Höhle der vergessenen Träume, Die

Sein jüngster Film führt Werner Herzog in die legendäre Chauvet Höhle im Süden Frankreichs, in der 30.000 Jahre alte Felszeichnungen gefunden wurden, die als älteste Kunstwerke der Menschheit gelten. In seiner typischen Manier nimmt Herzog diese Zeichnungen zum Anlass für mäandernde, weitreichende Reflektionen über die Kunst, die Menschen und das Leben selbst. Ein faszinierender Film, der als einer der bislang wenigen Filme überhaupt auch einen sinnvollen Nutzen der 3D Technik ausweist.

Webseite: www.hoehledervergessenentraeume.de

USA 2011 – Dokumentation in 3D
Regie, Buch: Werner Herzog
Länge: 90 Minuten
Verleih: Ascot Elite
Kinostart: 3. November 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ende 1994 wurde im Süden Frankreichs die Chauvet Höhle entdeckt, ein System aus Gängen und Räumen, dass durch einen Steinrutsch seit 20.000 Jahren von keinem Menschen betreten worden war. Schnell wurde klar, dass man es mit einer wissenschaftlichen Sensation zu tun hatte. Vor allem die zahlreichen Felszeichnungen faszinierten die Wissenschaftler und machten die Höhle zu einem begehrten Forschungsobjekt. Da durch die Öffnung der Höhle, das Betreten durch Lebewesen eine Luftdruckveränderung stattfindet, die Pilzbefall und im schlimmsten Fall die Zerstörung der Zeichnungen zur Folge haben kann, wurde die Höhle mit einer Stahltür versiegelt. Selbst die Forscher dürfen sie nur wenige Stunden betreten. Trotz dieser extremen Schutzvorkehrungen verwundert es nicht wirklich, dass es Werner Herzog gelungen ist, eine Drehgenehmigung für die Höhle zu erhalten.

Wen anders als Herzog, der schon am Südpol, in diversen Dschungeln, ja selbst auf einer Pazifikinsel, die unmittelbar von einem Vulkanausbruch bedroht war, gedreht hat, hätte man sich als Regisseur dieses Films auch vorstellen können? Mit seiner unverwechselbaren Art, seiner Neugier für alle Facetten der menschlichen Existenz, die ihn weniger einer klaren Linie als auf impressionistische Weise seinen Gedankengängen folgen lässt, macht sich Herzog an die Arbeit. Zum ersten Mal bedient er sich dafür einer modernen 3D-Kamera, einem Gerät, das inzwischen klein genug ist, um von einem winzigen Helikopter getragen zu werden oder sich durch die engen Gänge der Höhle zu quetschen. Verhältnismäßig wenig Zeit verbringt der Film dennoch in der Höhle selbst – und doch sind es diese atemberaubenden Aufnahmen, die zeigen, warum Wim Wenders möglicherweise recht hatte, als er die Zukunft des 3D Kino vor allem beim Dokumentarfilm sah. Wenders selbst hatte mit seinem „Pina“ begonnen, die Möglichkeiten anzudeuten, Herzog geht in seinem Film noch weiter. Extreme räumliche Erfahrungen macht die 3D-Technik hier möglich, lässt die Höhle, die Felszeichnungen und die Steinformationen so nah erscheinen, als wäre man selbst vor Ort.

Doch Herzog begnügt sich nicht damit, die Zeichnungen zu zeigen und die dort forschenden Wissenschaftler zu interviewen. Für ihn sind die Zeichnungen nur mehr Anlass für weitreichende Reflektionen über die Entstehung der Kunst – die Zeichnung eines Rindes mit acht Beinen bezeichnet er etwa als Protokino – die Natur des Menschen, das Leben an sich. Bisweilen führen diese Überlegungen zwar arg weit vom Ausgangspunkt weg, verliert sich Herzog in seinen sprunghaften Gedankengängen. Immer wieder aber führt ihn sein mäanderndes Wesen zu faszinierenden Momenten, die „Die Höhle der vergessenen Träume“ zu einem spektakulären Dokumentarfilm machen.

Michael Meyns

In Frankreich gibt es im Gebiet des Flusses Ardèche eine außergewöhnliche Höhle, die erst Mitte der 90er Jahre entdeckt wurde. Und was macht die Höhle außergewöhnlich? Sie war wohl an die 20 000 Jahre unzugänglich, weil ein riesiger Felssturz den Zugang verschüttet hatte, und deshalb blieben die Schätze, die sie birgt, unversehrt.

Was sind nun diese Schätze? Dutzende Höhlenzeichnungen sind es, von denen die ältesten 30 000 Jahre alt sind. Sie sind bestens erhalten, die Bären, die Mammuts, die Pferde, die Höhlenlöwen, die Hyänen usw.

Nur sehr wenige Wissenschaftler hatten bis jetzt Zugang. Denn schon allein massiver menschlicher Atem könnte alles beeinträchtigen. Und doch gelang es Werner Herzog, von der französischen Regierung eine Drehgenehmigung zu erhalten. Mit einfachster technischer Ausrüstung und geringen Lichtquellen konnten die vier, fünf Mitglieder des Filmteams auf engstem Raum und genauer zeitlicher Begrenzung ein paar Wochen lang arbeiten.

Herausgekommen ist ein Dokumentarfilm, der deshalb von kulturellem Rang ist, weil er nie Gesehenes und tatsächlich Einzigartiges festhält. Die Bilder wirken teilweise so frisch, als wären sie erst vor kurzem gemalt worden. Natürlich wurden auch Tierknochen gefunden, dazu jahrtausende alte Stalaktiten und Stalagmiten.

Menschen haben die Höhle nicht bewohnt, aber es gab sie natürlich. Wer waren sie? Wie haben sie gelebt? Wes Geistes Kind waren sie? Hatten sie religiöse Rituale? Mit welchen Mitteln jagten sie, um sich zu ernähren?

Man ist auf Vermutungen angewiesen – und die werden auch (sogar im Film) reichlich angestellt – die magische Ardèche-Höhle gibt darüber allerdings keinen Aufschluss.

Ein paar Interviews begleiten die Bilder, Herzog befragte Paläontologen oder Menschen der Umgebung. Vor allem aber zeigt der Kommentar, den er selbst verfasste und selbst spricht, wie er von der „Höhle der vergessenen Träume“ praktisch und geistig gefangen war. Im Kommentar philosophiert er tiefsinnig, aber es ist natürlich subjektive Philosophie, Herzog-Philosophie.

Werner Herzogs interessanter 3D-Dokumentarfilm über eine kulturgeschichtlich einzigartige Höhle in Frankreich mit erst Mitte der 90er Jahre entdeckten bis zu 30 000 Jahre alten Tierzeichnungen.

Thomas Engel