Albaner, Der

Illegale in Deutschland, das ist das eine Thema von Johannes Nabers über mehrere Jahre hin entwickeltem Drama. Im Titel deutet sich aber bereits eine zweite Ebene an. Auch um Albanien, das ärmste Land Europas, geht es – und darum, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Hier ist es der junge Arben, der in Deutschland das Geld für die Hochzeit mit seiner heimlichen Geliebten Etleva verdienen möchte. Das aber ist leichter gesagt als getan. Johannes Naber und sein starker Hauptdarsteller erzählen von der Illusion des großen Glücks und wie dabei Hoffnung in Verzweiflung und Vertrauen in Enttäuschung umschlagen können.

Webseite: www.zorrofilm.de

Deutschland 2010
Regie: Johannes Naber
Darsteller: Nik Xhelilaj, Xheljane Terbunja, Ivan Shvedoff, Amos Zaharia, Stipe Erceg
104 Minuten
Verleih: Zorro Film
Start am 4.8.2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Arbeit in Albanien ist rar gesät, zumindest eine einigermaßen gut bezahlte. Arben und die Männer seiner als Bauern in den Bergen lebenden Familie brechen daher immer wieder ins benachbarte Griechenland auf, um dort für einen oder mehrere Monate als Gastarbeiter tätig zu sein (in der griechischen Komödie „Kleine Wunder in Athen“ beklagten sich die eher lethargischen Antihelden darüber, dass die Albaner ihnen die Arbeit wegschnappen würden und in punkto Fleiß quasi so etwas wie die Deutschen des Balkan seien). Ein Großteil des Verdienstes geht dabei allerdings für das Visum drauf. Langfristig auf einen grünen Zweig lässt sich damit nicht kommen. Arben aber benötigt dringend 10.000 Euro, um seine Freundin heiraten, bzw. die Schulden von deren Vater begleichen zu können. Eile ist insofern geboten, als sie schwanger und außerdem einem reichen Verwandten in den USA versprochen ist. Arben entschließt sich, nach Deutschland zu gehen und dort das Geld aufzutreiben. Keine neun Monate bleiben ihm.

Die Reise selbst interessiert Johannes Naber weniger. Irgendwann ist Arben in Deutschland, hat die Alpen von Italien aus größtenteils zu Fuß überquert. Dass es dauernd regnet und die Farbigkeit der Bilder eher von tristen Tönen bestimmt sind, passt zum Ernst der Geschichte. In Berlin hilft zunächst ein Landsmann mit Unterkunft und Job, dann ist der junge Albaner auf sich gestellt – und immer in Gefahr, als Illegaler entdeckt und abgeschoben zu werden. Seinem Bruder daheim erzählt er von einem Job als Mechaniker, tatsächlich putzt er für drei Euro Stundenlohn Klos. Durch die Freundschaft mit dem schwer kranken Immigranten Slatko findet Arben bald darauf einen besser bezahlten Job in der Schlepperbranche.

Was Naber, der an der Filmakademie Baden-Württemberg in Ludwigsburg 1999 sein Studium im Bereich Dokumentarfilm abgeschlossen und 2008 das Drehbuch für Philipp Stölzls Bergdrama „Nordwand“ überarbeitet hat, vor allem sichtbar macht, das ist zum einen die Veränderung, die Arben als Mensch durchläuft. Zum anderen sind es die Schattenseiten des europäischen Traums, den wie Arben allein in Deutschland geschätzte eine Million Illegale hegen. Wie sie leben und überleben in einem Wohlstandsstaat, auch das hat Naber interessiert. Anfangs ist sein Held noch ein von Hoffnung getriebener junger Mann, naiv in mancherlei Hinsicht, gänzlich unvertraut mit Dingen wie E-Mail. Darüber lässt sich noch schmunzeln.

Sein einziger Kontakt in die Heimat ist der jüngere Bruder – doch der, so wird dem Zuschauer zumindest schnell klar, hat anderes im Kopf als den sicher nicht zu viel verlangten Bitten Arbens nachzukommen. Dass Arbens Nachrichten nicht zu Etleva durchdringen, hat denn auch Folgen für den weiteren Verlauf der Ereignisse. Doch Arben ist auch ein hilfsbereiter und ehrlicher Mensch, wie die Freundschaft zu Slatko zeigt. Erst die Erkenntnis, dass er durch eine reguläre, aber unterbezahlte ehrliche Arbeit nicht zu seinem Ziel gelangen wird, lassen den Albaner in seiner Verzweiflung kriminelle Dinge tun. Diese charakterliche Veränderung hat Schauspieler Nik Xhelilaj überzeugend und glaubwürdig umgesetzt.

