Als das Meer verschwand

Vom Meer ist in Brad McGanns in der neuseeländischen Provinz spielendem Familiendrama nur verbal die Rede. Sein poetischer Impetus aber sorgt trotz der in seelische Tiefen führenden Geschichte um einen zur Beerdigung seines Vaters in die Heimat zurückgekehrten und hier mit schmerzlichen Erinnerungen konfrontierten Kriegsfotografen für berührende Momente. Was „Als das Meer verschwand“ zudem sehenswert macht, ist seine mit Rückblenden und Verschachtelungen arbeitende und an einen Thriller erinnernde Erzählstruktur. Und wie so oft in Filmen aus Neuseeland trägt auch hier die wunderbare Landschaft zum guten Gesamteindruck bei.

Webseite: www.alsdasmeerverschwand.de

OT: In my fathers den

Neuseeland/England 2004
Regie: Brad McGann
Darsteller: Matthew MacFayden, Emily Barclay, Miranda Otto, Colin Moy, Jodie Rimmer, Jimmy Keen, Toby Alexander u.v.a.
128 Minuten
Verleih: Capelight Pictures/Central Film
Kinostart: 30.11.06

PRESSESTIMMEN:

Virtuos erzähltes und gespieltes, angenehm zurückhaltend inszeniertes Psychodrama, das auf der Folie eines spannenden Genrefilms über Lebenslügen und Weltflucht reflektiert. – Sehenswert.
film-dienst

…rollt eine tragische Familiengeschichte auf wie einen vertrackten Kriminalfall. Ruhig und konzentriert beobachtet Regisseur und Drehbuchautor Brad McGann den spröden und verschlossenen Helden bei seinem schmerzhaften Selbstfindungsprozess und zieht den Zuschauer dabei immer tiefer in ein tödliches DRama hinein.
Der Spiegel

Ein leises, dennoch kraftvolles Drama um ein dunkles Familiengeheimnis.
Brigitte

Leises, aber kraftvolles Arthouse-Drama um ein dunkles Geheimnis, das einen Heimkehrer in der Einöde Neuseelands mit verstörender Wucht erwartet.
Blickpunkt:Film

FILMKRITIK:

Man kann verstehen, dass die trauernden Familienangehörigen sich nicht eben in einer euphorischen Stimmung befinden, schließlich hat man gerade den Vater der Brüder Andrew (Colin Moy) und Paul (Matthew MacFayden) zu Grabe getragenen. Die abweisende, ja feindliche Haltung von Andrew seinem Bruder gegenüber aber wird im Laufe der zwei spannenden Stunden noch ihren Hintergrund erkennen lassen. So nimmt es Andrew Paul nach wie vor übel, als der als junger Erwachsener Neuseeland verließ, um auf der nördlichen Erdkugel als erfolgreicher Journalist und Kriegsfotograf zu reüssieren – und somit Andrew und die Familie im Stich ließ. Dass dieser Aufbruch eigentlich eine Flucht aufgrund persönlicher Enttäuschungen und Verletzungen darstellte, auch dies offenbart sich erst im Laufe dieses von (menschlichen) Verlusten wie auch der Perspektivlosigkeit im provinziellen Neuseeland handelnden Films.

 

Der stark in sich gekehrte Paul begegnet 17 Jahre nach seinem Aufbruch in ein neues Leben auch wieder seiner Jugendliebe Jackie (Jodie Rimmer). In der dem Originaltitel zugrunde liegenden Hütte des (nun gestorbenen) Vaters – ein verborgener Zufluchtsort mit einer Unmenge von Büchern – hörte er einst Platten von Patti Smith, nun kommt Jackies 16-jährige Tochter Celia (Emily Barclay), um Paul ihren Traum von einem Leben in Spanien bei einem Glas Wein und einem Blick aufs Meer mitzuteilen und mit über das Leben zu philosophieren. Für die Schule, an der Paul für die Zeit seines Aufenthalts zur Klärung der Nachlassregelungen eine Stelle als Lehrer angenommen hat, befragt sie ihn über Leben und Beruf. Untrüglich, dass beide eine Seelenverwandtschaft zueinander spüren. Beide spüren jedoch auch, dass ihre Freundschaft von den Dorfbewohnern argwöhnisch beäugt wird.

Als Celia eines Tages spurlos verschwunden ist, gerät Paul unter Verdacht. Interessant ist, wie Brad McGann die 1972 vom bekannten neuseeländischen Autor Maurice Gee aufgeschriebene Geschichte erzählt. Durch nahtlose Rückblenden sowie durch bestimmte Verbindungen und Verhaltensweisen einzelner Charaktere zueinander führt er den Zuschauer auf Fährten, die hinsichtlich des Verschwindens von Celia auch in eine falsche Richtung gehen könnten. Gleichzeitig aber wird auf diesem Weg die Psychologie vieler Figuren verständlicher und deutlicher. Wer der Vater von Celia ist, welches Zerwürfnis zu Pauls Abkehr von der Familie geführt hat und inwieweit sein Beruf ihn zu einem in sich gekehrten, ausgebrannten Menschen gemacht hat, nicht zuletzt auch die Wahrheit hinter Celias Verschwinden – all diese Geheimnisse werden erst nach und nach gelüftet und sorgen bis zum Schluss für Spannung. Hinzu kommt ein großartiges Gespür für atmosphärisch dichte Bilder der weichen neuseeländischen Landschaft sowie lyrische und metaphorische Einschübe, sei es über die Musik Patti Smiths oder ein Gemälde mit dem Titel „Hope“, über das sich Celia bei einem Schreibwettbewerb Gedanken machte.

Thomas Volkmann