ewigen Momente der Maria Larsson, Die

Dramaturgisch und visuell überzeugend inszeniert der schwedische Altmeister Jan Troell sein berührendes Drama „Die ewigen Momente der Maria Larsson“. Das preisgekrönte, opulente Sittengemälde der 76jährigen Regielegende besticht durch kraftvoll komponierte Bilder. Damit liefert der „Poet mit der Kamera“ emotionales Erzählkino im klassischen Stil. Gleichzeitig gelingt ihm, inspiriert von der wahren Lebensgeschichte Maria Larssons, nicht nur eine Liebeserklärung an die Fotografie, sondern auch ein historisch eindringliches Dokument, wie diese Kunst Frauen Anfang des 20 Jahrhunderts mehr Unabhängigkeit versprach.

Webseite: www.arsenalfilm.de

Norwegen, Dänemark, Finnland, Schweden, Deutschlang 2008
Regie: Jan Troell
Buch: Niklas Radström, Jan Troell, Agneta Ulfsäter-Troell
Darsteller: Maria Heiskanen, Mikael Persbrandt, Jesper Christiansen, Emil Jensen, Ghita Nørby, Claire Wikholm
Länge: 105 Minuten
Verleih: Arsenal Filmverleih
Kinostart: 25.02.10
 

PRESSESTIMMEN:

…erzählt in klar komponierten Bildern von einer stillen, aber umso dramatischeren Emanzipation. Zauberhaft.
STERN

FILMKRITIK:

Malmö 1909. Die junge Maria Larsson (Maria Heiskanen) schuftet als Putzfrau, um ihr kärgliches Leben zu fristen. Nach der Hochzeit mit dem ungelernten Arbeiter Sigge reicht das Geld nie. Zuhause warten ihre fünf Kinder. Kurzzeitig findet Sigge (Mikael Persbrandt) Arbeit im Hafen. Betrunken kommt er frühmorgens, zusammen mit dem Kapitän eines Frachters nachhause, verschreckt die Kinder und schlägt Maria. Mit verschwollenem Gesicht flieht sie zurück zu ihren Eltern. Doch ihr Vater beharrt darauf, dass „der Mensch nichts trennen darf, was Gott zusammengefügt hat“. Die Ehe ist für ihn heilig. Maria beugt sich.

„Keinen Tropfen mehr, versprich´s mir“, fleht sie Sigge nach ihrer Rückkehr an. Doch Sigges Abstinenz dauert nicht lange. Bei einem Streik erliegt der streitbare Hüne erneut der Versuchung. Angetrunken betrügt der Schwerenöter Maria mit der Bedienung in der Kneipe. Irgendwann, vor der unseligen Hochzeit, gewann Maria eine Kamera in einer Tombola. Als das Geld wieder einmal knapp ist, versucht sie verzweifelt, das Gerät Sebastian Pedersen (Jesper Christiansen), dem Inhaber eines Fotogeschäfts, zu verkaufen. Doch Pedersen überredet die Unschlüssige, den Apparat vorher zumindest auszuprobieren.

Erstaunt entdeckt Maria ihr fotografisches Talent. Für die positiv denkende Frau eröffnen sich scheinbar neue Perspektiven. Fasziniert beginnt sie die Welt mit den Augen ihrer Kamera zu sehen. Ihr Wunsch: Den Augenblick für immer festzuhalten, der gerade vorübergeht. Fast scheint der Apparat zu einem Medium der Emanzipation für sie zu werden. Mit Pedersen, genannt Piff Paff Puff, verbindet sie langsam eine zarte, platonische Romanze. Als ihr Mann im Ersten Weltkrieg eingezogen wird, wagt es Maria sogar, ein Geschäft für professionelle Porträtaufnahmen zu eröffnen. Doch eifersüchtig auf ihren Erfolg und den vermeintlichen Nebenbuhler Pedersen zerstört der Kriegsheimkehrer ihr Werk. Brachial überwältigt er sie und setzt ihr drohend sein Rasiermesser an die Kehle.

Diesmal freilich wehrt sie sich. Sigge landet im Gefängnis. Aber bei seiner Entlassung gibt ihm die Geduldige dennoch eine letzte Chance. „Es muss wohl Liebe gewesen sein“, erinnert sich ihre Tochter Maja, als Erzählstimme aus dem Off. Denn ihren Mann wirklich zu verlassen und den Schritt in die Unabhängigkeit zu wagen, schafft Maria nicht. Obwohl zu Beginn des 20sten Jahrhunderts die Fotografie als „Lebensberuf für Frauen“ durchaus propagiert wurde und Protagonistinnen der „Neuen Fotografie“ wie Bernice Abbott, Giséle Freund, Ellen Auerbach, Grete Stern, oder Anita Augspurg sehr wohl in diesem Metier Fuß fassten. Die meisten der damals berufstätigen Frauen gründeten jedoch keine Familie. Der Aufbruch in neue Domänen, der Eintritt ins öffentliche Leben vertrug sich nur schlecht mit einem Dasein als Hausfrau und Mutter.

