8th Wonderland

Film als Globalisierungskritik, das ist „8th Wonderland“, ein Film der französichen Regisseure Jean Mach und Nicolas Alberny. Vielleicht ein Schnellschuss, definitiv etwas krude gemacht, aber vor allem eine intellektuell interessante Versuchsanordnung über die potentielle Macht des Internets und die Ethik einer Revolution von unten.

Webseite: www.neuevisionen.de

Frankreich 2008
Regie: Jean Mach, Nicolas Alberny
Darsteller: Matthew Geczy, Eloissa Florez, Robert William Bradford, Alain Azerot, Ahlima Mhamdi, Michael Hofland
Länge: 94 Min.
Verleih: Neue Visionen
Kinostart: 12. August 2010
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Angelehnt an die sieben Weltwunder benannt ist das 8th Wonderland. Doch ebenso wie die antiken Weltwunder nicht mehr existieren (bis auf die Pyramiden von Gizeh), existiert auch das 8th Wonderland nicht in der Realität. Es ist das erste Land neuer Art, ein Zusammenschluss von Nutzern des Internets, die sich in virtuellen Chatrooms treffen und über die Missstände der Welt debattieren. Und vor allem etwas tun. In wöchentlichen Abstimmungen entscheiden sie über Aktionen, die sich gegen die Auswüchse des Kapitalismus richten, gegen Diktaturen und Unterdrückung. Mal sabotiert da eine Dolmetscherin einen Gipfel zwischen Russland und einem arabischen Staat, bei dem es um den Bau von Atomkraftwerken geht, mal wird am Vatikan ein Kondomautomat angebracht. Doch über solche – durchaus auch in der realen Welt vorstellbaren – Agitprop-Aktionen ist das nicht mehr ganz so wunderbare Land schnell hinaus. Zunehmend radikale Aktionen werden geplant und durchgeführt, bis hin zum Mord an unliebsamen Personen.

Wenn man will, könnte man diese Radikalisierung, die auch vor kriminellen Aktionen nicht halt macht, als Kritik an bestimmten Auswüchsen der Globalisierungsgegner sehen. Zumindest scheinen sich die Autoren dieses Films damit auf die sichere Seite zu begeben, kann man ihnen dadurch doch nicht vorhalten, einem kritiklosen Glauben in die Macht der (Internet-) Masse verfallen zu sein. Doch wie weit die Reflektion wirklich geht, ob der Film an vielen Stellen nicht doch etwas unterkomplex ist, ist eine andere Frage. Allein dass das vorgeblich globale Internet für weite Teile der Erdbevölkerung eben nicht erreichbar ist und somit auch nicht die Flucht aus ihren repressiven realen Ländern, stellt das Konzept von einem erdumspannenden Land im Internet in Frage. Dass solche offensichtlichen Fragen nicht gestellt werden ist die Schwäche eines Konzepts, das ansonsten deutlich komplexer ist, als vergleichbare Filme.

Einen Hauptdarsteller gibt es nicht, nicht den Helden, der die Welt verändert, sondern ein gutes Dutzend Figuren, die sich nie in der Realität begegnen, sondern nur in virtuellen Räumen. Die sind recht treffend durch schwebende Monitoren visualisiert, wie ohnehin die Originalität der Ästhetik eine der Stärken des Films ist. Zwar merkt man des Öfteren die geringen finanziellen Möglichkeiten, mit denen hier gearbeitet wurde, aber der Ritt durch die internationale Medienlandschaft ist dennoch treffend. News- und Infosendungen aus aller Welt werden präzise imitiert und nur gering überzeichnet. Die Bilder sind voller Finessen, in Nachrichtenbändern verstecken sich kleine Informationen und Pointen und natürlich gibt es auch eine den Film begleitende Internetseite.

„8th Wonderland“ steckt voller interessanter Ideen und Denkansätze. Fast mutet er wie ein Guerilla-Film an, der sich der Methoden bedient, die er entlarven will. Inwieweit er damit erfolgreich ist, liegt auch in der Komplexität der Denkmuster des potentiellen Besuchers. Denn zumindest im Film ist die Revolution am Ende erfolgreich, während die Realität wohl nicht so einfach zu reformieren ist, wie es hier suggeriert wird.

Michael Meyns

Kein Zweifel mehr, die virtuelle Welt beherrscht unser Leben. Das Internet greift auf alle nur denkbaren Bereiche materieller und geistiger Art über. Dieser französische Fantasy-Film, der eines Tages Realität werden könnte, geht noch einen Schritt weiter, ist sozusagen der Zeit voraus. Wie lange noch?

Web-Spezialisten, Web-Operateure, Web-Fans und Web-Süchtige aus allen Erdteilen tun sich zusammen und gründen nach demokratischen Regeln einen sogenannten virtuellen Staat. Sie tun dies, weil sie mit den Zuständen auf der Erde und den Taten der Politiker unzufrieden sind. Wöchentlich stimmen die Bürger des 8th Wonderland über ihre Aktionen ab. So halten sie es beispielsweise für höchst überfällig, eine Darwinsche Evolutionsbibel zu verbreiten. Und dass der Vatikan sich gegen Kondome ausspricht, passt ihnen ebenfalls nicht. Also ordnen sie an, dass auf dem Vatikan-Territorium Kondomautomaten aufgestellt werden. Auch in einen Atom-Deal zwischen Russland und dem Iran mischen sie sich ein. Usw.

Sie ziehen gegen den globalen Kapitalismus zu Felde – und fangen an, die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, nicht nur der Medien, sondern sogar der Geheimdienste. Der „normalen“ Welt werden sie suspekt und möglicherweise gefährlich. Ihre Verfolgung lässt denn auch nicht auf sich warten.

Vor Missbrauch sind die Macher des virtuellen Staates ebenfalls nicht geschützt. Einer spielt sich bald als Gründer des 8.Wunderlandes auf, betreibt Werbung für sich und seine Zwecke. Jetzt müssen die Web-Bürger sich wehren.

Wie gesagt, dies alles ist Spiel, Vision, Phantasie. Doch wer weiß, was internetmäßig noch alles auf uns zukommt. Deshalb ist der Film metaphorisch so etwas wie eine Ankündigung und Warnung. Jedenfalls ein nicht uninteressanter theoretischer Zukunftsentwurf. Man kann das natürlich alles, je nach eigener Verfassung, als bloßen Zeitvertreib nehmen – oder sich weitergehende Gedanken machen.

Ein Musterbeispiel an Klarheit ist die Inszenierung nicht. Man braucht eine ganze Zeitlang, bis man die beteiligten Personen, die diversen Handlungsorte oder den Redeschwall einzuordnen imstande ist. Aber dann wird einem klar, wie bedeutsam und aktuell sein könnte, was da vor sich geht. Und man verfolgt es mit gesteigertem Interesse – auch den Nachspann, der in der eingeschlagenen Richtung eine noch größere Bannbreite eröffnet.

Preise gab es für den Film bereits.

Thomas Engel