12 Monate Deutschland

Für ihre sehenswerte Dokumentation begleitete Regisseurin Eva Wolf vier Teenager aus Ghana, Amerika, Chile und Venezuela, die ein Jahr bei Familien in Berlin, Hamburg und kleine Dörfer in der ostdeutschen Provinz verbrachten – mit jeweils mehr oder weniger großen Probleme, die interessante Einblicke in die vielfältigen kulturellen Unterschiede liefern.

Webseite: www.neuevisionen.de

Deutschland 2010 – Dokumentation
Regie und Buch: Eva Wolf
Länge: 95 Min.
Verleih: Neue Visionen Filmverleih
Kinostart: 23. September 2010
 

PRESSESTIMMEN:

FILMKRITIK:

Ein Jahr im Ausland zu verbringen, eine fremde Kultur kennen zu lernen, eine Sprache lernen zu müssen, in der man anfangs meist kein Wort versteht, Teil einer fremden Familie zu werden – das dürfte zu den einschneidensten Erlebnissen im Leben eines Teenagers zählen. Tausende deutsche Schüler verbringen pro Jahre 12 Monate im Ausland, ebensoviele Schüler aus aller Welt machen die umgekehrte Reise und kommen ins zunehmend beliebte Austauschjahrziel Deutschland. Vier dieser Teenager hat die Dokumentarfilmerin Eva Wolf ein Jahr lang begleitet. Dabei hatte sie das große Glück – zumindest aus ihrer Perspektive – das keine der vier Gast/ Gastfamilie-Beziehungen problemlos verliefen und im Laufe des Jahres alle Gastschüler sogar ihre Familie wechselten. Die Ursachen der Probleme waren zwar jeweils individuell, zeigen jedoch das große Potential an Schwierigkeiten die auftreten, wenn Menschen aus teils komplett unterschiedlichen Kulturkreisen aufeinander treffen.

Besonders extrem ist dieser Unterschied bei Kwasi, der aus einer Millionenstadt im afrikanischen Ghana nach Rastenburg kommt, einem grauen, kargen Nest in der thüringischen Provinz, das kaum mehr als 2000 Einwohner zählt. Rassismus schlägt Kwasi zwar nicht entgegen, mit der sehr zurückgezogenen Mentalität der deutschen Jugendlichen, die viel Zeit in ihrem eigenen Zimmer, vor dem Fernseher oder dem Computer verbringen, kommt der mehr Geselligkeit gewohnte Afrikaner aber nicht zurecht.

Ähnlich geht es der Amerikanerin Nairika, die es nach Berlin Neukölln verschlägt. Dort lebt sie bei einer allein erziehenden Mutter, die kaum ein Sozialleben mit ihrem Sohn hat. Auch in der zweiten Familie, in die Nairika nach gut einem halben Jahr wechselt, vermisst sie die gemeinsamen Aktivitäten, während sich ihr Gastvater über Nairikas kindliches Gemüt wundert.

Auch der Venezulaner Eduardo, der in Hamburg gelandet ist, fühlt sich von seiner ersten Gastfamilie überfordert. Statt über die politische Situation in seiner Heimat zu sprechen, würde er lieber ganz banal danach gefragt werden, wie sein Tag in der Schule war. Einer komplexeren Unterhaltung steht nicht zuletzt die Sprachbarriere im Wege, die sich nur langsam löst, zumal Eduardo seine Zeit lieber mit anderen Lateinamerikanern verbringt, als gezielt Deutsch zu sprechen.

Sprachprobleme machen auch der vierten Austauschschülerin zu schaffen. Die Chilenin Constanza landet in einem 200-Einwohner Dorf in der Nähe von Stendal bei einer Gastfamilie, die kein Wort Englisch spricht und ohnehin lieber Computerspiele spielt als zu kommunizieren. So wird auch Constanza erst in ihrer zweiten Familie ein wirkliches zu Hause fern der Heimat finden und ihr Jahr in Deutschland erfolgreich beenden können.

Allgemeingültig sind die Erkenntnisse aus Eva Wolfs Dokumentation sicherlich nicht. Die Ähnlichkeiten der Probleme, die alle vier Austauschschüler jedoch mit ihren Gastfamilien und dem Leben in Deutschland haben, sind dennoch erstaunlich und sagen letztlich mehr über den Verfall der Familie in Deutschland aus als über die Gastschüler selbst. Wirkliches Familienleben scheint kaum noch zu existieren, die wenige freie Zeit wird in den meisten Fällen isoliert vor einem der diversen Bildschirme verbracht, Kommunikation ist auf das absolut Notwendigste reduziert. Kein schönes Bild von Deutschland, das hier gezeichnet wird, aber gerade deswegen ist es so interessant.

Michael Meyns

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