127 Hours

Ein junger Sportler verunglückt in der Bergschlucht einer Wüste. Ein Fels klemmt ihm die Hand ab. Sein einziger Ausweg nach Tagen der Verzweiflung: Er amputiert sich selbst den Arm mit einem Taschenmesser. Der besondere Coup des Grauens: Es handelt sich um eine wahre Geschichte. Oscar-Preisträger Danny Boyle macht aus diesem Canyon-Kammerspiel ein nervenaufreibend spannendes Meisterwerk der metaphorischen Art. Was macht ein Mensch im Angesicht des Todes? Welche Grenzen vermag der Wille zu überwinden? Das Publikum wird gleichfalls gefordert: Die Amputationssequenz gerät zur wahren Mutprobe im Kino. Vor Risiken und Nebenwirkungen sollten sensiblere Gemüter gewarnt sein. Ein formidabler Arthouse-Knüller ist der neue Boyle allemal.

Webseite: www.foxfilm.de

USA / Großbritannien 2010
Regie: Danny Boyle
Darsteller: James Franco, Kate Mara, Lizzy Caplan, Amber Tamblyn, Clémence Poésy, Treat Williams, Kate Burton, John Lawrence, Darin Southam, Norman Lehnert, Jeffrey Wood
Laufzeit: 94 Minuten
Kinostart: 24.2.2011
Verleih: TC Fox

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Auf zwei Dinge kann man sich bei Danny Boyle mit ziemlicher Sicherheit verlassen: Zum einen, dass er gänzlich unberechenbar ist. Zum anderen, dass er zuverlässig mit jedem Film ein neues Kaninchen aus dem Hut zaubert. Seit Kubrick hat kaum ein Regisseur ein derartiges Genre-Spektrum abgedeckt wie der findige Filmer aus Manchester. Er machte Ewan McGregor zum Junkie und Star (in „Trainspotting“). Ließ Leonardo DiCaprio zum Hippie-Kiffer mutieren (in „The Beach). Oder holte mit „Slumdog Millionär“ superlative 8 Oscars. Nach den Massen in Mumbai folgt nun die größtmögliche Kehrtwendung: Ein Bergsteigerdrama in völliger Einsamkeit mit lediglich einer einzigen Figur auf dem Story-Schachbrett. Darsteller der sensationellen Oneman-Show ist „Spiderman“-Sidekick James Franco, dem als „James Dean“ einst der Durchbruch gelang und der seit „Milk“ zu Hollywoods heißen Newcomern gezählt wird – nun dürften Franco dank dieser tour de force wohl Oscar-Chancen blühen! Und Boyle gelingt der nächsten Kultfilm-Coup.

Im April 2003 bricht der US-Amerikaner Aron Ralson auf zu einer einsamen Klettertour in der Wüste von Utah. Dass der durchtrainierte Sportler beim Packen ausgerechnet sein Schweizer Taschenmesser nicht findet, ist ein ähnlich böses Omen wie zu vergessen, eine Nachricht zu hinterlassen, wohin sein Trip führt. Dabei ist Ralson sonst so gewissenhaft vorbereitet wie ordentlich: selbst in der Wüste schließt er sein Mountainbike sorgfältig ab. Wie perfekt dieser Adrenalinjunkie sich im Canyon auskennt, erleben bald zwei orientierungslose junge Wanderinnen. Ihnen erklärt er nicht nur den rechten Weg und die Mythologie dieser Bergwelt, sondern hüpft mit beiden vor laufender Videokamera vergnügt in einen verborgenen Unterwasser-See (eine hübsche Reverenz zum „Beach“-Wasserfall). Nach dem kurzen Badeflirt trennt man sich mit einer unverbindlichen Verabredung. Flott spurtet der Sportler weiter durch die nächste Schlucht – bis ein rutschender Fels seinen rechten Arm einklemmt. Was tun? Um Hilfe rufen! Den Stein zertrümmern! Einen Flaschenzug mit Seilen installieren! Alles versucht Ralson. Zunächst mit klarer Vernunft, dann mit zunehmender Verzweiflung. Doch vergeblich. Unterkühlt und fast verdurstet, fasst er nach fünf Tagen den grausamen Entschluss: Er amputiert sich mit einem kleinen Messer mühsam selbst den Arm und rettet damit sein Leben.

