3 Zimmer/ Küche/ Bad

Ein Film über die Befindlichkeit von Endzwanzigern in Berlin. Nicht schon wieder, mag man da denken, doch weit gefehlt. Dietrich Brüggemanns „3 Zimmer/ Küche/ Bad“ ist ein überaus gelungener Film über die Dinge des Lebens: Liebe, Arbeit, Freunde, Sex, Eltern – und Umzüge, viele Umzüge. Pointiert geschrieben, bisweilen bewusst voller Klischees, dann wieder hellsichtig, voll von tollen Schauspielern und kleiner und größerer Wahrheiten über das Leben.

Webseite: www.3zkb-film.de

Deutschland 2012
Regie: Dietrich Brüggemann
Buch: Dietrich & Anna Brüggemann
Darsteller: Jacob Matschenz, Robert Gwisdek, Anna Brüggemann, Alice Dwyer, Katharina Spiering, Aylin Tezel, Alexander Khuon, Amelie Kiefer, Leslie Malton, Hans-Heinrich Hardt, Corinna Harfouch, Herbert Knaup
Länge: 118 Minuten
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 4. Oktober 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Umzüge als strukturierendes Element für einen Film zu benutzen. – Darauf muss man erst mal kommen. Dabei liegt die Idee eigentlich auf der Hand: Gerade in einer Großstadt wie Berlin, gerade bei Endzwanzigern an der Schwelle von Studium zu Beruf ist ein Umzug zwar nicht gerade an der Tagesordnung, aber doch Teil des Lebens: Sei es der Zusammenzug eines neuen Paares, der Wechsel von der kleinen Studentenbude in eine Wohnung, die mehr einem erwachsenen Leben entspricht oder schlicht das ständige Kommen und Gehen in einer WG. Und so ziehen sich Umzüge durch Dietrich Brüggemanns „3 Zimmer/ Küche/ Bad“, der nicht nur mit dieser Form einen bemerkenswert präzisen Blick auf das Leben der Endzwanziger wirft.

Vier Jahreszeiten durchleben die zahlreichen Figuren, in vier Segmenten wird von neuer und alter Liebe erzählt, vom Einstieg ins Berufleben, prekären Arbeitsverhältnissen, Praktika und vielem anderem. Zentrum des Films sind die Geschwister Philipp, Wiebke und Swantje. Ihre Eltern (Hans-Heinrich Hardt und Corinna Harfouch) leben in Hannover als scheinbar glückliches Ehepaar. Philipp (Jacob Matschenz) möchte Fotograf werden und ist schon ewig in Dina (Anna Brüggemann) verliebt, die ihn aber nur als besten Freund sieht. Im ersten Umzug des Films zieht Dina mit Wiebke (Katharina Spiering) zusammen, die langsam genug von Praktika hat und gerne einen richtigen Job hätte. Vor allem aber eine richtige Beziehung. Da kommt ihr Michael (Alexander Khuon) gerade recht, der allerdings nach kurzer Zeit den fatalen Satz sagt: „Lass uns Freunde bleiben“. Dann ist da noch Philipps bester Freund Thomas (Robert Gwisdek), der alles dran setzt Grafiker zu werden und dabei seine Beziehung zu Jessica (Alice Dwyer) vernachlässigt, die wie so viele andere Frauen bald eine Affäre mit dem Bindungsunwilligen Michael beginnt. Die jüngste im Bund ist Maria (Aylin Tezel), die noch in Freiburg lebt, aber bald zu ihrem Freund Philipp nach Berlin ziehen will. Swantja (Amelie Kiefer) wiederum lebt in Stuttgart und hält vor allem per Telefon eine immer enger werdende Verbindung zu Thomas aufrecht.

Sehr viele Figuren haben Dietrich Brüggemann und seine Schwester Anna, die zusammen das Drehbuch geschrieben haben, hier entworfen. Doch keine der Figuren wirkt schematisch, oberflächlich oder unterentwickelt. Diese Masse an Figuren, Geschichten und Erlebnissen über zwei Stunden zu beobachten, dabei eine enorme Bandbreite an Emotionen, Beziehungen und Erfahrungen zu zeigen, ist eine erstaunliche Leistung. Zumal nur selten auf allzu einfache Psychologisierung zurückgegriffen wird, wie etwa im Fall von Michael, dessen Bindungsunwilligen mit einer fehlenden Vaterfigur erklärt wird. Doch so einfach macht es sich der Film nur selten. Meist zeigt er in komischen, berührenden, pointierten Szenen wie schwierig es ist, seinen Platz im Leben zu finden und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Er geht dabei so gelassen vor, wie man es im deutschen Kino nicht oft sieht, verzichtet auf allzu extreme Gefühlsausbrüche, ist stilistisch unauffällig aber jederzeit präzise und hat zu guter letzt ein Ensemble toller jüngerer und älterer Darsteller aufzubieten, die dabei helfen „3 Zimmer/ Küche/ Bad“ zu einem erstaunlich genauen, lebendigen Abbild des Zeitgeist zu machen.

Michael Meyns