A Serious Man

Nach Killergroteske („No Country for Old Men“) und Spionagesatire („Burn After Reading“) gelingt den verspielt coolen Coen-Brüdern ein erneuter Coup, der für Oscar-Segen sorgen dürfte. Statt wie sonst auf Stars setzt das kreative Duo diesmal auf unverbrauchte Nobodys und erlaubt sich den Luxus, das Publikum zur Eröffnung mit einer verrückten Folklore-Episode der absurden Art zu verwirren. Amüsant geht es weiter, tragisch komisch versteht sich. Ein vergnüglich böses Melodram über Moral und (jüdische) Religion – und über die unglaubliche Ungerechtigkeit des Seins. Ein Feel-Bad-Movie zum Totlachen.

Webseite: www.seriousman.de

USA 2009
Regie und Buch: Joel & Ethan Coen
Darsteller: Michael Stuhlbarg, Richard Kind, Fred Melamed, Sari Lennick, Aaron Wolff, Jessica McManus, Michael Tezla, Alan Mandell, George Wyner, Peter Breitmayer, Brent Braunschweig, David Kang, Benjy Portnoe
Länge: 105 Minuten
Verleih: Tobis
Start: 21.1.2010
 

PRESSESTIMMEN:

Absurdes, intelligentes Kino für Erwachsene.
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Physikprofessor Larry Gopnik (großartig Michael Stuhlbarg) ist ein Pechvogel wie aus dem Woody Allen-Universum. Seine Frau will aus heiterem Himmel die Scheidung und ausgerechnet den penetrant verständnisvollen Freund der Familie ehelichen. Der nervtötende Bruder quartiert sich im trauten Heim ihm ein und bringt neben schlechter Laune alsbald die Polizei ins Haus. Ein versetzungsgefährdeter Student will karrierebewusst mit etwas Bestechungsgeld seine Noten aufbessern, worauf alsbald anonyme Briefe die Karriere des ehrenwerten Professors bedrohen. Zu allem Übel bestiehlt ihn seine pubertierende Tochter, um ihre Nasenkorrektur zu finanzieren, derweil der Sohn lieber zu Marihuana als den Schulheften greift. Fast folgerichtig, dass die medizinische Routineuntersuchung des überzeugten Hypochonders diesmal etwas dramatischer ausfallen wird – wenngleich ihn sein rauchender (!) Arzt im Sprechzimmer zunächst beruhigt. Was tun? Als gläubiger Jude fragt der verzweifelte Larry einen Rabbi – und noch einen und noch einen. Aber alle guten Ratschläge bleiben jedoch reichlich rätselhaft und klingen so hilfreich wie Kalendersprüche. Mit beißendem Spott und genüsslicher Schadenfreude schaukeln die Coens ihr gebeuteltes Stehaufmännchen immer tiefer in seine (Sinn-)Krise. Das tun sie diesmal freilich mit ein bisschen mehr Mitgefühl als üblich, schließlich ist diese Geschichte aus dem Mittleren Westen der 60er Jahre autobiografisch angehaucht: So persönlich ging es bei den Coens noch nie zu.

Das Füllhorn grotesker Einfälle wird mit umwerfender Situationskomik der angenehm unaufdringlichen Art umgesetzt: Ob der arme Larry sich einen bösen Sonnenbrand holt als er fassungslos die lüsterne Nachbarin beim textilfreien Sonnenbad beobachtet. Ob sein bekiffter Sohn sich bei der feierlichen Bar Mitzwa nur mit Mühe auf den Füßen halten kann. Oder ob auf der Rückseite von Zähnen auf wundersame Weise hebräische Buchstaben auftauchen. Da wundert nur wenig, dass der ehrwürdige Rabbi zum Fan von „Jefferson Airplane“ konvertiert und bedeutungsvoll deren „Somebody to Love“-Zeilen zitiert: „When the truth is found to be lies/And all the joy within you dies“- zugleich das Motto dieses seriös amüsanten Films.

Neben haarsträubenden Pointen mit messerscharf geschliffene Dialoge und den umwerfenden Akteuren überzeugen einmal mehr die virtuos komponierten Bilder von Kameramann Roger Deakins, der schon lange das visuelle Konzept der Coens umsetzt. Zum guten Schluss der schwarzen Komödie folgt schließlich ein famoses Finale, das wohl zu einem der großartigsten der Filmgeschichte gehört. Wenn es für soviel intelligent emotionale Unterhaltung keine Oscars gibt, wäre die Welt wohl wahrlich ein wenig ungerecht.

Dieter Oßwald