33 Szenen aus dem Leben

In der bewegenden und berührenden deutsch-polnischen Koproduktion „33 Szenen aus dem Leben“ von Malgosia Szumowska („Leben in mir“) erlebt die Protagonistin Julia innerhalb eines Jahres Schicksalsschläge, die bei normalen Menschen für ein ganzes Leben ausreichen würden. Dennoch lässt sie sich nicht unterkriegen. Das fein und einfühlsam inszenierte Drama zeigt eine beeindruckende Julia Jentsch („Sophie Scholl – Die letzten Tage“) in der Hauptrolle.

Webseite: realfictionfilme.de

Deutschland / Polen 2008
Regie: Malgosia Szumowska
Darsteller: Julia Jentsch (Julia), Peter Gantzler (Adrian), Andrzej Hudziak (Jurek), Maciej Stuhr (Piotrek),
Malgorzata Hajweska (Barbara), Iza Kuna (Kaska), Rafal Mackowiak (Tomek)
Länge: 96 Minuten
Verleih: Real Fiction
Kinostart: 13.11.2008

PRESSESTIMMEN:

…auf film-zeit.de

FILMKRITIK:

Die Künstlerin Julia (Julia Jentsch) steht vor einer Collage aus Einzelszenen. Einige Meter breit ist das Wandbild. Eindrucksvoll und neugierig machend. Ein schönes Bild für dieses eindrucksvolle, starke und tief berührende Drama, das aus angeblich 33 Szenen bestehen soll. 

Ein abendliches Fest in der großen, polnischen Künstler-Familie steht am Anfang. Man lacht, nimmt sich laut auf den Arm und fühlt sich sichtbar wohl in dieser schönen Gemeinschaft. Doch beim mehrfachen Abschied klingt schon eine Erkrankung bei Julias Mutter an. Julia rennt dem Auto ihres Mannes hinterher, im Blick die Verständnislosigkeit eines Kindes, das die Trauer nicht mit dem Gedanken baldigen Wiedersehens überspielen kann.

Dann beginnt das Schicksal grausam mit Julia zu spielen. Die Mutter erkrankt an Krebs. Zusammen mit Vater und Schwester verausgabt sich die Künstlerin bei der Pflege. Erschöpfender als das nächtelange Wachen am Krankenbett ist die Anstrengung, immer weiter Hoffnung und gute Laune zu an den Tag zu legen. Schon hier zeigt sich, dass Melodramatisches den „33 Szenen“ sehr fern liegt. Unnachahmlich balanciert die Polin Malgosia Szumowska Tragik und Humor. Kleinste Details funktionieren wunderbar im Fluss der Emotionen. Ein perfekter Aufbau, der besten Komödien zugrunde liegt, dient hier einem Mitfühlen und Miterleben, wie man es so unaufdringlich und einfühlsam selten im Kino erlebt. Wenn die sehr eigenwillige Tür des Aufzuges im Krankenhaus anfangs für kleine Lacher sorgt, schafft es diese Beiläufigkeit später, Tränen hervorzurufen.

Im weiteren Verlauf der Handlung erlebt man den Tod von Julias Vaters, das Ende ihrer Künstlerkarriere und die Trennung von ihrem Mann. Und weiterhin keine Spur von „zuviel“, weiterhin stimmt jeder Ton, jede emotionale Note. Es ist grausam und verständlich, dass ein schwacher Ehemann, der selten da ist und oft das Falsche sagt, in Frage gestellt wird. Ebenso dass Julia bei diesen heftigen Attacken des Schicksals Halt und Schutz sucht, somit ein Freund und Künstlerkollege in den Fokus rückt. Zwar sagt dieser ziemlich oft "Ich weiß nicht", aber er ist mit seiner unerschütterlichen Ruhe immer da. So sind die „33 Szenen“ Familien- und Krankengeschichte, ein Beziehungsdrama, die Geschichte des Erwachsenwerdens einer Frau und ein wunderschönes Porträt dieser.

Julia Jentsch gibt sehr beeindruckend und in schönen mimischen Nuancen die Julia. Die „33 Szenen aus dem Leben“ der Malgosia Szumowska („Leben in mir“) haben teilweise autobiographischen Hintergrund für die Regisseurin und Autorin, die in einem Jahr hintereinander beide Eltern verlor. Bei der Geburt ihres Kindes macht sie sich grundlegende Gedanken über das Leben an sich. Das Ergebnis ist dieser außerordentliche Film, der ideell und finanziell von der Filmstiftung NRW gefördert wurde. In Locarno ging sehr verdient der Spezialpreis der Jury für den zweitbesten Film an die favorisierten "33 Szenen aus dem Leben".

Günter H. Jekubzik

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Der Film könnte gut und gerne auch „33 Szenen aus dem Sterben“ heißen, denn der Tod spielt darin eine nicht unwichtige Rolle.

Julia ist eine junge Polin. Sie entstammt einer Künstlerfamilie. Die Mutter ist Schriftstellerin, der Vater ebenfalls künstlerisch tätig. Julias Freund macht Musik, ist allerdings oft abwesend. Sie selbst arbeitet mit Bildern und Photographien, dabei unterstützt von ihrem Assistenten Adrian.

Die Voraussetzungen für ein gutes Leben wären also eigentlich gegeben. Doch Julia ist ruhelos, aufrührerisch, unzufrieden, wenn auch manchmal kreativ. Der erste schwere Schlag: Die Mutter ist krebskrank – sie wird sterben. Ausführlich und auch quälend wird dieser Tod im Film vorgestellt. Doch damit nicht genug. Dem Vater geht es um keinen Deut besser, der Alkohol meldet sich. Auch er muss sterben. In kürzester Zeit zweimal der Tod eines geliebten Menschen. Das ist nicht geeignet, Julias Leben positiver und ruhiger zu gestalten. Verzweifelt sucht sie Trost bei Adrian.

Eine kurze Phase aus dem Leben einer jungen Frau, die gesellschaftlich privilegiert ist, aber vom Schicksal mit schweren Schlägen eingedeckt wird. Julia, die lebhafte, aufmüpfige, ihren Weg noch suchende Frau muss rasch Boden unter die Füße kriegen.

Ziemlich lebendig, teils humorvoll, teils absurd, teils makaber, teils fetzenhaft, teils tiefgehend werden diese „33 Szenen“ vorgetragen. Vom Stil her auffällig und nicht der Originalität entbehrend. Preise gab es für den Film auch schon.

Bleibt die Hauptrolle: Julia Jentsch spielt sie und zwar glänzend, durchgehend glänzend – in den traurigen wie komischen Passagen, mit den Nuancen der Gefühlshöhen und denen der Tiefen.

Thomas Engel