A Scanner Darkly

Selten passten Form und Inhalt so zusammen wie diese, im so genannten Rotoscope Verfahren gedrehte, Verfilmung eines Romans von Philip K. Dick. Die typischen Themen des Kultautors – Paranoia, Verschwörungstheorien, Drogen, Schizophrenie, Identität – formt Richard Linklater zu einem der vielschichtigsten, faszinierendsten Filme des Jahres.

Webseite: www.ascannerdarkly.de

USA 2006
Regie: Richard Linklater
Buch: Richard Linklater, nach einem Roman von Philip K. Dick
Darsteller: Keanu Reeves, Winona Ryder, Robert Downey Jr, Woody Harrelson, Mitch Baker, Rory Cochrane
100 Minuten, Format 1:1.85
Verleih: Warner Bros.
Kinostart: n.n.

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Dass Philip K. Dick die Romanvorlage schon 1977 schrieb macht es umso erstaunlicher wie zeitgemäß die darin behandelten Themen in der heutigen Zeit noch bzw. wieder sind. Zwar finden sich in „A Scanner Darkly“ einige leichte Science-Fiction-Aspekte, dennoch ist die Handlung wesentlich mehr in einer erkennbaren Realität verankert, als in anderen Werken Dicks, von denen seit dem frühen Tod des Autors etliche verfilmt wurden, wobei besonders „Blade Runner“, „Total Recall“ und „Minority Report“ hervorzuheben sind.

Spielten diese Romane bzw. Filme in der mehr oder weniger fernen Zukunft ist „A Scanner Darkly“ in einer Variation der Gegenwart angesiedelt, die unschwer als nach 9/11-Ära zu erkennen ist. Der Krieg gegen den Terror ist mit einem Krieg gegen die Droge Substance-D verschwommen, jeder Bürger wird überwacht, Paranoia grassiert. Der Undercover-Cop Fred soll einem Drogendealer auf die Spur kommen, ist aber selbst schon längst der Droge verfallen. Im Dienst trägt diese von Keanu Reeves gespielte Figur einen Scramble-Suit, der in Sekundenbruchteilen das Äußere wechselt und so die Identität des Trägers geheim hält. Niemand bei der Polizei scheint zu wissen wer Fred wirklich ist, was dazu führt, dass man Fred auf seine zivile Persona Bob ansetzt, er sich also selbst überwachen soll. Dieser brillante dramaturgische Einfall ist die Ideale Metapher für die zunehmende Schizophrenie in die Fred/ Bob immer tiefer fällt, symbolhaft für die ganze moderne Welt.

Besonders zwei von Robert Downey Jr. und Woody Harrelson gespielte Kiffer stehen sinnbildhaft für diese Entwicklung. Immer wieder fallen sie in bizarre Diskussionen, die unter der komischen, pointierten Oberfläche das ganze Dilemma einer Welt zeigen, in der die Paranoia grassiert und man niemandem mehr trauen kann. Dieses Misstrauen in die Obrigkeit, dass für Dick offensichtlich aus dem innenpolitischen Ereignissen, die Amerika in den 60er und 70er Jahren durchlebte resultierte, ist gleichzeitig ideales Sinnbild für das gegenwärtige Amerika. Die Einschränkung der Bürgerrechte, die zunehmende Überwachung, die Verschwörungstheorien, die durch oft unglaubwürdige Erklärungen der Regierung befüttert werden, all das reflektiert „A Scanner Darkly“. Dass er sich dabei dem in den 70er Jahre aufgekommenen Mythos bedient, die Regierung hätte bestimmte Drogen bewusst in Umlauf gebracht, um die Bevölkerung zu kontrollieren, mutet da geradezu konsequent an.

Dass Schöne ist zudem, wie treffend die Wahl dieser Form der Animation für das Sujet des Films ist. Die Rotoscope-Technik, bei der zunächst reale Schauspieler gefilmt werden, die anschließend in einem aufwändigen technischen Verfahren überzeichnet und mehr oder weniger verfremdet werden, hat einen prinzipiell unwirklichen Effekt. Figuren und Gegenstände scheinen immer leicht zu schweben, die Perspektiven wirken leicht verzerrt, Farben wirken unwirklich, immer ein wenig zu grell. All das wäre bei den meisten Sujets eine nette technische Spielerei, die nach kurzer Zeit zum Selbstzweck verkommen würde. In einer Geschichte über Wahrnehmung, bewusstseinsverändernde Drogen, Schizophrenie und Wahnvorstellungen ist sie geradezu ideal. Sie verstärkt den schlafwandlerischen Effekt mit dem die Figuren durch diese Welt gleiten und macht „A Scanner Darkly“ zu einem sowohl visuell als auch intellektuell brillantem Film.

Michael Meyns