7 Jungfrauen

Spanien, das ist mehr als Flamenco, Stierkampf und El Arenal. Die ärmlichen Vororte und Außenbezirke der Metropolen Madrid, Barcelona oder Sevilla passen so gar nicht in das hauptsächlich aus Urlaubserinnerungen und Reisereportagen zusammengesetzte Bild eines mediterranen Idylls. In stimmungsvollen Cinemascope-Aufnahmen und getrieben von einem harten, energetischen Erzählrhythmus fängt Regisseur Alberto Rodríguez den Lebenshunger und Übermut der Jugend ein. Die Zusammenarbeit mit vorwiegend jungen Darstellern ohne vorherige Schauspielerfahrung verleiht seinem Film eine auf anderem Wege nur schwer herstellbare Authentizität.

Webseite: www.koolfilm.de

7 Virgenes
Spanien 2005
Regie: Alberto Rodríguez
Buch: Alberto Rodríguez, Rafael Cobos López
Musik: Julio de la Rosa
Darsteller: Juan José Ballesta, Jesús Carroza, Vincente Romero, Alba Rodríguez
Kinostart: 9. November 2006
Verleih: Kool

PRESSESTIMMEN:

Porträt eines „angry young man“, von unerfüllten Träumen und vom sozialen Mittelmaß in Neubauvierteln am Rande moderner Großstädte, das zwar vorhersehbar und in seiner Figurenzeichnung nicht immer deutlich konturiert ist, durch seinen Rhythmus und seine Authentizität jedoch beeindruckt.
film-dienst

Eine Million Kinozuschauer in Spanien sind ein gutes Omen für den dritten Film des Regisseurs Alberto Rodriguez. Dazu wurde der junge Hauptdarsteller Juan José Ballesta auf dem Filmfestival von San Sebastian 2005 als bester Hauptdarsteller ausgezeichnet. Dem 35-jährigen Regisseur ist ein authentisches Porträt der desillusionierten spanischen Großstadtjugend gelungen, das die Zuschauer mit rauen Bildern, hohem Erzähltempo und hervorragenden Darstellerleistungen mitreißt. …ein bemerkenswerter Film über die Wirrungen der Jugend und die Wehmut des Erwachsenwerdens…
Filmecho

FILMKRITIK:

Es ist Sommer. Wir befinden uns in der Vorstadt, im Barrio von Sevilla. Anlässlich der Hochzeit seines älteren Bruders Santacana (Vincente Romero) wird der 16jährige Tano (Juan José Ballesta) für zwei Tage und zwei Nächte aus der Besserungsanstalt entlassen. Die Warnung des Bruders, er solle nichts anstellen und sich gefälligst benehmen, verhallt ungehört. Denn Tano zieht es zu seinem besten Kumpel Richi (Jesús Carroza). Gemeinsam mit ihm und seiner Freundin Patri (Alba Rodríguez) will er die kurze Zeit in Freiheit genießen – ohne dabei Rücksicht auf jemand anders nehmen zu müssen. Was zählt, ist der Augenblick. Als Richi in einem Einkaufszentrum eine Brieftasche stiehlt, um so an Geld für einen Anzug und einen für Tanos Oma gedachten Fernseher zu kommen, müssen die Jugendlichen vor der Polizei fliehen. Und plötzlich ist Tano wieder mittendrin in dem Ärger, aus dem er sich eigentlich heraushalten sollte.

 

Die Konstruktion und der raue Ton von 7 Jungfrauen – der Titel verweist im übrigen auf ein Spiel, in dem einen nach andalusischen Glauben die Zukunft vorhergesagt werden kann – erinnert stark an Larry Clarks ungeschönte und oftmals angefeindete Jugenddramen. Rodríguez hält ebenso wie Clark nichts von faulen Kompromissen und einer gelackten Inszenierung. Sein Film besitzt Ecken und Kanten, die Schilderung der Situation im Barrio verweigert sich konsequent einer Romantisierung der Verhältnisse. Dass das Leben dort seine eigenen Gesetze hat, muss auch Tano schmerzlich erfahren. So wie sich die Hitze des Tages fast zwangsläufig in einem Sommergewitter entladen muss, liegt auch in Rodríguez Film eine Anspannung in der Luft, die nur darauf wartet, die sorglose Oberfläche aus jugendlicher Unbekümmertheit aufzubrechen.

Unter den Produktionswerten sticht besonders Alex Cataláns Kameraarbeit heraus. Das eindrucksvolle Wechselspiel aus unruhigen Nahaufnahmen und im Zeitraffer abgedrehten Totalen der Stadt spiegelt auf formaler Ebene den schwankenden Erzählrhythmus wider. Tano, der mit seinen Kumpels durch die Straßen jagt, erlebt nur selten einen Moment der Ruhe. Einer dieser Augenblicke stellt ihn in das Zentrum eines Hurrikans. Der Bilderfluss stoppt, als er, von der Clique zurückgelassen, aus dem Auto heraus eine wilde Schlägerei mit einer anderen Jugend-Gang beobachtet. Für wenige Sekunden, so scheint es, ist er sich bewusst, dass er in seinem Leben bereits zu viele falsche Entscheidungen getroffen hat. Er könnte im Auto sitzen bleiben oder aussteigen, um seinen Freunden beizustehen. Ob ihm die Warnungen des großen Bruders, er möge sich aus allem Ärger herauszuhalten, da noch präsent sind?

In Spike Lees 25 Stunden nutzte der von Edward Norton verkörperte Drogendealer Monty Brogan den letzten Tag vor dem Antritt einer langjährigen Haftstrafe, um einen intensiven Abschied im Kreise seiner engsten Freunde zu verleben. Tano befindet sich in einer vergleichbaren Situation. Er weiß, dass diese Stunden in Freiheit nur vorübergehend sind. Die Türen der Besserungsanstalt werden sich bald wieder hinter ihm schließen und seinen jugendlichen Übermut einsperren. Dem zuletzt mit dem spanischen Filmpreis Goya ausgezeichneten Juan José Ballesta ist es auch zu verdanken, dass einen Tanos Schicksal nicht unberührt lassen dürfte – trotz aller Schattenseiten, die der Film keineswegs verschweigt. Indem Rodríguez die Inszenierung ganz auf sein erstklassiges junges Ensemble ausrichtet, bleibt 7 Jungfrauen als eine authentische und mit viel Leidenschaft vorgetragene Geschichte über das Erwachsenwerden in Erinnerung.

Marcus Wessel