Auch wenn Naber die Grundzüge seines Films schon 2001 entwickelte und 2004 eine Drehbuchförderung durch das Medienboard Berlin-Brandenburg erhielt, so dauerte die Fertigstellung doch bis ins Jahr 2010. Die Geduld aber hat sich für Naber ausgezahlt: beim diesjährigen Max-Ophüls-Filmfest gewann „Der Albaner“ den Hauptpreis. Sein Film ist ein Film der Kontraste. Beeindruckende Landschaftsaufnahmen aus einem von der Armut gezeichnetem, in mancher Hinsicht aber durch das Festhalten an alten Traditionen auch rückständigem Land hier, emotionale Tristesse und schwindende Moral in einer zerfallenden Wohlstandsgesellschaft dort – damit macht Naber die aktuell in Europa bestehenden Gegensätze zwischen armen und reichen Gesellschaften deutlich.

Thomas Volkmann

Albanische Bergprovinz. Steiniges Gelände und abgelegene Bauernhöfe. Arben lebt dort in seiner Familie. Ab und zu gehen die Männer der Gegend für eine gewisse Zeit zum Arbeiten nach Griechenland, bekommen dort aber nur Hungerlöhne.

Arben liebt die in der Nähe wohnende Etleva. Aber die Bräuche sind streng. Eine Heirat ist nur möglich, wenn Arbens Familie der Familie von Etleva ein paar Tausend Euro bezahlt. Doch woher das Geld nehmen?

Etleva wird schwanger – welche eventuelle Schande für die Unverheiratete! Arben sieht nur eine Möglichkeit: In Deutschland will er das Geld verdienen und zur Geburt rechtzeitig zurück sein. Etlevas Ehre wäre gerettet.

Arben kommt so gut wie mittellos in der Bundesrepublik an. Die Sprache versteht er nicht. Mit niedrigsten Arbeiten muss er anfangen. Viel Geld gibt es dafür nicht.

Zusammen mit Slatko, den er vor dem sicheren Tod rettet und der sein Freund wird, bekommt er von einem neuen Arbeitgeber ein Angebot: Wenn er hilft, russische Arbeiter über die Grenze zu schmuggeln, wird er sein Geld für die Hochzeit schnell zusammen haben.

Eine Zeit lang geht es gut. Dann springt Slatko ab, weil er seine Nicola heiraten will. Arben versucht es allein, wird aber von einem Konkurrenten getäuscht, betrogen und zusammengeschlagen. Er verliert noch dazu seine gesamten Ersparnisse.

Jetzt muss und wird er sich rächen – und den Konkurrenten berauben. Doch Arben kehrt zu spät nach Albanien zurück. Das Kind ist längst geboren, Etleva von ihrem Vater verstoßen. Verbitterter könnte sie nicht sein. Ob aus Arben und Etleva noch einmal ein Paar wird, ist sehr fraglich.

Zwei Themen: die unerbittlichen alten Ehr- und Sittenbegriffe auf dem Balkan und die tiefe Not der Illegalen, Armen und Arbeitslosen, die nur eine Möglichkeit sehen – in Zentraleuropa an ein besseres Leben zu kommen und das verdiente Geld zum Teil in die Heimat zu schicken.

„Der Albaner“ ist mit großer Ernsthaftigkeit gemacht. Die künstlerische und vor allem filmische Fähigkeit des Autors und Regisseurs ist unverkennbar. Er legt zudem den Finger auf eine Wunde, die immer tiefer und aktueller zu werden scheint. Die Atmosphäre ist sowohl in Albanien als auch in Deutschland treffend, naturalistisch und glaubwürdig eingefangen. Die Liebesgeschichte und der Versuch in Deutschland, eine Verstrickung fast so tragisch wie in der antiken Tragödie, vor allem von Nik Xhelilaj als Arben (Shooting Star 2011) ganz hervorragend gespielt.

Thomas Engel