Albert Schweitzer

Eine gewagte Besetzung hat sich der britische Regisseur Gavin Miller (Danny, der Champion) hier zugetraut. Mit Jeroen Krabbé als gealterter Albert Schweitzer in der Hauptrolle und Armin Rohde als seinem besten Freund Albert Einstein sind diese Rollen zwar eigenwillig besetzt, gehen aber gut auf. Überhaupt konzentriert sich diese Biographie auf die letzten Jahre Schweitzers, und Millar benutzt diese Männerfreundschaft, um an ihr die politischen Konflikte dieser Zeit widerzuspiegeln.

Webseite: www.albertschweitzer-derfilm.de

Deutschland/Südafrika 2009
Regie: Gavin Millar
Darsteller: Jeroen Krabbé, Barbara Hershey, Judith Godrèche, Samuel West, Jeanette Hain, Armin Rohde
Länge: 114 Min.
Verleih: Warner
Kinostart: 24. Dezember 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

1949 – der zweite Weltkrieg ist vorbei, aber es tobt ein neuer Krieg, der Kalte Krieg. Während Albert Schweitzer (Jeroen Krabbé) noch der Gutmensch von Lambarene ist, der sich für die afrikanische Bevölkerung aufopfert und dessen Philosophie „Ehrfurcht vor dem Leben“ weltweit Beachtung findet, ist sein Freund Albert Einstein (Armin Rohde), der zur Ächtung der Atombombe aufgerufen hat, den Nachstellungen des amerikanischen Geheimdienstes ausgesetzt. Schweitzer wird dieses Dilemma seines Freundes besonders bewusst, als er nach Amerika fährt, um Spenden für sein Projekt zu sammeln. Seine Begegnung mit Einstein ist für die Presse ein gefundenes Fressen, auch ihn zu hinterfragen, und während er von Einstein gedrängt wird, dessen Forderung nach Atombombenverzicht öffentlich zu unterstützen, springen immer mehr seiner Geldgeber ab, je öfter er mit ihm in der Presse abgelichtet wird. Aber auch der Geheimdienst ist nicht untätig und lanciert eine Verleumdungskampagne, die das Lebenswerk des fast 75-jährigen Schweitzer in Misskredit bringen soll.

Aber nicht nur in Amerika weht ein neuer Wind, auch in Gabun gibt es politische Veränderungen. Eine neue Partei will an die Macht und entwickelt schnell ein nationales Selbstbewusstsein, das vom amerikanischen Geheimdienst mit Geldversprechen geschürt wird. So soll ein neues Krankenhaus gebaut und Lambarene geschlossen werden. Was Schweitzer dem entgegen zu setzen hat, ist nicht viel. Politisch ohnmächtig ist seine Klinik anfechtbar. Die hygienischen Umstände, Sabotageakte und eine Pharmaindustrie, die damals schon recht merkwürdige Methoden pflegte, machen den Arzt angreifbar. Aber auch privat kriselt es, seine Frau ist krank und seine Tochter wirft ihm vor, dass er sie zeitlebens vernachlässigt hat, was er auch nicht wirklich bestreiten kann. Doch als alles über dem berühmten Arzt zusammenzubrechen droht, naht Hilfe von überraschender Seite. Die Bevölkerung Gabuns nimmt die Sache in die Hand und verhilft dem Arzt zu der Anerkennung, die ihm zusteht.

Gelegentlich neigt Miller dazu, ein wenig dick aufzutragen, aber ihm ist ein Film gelungen, der über ein Porträt Schweitzers hinausgeht und die damalige politische Lage mit einblendet. Vor diesem Hintergrund erzählt er Details, die den wenigsten bekannt sein dürften und den Menschen hinter dem Idol Schweitzer zeigen in seiner unbeholfenen Art, in seiner gelegentlichen Unzulänglichkeit, aber auch in seiner ganzen menschlichen Größe.
Kalle Somnitz

Albert Schweitzer: Er war unter den Humanisten einer der Anführer wie etwa Mutter Teresa oder Nelson Mandela. Er sagt im Film einmal, er habe ein Buch über Jesus geschrieben und damit die Kirchenvertreter geärgert und ein Buch über Johann Sebastian Bach, das habe die Musiker geärgert. Also sei nur die Medizin geblieben.

In Lambarene (Gabun) hat er als Arzt gewirkt – schon vor fast 100 Jahren. Als Elsässer (damals Deutscher) wurde er während des Ersten Weltkrieges von den Franzosen interniert, musste nach dem Krieg sein Buschkrankenhaus in Lambarene neu aufbauen.

Der Film wirft ein Licht auf verschiedene Lebens-, Arbeits- und Problemphasen des Friedensnobelpreisträgers und ebenso auf seine Familie: auf den Aufenthalt in New York, wohin er mit seiner Frau Helene reiste, um Spenden für sein Hospital zu sammeln; auf die Buschklinik in Lambarene, die als Einheimischendorf aufgebaut war, wo sich die Kranken, deren Familienmitglieder, das Personal und die Tiere völlig nach afrikanischer Lebensart gaben; auf die Auseinandersetzungen mit den politischen Führern von Gabun, die unter dem Vorwand mangelnder Hygiene in der Klinik, in Wirklichkeit jedoch aus nationalen Gründen das Krankenhaus des Ausländers Schweitzer schließen wollten; auf die Verfolgung durch die paranoiden Mc-Carthy-Amerikaner, weil Schweitzer sich mit Albert Einstein und anderen gegen die Atombombe aussprach und deshalb sogar kommunistischer Umtriebe verdächtigt wurde; auf die innerfamiliären Schwierigkeiten, die sich vor allem auf diesem Problem ergaben; darauf, wie Schweitzer durch die Solidarität seiner afrikanischen Freunde seine Klinik doch retten konnte.

Lebhaft und dramaturgisch einsichtig wird dies alles erzählt. Die „Berichterstattung“ in dem Film ist zwischen den einzelnen beschriebenen Phasen gut ausbalanciert. Einen realistischen Eindruck vermittelt auch die jeweilige Milieuschilderung genauso wie die Schauplätze.

Es kann – vielleicht insbesondere für die Jüngeren – ein Gewinn sein, das Leben des großen wenn auch halsstarrigen und zeitweise autoritären Humanisten vor Augen geführt zu bekommen.

Es war sicherlich nicht einfach, die Schweitzer-Rolle adäquat zu besetzen. Mit Jeroen Krabbé hatte man Glück. Er bringt die wichtige Figur lebendig nahe, gut unterstützt von Barbara Hershey als Ehefrau Helene und anderen.

Thomas Engel