Vor allem die finnische Schauspielerin Maria Heiskanen glänzt in ihrer Rolle als spröde Fotografie-besessene Maria Larsson. Authentisch verkörpert die exzellente Charakterdarstellerin ein exemplarisches Frauenschicksal aus der Arbeiterschicht in geschichtlich bewegter Zeit zwischen Liebe, Selbstverwirklichung und Abhängigkeit. Inspiriert zu diesem bewegenden, chronologisch inszenierten Melodram wurde Regielegende Jan Troell von der Familiengeschichte seiner Ehefrau, die auch am Drehbuch mitarbeitete. Maria Larsson war die Tante ihres Vaters. Die visuelle Kraft, die das preisgekrönte, opulente Sittengemälde entfaltet, festigt einmal mehr den Ruf des skandinavischen Films als emotionales Erzählkino.

Luitgard Koch

Agneta Troell, die Ehefrau der Regie-Legende Jean Troell, kannte die Maria, deren Leben hier geschildert wird und die mit über 90 Jahren starb. Die beiden führten zahlreiche Gespräche.

Anfang des 20. Jahrhunderts. Maria ist mit Sigfrid verheiratet, einem ekelhaften, dem Alkohol verfallenen Gewalttäter. Immerhin nimmt er, wenn er nicht betrunken ist, jede Arbeit an. Das Paar hat bereits mehrere Kinder.

Maria besitzt einen Photoapparat, den sie einmal gewann. Wieder ist das Geld knapp und der Hunger groß, also will sie den Apparat dem Photographen Pedersen verkaufen.

Der rät ihr davon ab. Erstens ist es ein wertvolles Gerät, zweitens kann sie mit schönen Aufnahmen ihr Leben bereichern.

Sie unternimmt die ersten Versuche: Alltagsszenen, ihre Kinder, Tiere oder auch ein totes Nachbarskind. Der noble und diskrete, aber Maria verehrende Pedersen hilft ihr.

Sigfrid dagegen hält das alles für unnötiges dummes Zeug. Er ist eifersüchtig, was ihn jedoch nicht davon abhält, sich mit anderen Frauen zu vergnügen. Immer wieder wird er seiner Frau oder den Kindern gegenüber ausfallend. Als er die Grenze absolut überschreitet, muss er ins Gefängnis.

Maria ist für ihre Kinder da, entwickelt aber auch ihr photographisches Können. Der Höhepunkt: Ein Bild, das sie vom Treffen dreier damaliger nordischer Könige schießt, erscheint in der Zeitung.

Sigfrid bringt es später zu einem kleinen Fuhrunternehmen. Warum Maria bei diesem Mann bleibt, weiß sie selber nicht. Vor allem auch die Kinder stellen sich diese Frage. „Vielleicht ist es die Liebe“, meint Maria.

Jean Troell hat im Laufe der letzten Jahrzehnte wunderbare Filme abgeliefert – und er hat sein Metier nicht verlernt, auch wenn man viele Jahre auf Maria Larsson warten musste.

Jetzt zeigt er intensiv das Leben und Leiden dieser Frau, schildert die Epoche und die schwedische Arbeiterbewegung, präsentiert alle Facetten von Marias Familie, entlarvt einen grobschlächtigen, nur zeitweise erträglichen Kerl – sichtbar gemacht in unzähligen Aufnahmen, eine schöner als die andere.

Eine künstlerische Arbeit von einigem Rang – in einem getragenen, höchst legitimen Rhythmus, wie man ihn heute immer seltener antrifft. „Die ewigen (photographischen) Momente der Maria Larsson“ wurden auch bereits mit mehreren Preisen bedacht.

Drei absolute Spitzendarsteller bestimmen das Bild: Maria Heiskanen als Maria, die ihr eigentlich trauriges Leben durch ihre „Kunst“ überhöht, Mikael Persbrandt in der undankbaren Rolle des Sigfrid und Jesper Christensen als durch Zurückhaltung und Noblesse charakterisierter Photograph Petersen.

Thomas Engel