Boyle gelingt das Kunststück, aus diesem Ein-Personen-Kammerspiel im Canyon ein spannendes Psychodrama zu entwickeln, das ohne dramaturgische Hänger auskommt. Der Zuschauer ist von Anfang an dicht dran an diesem tragischen Helden und nimmt bis zum bitteren Ende Anteil an seinen schillernden Stimmungen: Cooler Sunnyboy, cleverer Checker, verzweifeltes Absturzopfer, trotziger Kämpfer, schicksalshadernde Heulsuse, sarkastischer Spaßvogel – Franco spielt all diese Facetten überaus glaubhaft und punktgenau. Mit Rückblenden und Halluzinationen wird das Psychogramm plausibel entwickelt. Mit gut dosierter Komik nimmt Boyle immer wieder etwas Druck aus dem klaustrophobischen Kessel (selbst hormoneller Druck ist da kein Tabu!). Unterdessen sorgen die beiden Kameraleute Anthony Dod Mantle und Enrique Chediak mit ihren ständig bewegten Einstellungen für eine kleine masterclass in Sachen Dynamik auf kleinstem Raum. Die thematische Nachhaltigkeit gelingt Boyle mit bestechender Leichtigkeit. Was macht ein Mensch im Angesicht des Todes? Welche Grenzen vermag der Wille zu überwinden? Wie viel Verzweiflung kann man ertragen? Oder als banal alltägliche Variante: Was muss man opfern, um richtig zu leben? 

Dieter Oßwald

2003, Utah. Aron Ralston ist im Hauptberuf Ingenieur und im Nebenberuf: Kletterer. An jedem freien Tag treibt er sich in den Bergen herum. Sein Fehler: Er sagt nie, wo genau er hingeht. Dieses Mal ist der Blue John Canyon an der Reihe.

Zuerst amtiert er, in seinem Klettergebiet angekommen, noch eine gewisse Zeit lang als lustiger Bergführer für zwei junge Mädchen. Wieder allein geschieht aber bald darauf etwas Schlimmes: Ein herabstürzender Felsbrocken klemmt einen seiner Arme ein. Kein vor und kein zurück ist mehr möglich.

Es ist Samstag. Aron versucht alles: sich hochzuziehen; sich
herunterzuziehen; einen provisorischen Seilzug zu konstruieren; mit dem Messer ein Stück vom Felsbrocken abzuschleifen. Alles vergebens.

Es ist Sonntag. Es ist kalt. Das Wasser wird knapp.

Es ist Montag. Weit und breit kein Mensch. Die Schmerzen sind ziemlich stark geworden.

Es ist Dienstag. Die ersten Halluzinationen beginnen. Aron spricht in das Aufnahmegerät seiner Kamera Abschiedsworte an seine Eltern. Er erinnert sich an Kindheitstage. Bilder aus seinem späteren Leben huschen vorbei. Eines der Mädchen, für die er ein paar Tage zuvor den Bergführer gespielt hatte, löst bei ihm sexuelle Phantasien aus.

Es ist Mittwoch. Aron weiß, er muss nun zum letzten Mittel greifen – oder sterben.

Aron war auf sich allein gestellt. James Franco muss das Drama auch schauspielerisch allein bewältigen, und er tut dies auf erstaunlich gute Weise. In ihm und um ihn herum: der Kampf um sein Leben, die Schmerzen, die Wasserknappheit, die vergeblichen Befreiungsversuche, der Platzregen und die darauf folgende Fastüberschwemmung, das allmählich verwirrte Bewusstsein, die Verzweiflung, der letzte Todesmut.

Natürlich wurde alles ein wenig kinomäßig aufbereitet und aufgemöbelt.

Aber das Drama um Tod und Leben könnte für Liebhaber solcher Stoffe im Kino doch von größerem Interesse sein.

Thomas Engel