende Filmmusik nicht einfach nur untermalt, sondern sich ganz bewusst die Erkenntnisse der psychoakustischen Forschung zunutze macht. Ihnen zufolge werden lange Gesprächsinhalte dann besser aufgenommen, wenn sie nicht vor einer geräuschlosen Kulisse, sondern eingebettet in eine Emotionen weckende Untermalungsmusik rezipiert werden. Zum Einsatz kommen in „The 11th Hour“ u.a. instrumentale Epen der isländischen Formation Sigur Rós und der britischen Prog-Rock-Band Mogwai. Insgesamt steht der Sound zwischen Weltuntergangsstimmung und Himmelhochjauchzend. Dass zum Ende die derzeit in Umwelt- und Naturfilmen omnipräsenten Pinguine fast schon Happy-End-mäßig zu von Aufbruch kündenden Hörnern durchs Bild watscheln, nimmt man nach dieser Präsentation nicht wirklich neuer Aussagen und Erkenntnisse als typisch amerikanischen Kitsch wahr. Trotzdem: mit jedem Kinobesucher, der sein Verhalten im Sinne einer besseren Umwelt ausrichtet, kommt „The 11th Hour“ seinem Ziel der Aufklärung und Information einen Schritt näher.

Thomas Volkmann

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Das Umweltbewusstsein wächst. Es geht langsam voran, aber es geht voran – selbst in den Vereinigten Staaten, dort allerdings stärker in der Bevölkerung und bei vielen Künstlern als bei der Regierung.

Leonardo di Caprio ist einer von denen, die die Sache vorantreiben. Er ist Koproduzent (und Erzähler) von „The 11th Hour“, einem Dokumentarfilm, der in beängstigender Weise darauf aufmerksam macht, dass wir in Sachen Umwelt, Lebensformen und Gedankenlosigkeit zur Besinnung kommen müssen, dass wir umzukehren haben, dass wir zur Natur wieder ein gesünderes Verhältnis finden müssen. Während Al Gores „Eine unbequeme Wahrheit“ sich in erster Linie mit Energiefragen beschäftigte, geht es in diesem Film mehr um eine Gesamtschau: um die Atmosphäre, um die Meere, um die Regenwälder, um die Temperatur, um das Wetter, um das arktische Eis, um alles.

Warum sterben beispielsweise jedes Jahr soundso viele Tierarten aus? Seit Jahrmillionen lebte der Erdball in einem ausgewogenen biologischen Rhythmus. In den letzten 150 Jahren, etwa seit Aufkommen der industriellen Revolution, hat sich alles vervielfacht, verhundertfacht, vertausendfacht: die Kohlegewinnung, der Erdölverbrauch, der Wasserverbrauch, die Stahlproduktion, die Bauten auf der Erde, die Gier der Menschen.

An die 50 Wissenschaftler, bekannte Persönlichkeiten (wie Stephen Hawking oder Michail Gorbatschow) und Umweltexperten erheben in diesem Film ihre Stimme. Ihre warnende Stimme. Denn  ihnen zufolge scheint es wirklich fünf vor zwölf zu sein. Vielleicht bleiben noch 30 Jahre, um alles rechtzeitig umzukehren. Mehr nicht.

Betreibt der Film Katastrophenstimmung? Wohl kaum – oder vielleicht ein wenig. Doch zu deutlich sind die vielen in diesem Film vorgeführten Bilder, die bestürzenden Beispiele.

Eine Mahnung. Eine Warnung. Eine Erinnerungsstütze. Eine dringende und unaufschiebbare Aufforderung, die jeden angeht. Ein Fünf-vor-Zwölf-Memo. 

Thomas Engel