Absolute Wilson

Seine Bühnenstücke gehören zu den faszinierendsten Kunstwerken unserer Zeit. Dass Robert Wilson ein besonderer Mensch sein muss, konnte man daher vermuten. Das wunderbare Porträt von Katharina Otto-Bernstein ist in seiner Mischung aus intimen Momenten und großer Werkschau trotzdem ein Glücksfall.

Webseite: www.kinowelt.de

USA, Deutschland2006
Regie: Katharina Otto-Bernstein
Darsteller: Robert Wilson, David Byrne, Susan Sontag, Philipp Glass, Tom Waits, Jessye Norman, Charles Fabius, Suzanne Wilson
Länge: 109 Min.
Verleih: Kinowelt
Kinostart: 12.10.2006

PRESSESTIMMEN:

Ein spannender, detailtreicher Dokumentarfilm über eine charismatische Persönlichkeit, der zudem immense Lust auf die Bühnenarbeiten des Künstlers macht. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Bei Theaterinszenierungen von denen "Black Rider", "Einstein on the Beach" oder "The Civil Wars" vielleicht die bekanntesten sind, arbeitete Robert Wilson mit Luis Aragon, Susan Sonntag, Heiner Müller, Tom Waits, William S. Boroughs, David Byrne, Isabelle Hubert und Philip Glass zusammen. Doch zu zitieren, dass Wilson ein Großer, ein Genialer, ein Visionär und mutiger Träumer ist, reicht dem Film "Absolut Wilson" nicht aus. Er geht zurück in die Kindheiten. Die von Robert Wilson, der am 4. Oktober 1941 in Waco, Texas geboren wurde. Der als schwuler Künstler immer um Anerkennung seines wohlhabenden konservativen Vaters rang. Dessen kreative Anfänge in den USA verkannt wurden. "Absolut Wilson" erzählt aber auch von zwei Kindern, die Wilsons Kunst nachhaltig geprägt haben: Da ist der schwarze, taubstumme Raymond, den er auf der Strasse fand und zur Hauptfigur machte. Und der geistig behinderte Christian, mit dem die Arbeit zu neuen Einsichten in die Inszenierungskunst führte. Katharina Otto-Bernstein zeigt ebenso alte Aufnahmen früher Tanzexperimente und von ersten Theaterstücken wie die Vorwürfe, Wilson hätte die Kinder ausgebeutet.

 

"Genius is childhood recovered at will" heißt es einmal, "Genie ist das bewusste Entdecken der Kindheit". Und die frühen Bezüge helfen immer wieder beim Verständnis des späteren Werkes. Nachdem "Einstein on the Beach" 1976 beim Festival von Avignon ein riesiger Erfolg wurde, war Wilson anerkannt. In Europa wohlgemerkt, nicht in den USA, selbst heute noch nicht. An der Herkulesaufgabe "The Civil Wars", einem gigantischen Theaterprojekt mit Produktionen aus 5 Nationen, geplant für die "Cultural Olympics" Los Angeles 1984, scheiterte er organisatorisch. Der tiefen Verletzung darüber stehen allerdings die traumhaften Fragmente – unter anderem in Köln aufgeführt – entgegen. Große, farbige Szenen mit simultanen Handlungen, Projektionen, Rhythmen sind typisch für Wilsons Aufführungen. Dazu Projektionen. Bewegungen wirken mechanisiert, zum gewaltigen Sog dieser Sinneseindrücke passt die serielle Musik von Philip Glass. Auch "The Black Rider" mit einem Libretto von William S. Burroughs und der Musik von Wilson regelmäßigem Kollaborateur Tom Waits erlebte nach der Uraufführung 1990 große Erfolge in Deutschland.

Die freundschaftliche Beziehung, das vertraute Gespräch von Regisseurin und "Objekt" des Films heben "Absolut Wilson" aus der Masse ähnlicher Künstler-Biographien hervor. Die Dokumentation verdankt ihre Existenz einer zufälligen Begegnung von Wilson und Otto-Bernstein bei einer Party. Während der langen Dreharbeiten bekam die Regisseurin zwei Kinder, bei der ersten Geburt war Wilson dabei. Das zeigt, wie vertraut die beiden sind. So dürfen wir nicht nur kleine Ausschnitte seiner Kunst, sondern auch intime Momente, Verletzungen und Träume dieses faszinierenden Menschen miterleben. Ein Kunst-Genuß auch für Kinogänger, die noch nie von Robert Wilson gehört haben.

Günter H. Jekubzik