American Hardcore

Anhaltendes Gebrüll zu runtergefetzten Akkorden im Presslufthammer-Rhythmus: So klang der „pure“ amerikanische Punkrock. Paul Rachmann und Steven Blush rollen die Geschichte dieser musikalischen Subkultur  aus den Jahren 1980 bis 1986 auf. Dutzende ehemaliger Bandmitglieder erzählen enthusiastisch von der Radikalität jener Zeit. Von den heute vergessenen Bands wie „Black Flag“ oder „Minor Threat“, die für „Nirvana“ oder „Beastie Boys“ den Weg ebnen sollten. In alten Videos braust das Lebensgefühl des Punk noch einmal röhrend auf, droht aber, da der Film weder Bogen noch Ende findet, in Schaumkrönchen zu zerrieseln.

Webseite: www.american-hardcore.de

USA 2005
Dokumentation
R: Paul Rachman
B. Steven Blush, nach seinem Buch „American Hardcore: A Tribal History“
P: Steven Blush und Paul Rachman
Mit: Ian MacKaye, Keith Morris, Vic Bondi, Joel „Shithead“ Keithley, Henry Rollins u.v.a.
Verleih: Kinostar Filmverleih, Stuttgart
Festivals: Sundance Film Festival (Official Selection), Toronto Film Festival
L: 100 Min.
Start: 14. Dezember

PRESSESTIMMEN:

"American Hardcore" ist ein sympathisches, mit einer Vielzahl von raren Konzertmitschnitten gespicktes, beileibe nicht vollständiges Zeitdokument.
Der Spiegel

FILMKRITIK:

Man sang nicht, man schrie: „Wir waren Kids: schnell, laut und wütend.“„Gleich am Eingang gab es eins auf die Nase.“ Im Saal ging es dann nahtlos weiter. Die Sänger warfen sich kopfüber ins Publikum. „Diese Musik schlug ein wie ein Komet.“ Sie richtete sich gegen die neue Angepasstheit, Bravheit und das Karrieredenken. „Alle sprachen von dem ,Morgen in Amerika‘. Wir brauchten Menschen, die sagten: ,Hej, jetzt ist Geisterstunde!‘“ Gewalt und Boshaftigkeit gehörten dazu. „Man haut die Küche klein, öffnet die Schränke, pisst auf die Schuhe. Das Haus brennt ab, die Polizei kommt, alles klar: Auftritt der Polizei!“

Die Musiker, die hier aus alten Chaostagen plaudern, handelten damals betont antikommerziell, sie traten in kleinen Sälen auf, verdienten wenig. Im Gegensatz zu ihren Nachfolgern: „Ihre Scheißbusse rollten auf den Highways, die wir ausgelegt hatten“. Wohin ging denn ihr eigener Weg? „Wir wollten nicht wie die Hippies die Welt bekehren, aber wir waren eine geschlossene Szene.“ Rachman filmt die ehemaligen Punker in ihren jetzigen etablierten Umgebungen. Mal sitzen sie an einem Swimmingpool, mal auf einem Kinderspielplatz, vor einer Platten- oder Krawattensammlung oder versinken in dicken Polstern und präsentieren ihre tätowierten Arme.

Für Steven Blush, der Drehbuch und Buchvorlage lieferte, waren diese Typen damals von einem sehr jungen „Do it yourself-Bastlerethos“ geprägt. „Man wusste, dass etwas mit der Welt nicht in Ordnung war, aber nicht genau was.“ Generell ging es gegen das System, das hier mit dem Begriff „Reagan-Ära“ abgedeckt wird. Sie brachte die „weiße Ordnung“ zurück, die unter anderem die Bewegungen der Schwarzen und der Feministinnen in die Schranken wies. Aber die Szene der  Punk Rocker war klar von jungen weißen Männern dominiert.  Kira Roessler, Bassistin der Band „Black Flag“ fragte sich damals: „Was mache ich eigentlich in einer Szene, die Frauen hasst?“

Diese Fragen berücksichtigt Paul Rachman ebensowenig wie die Inhalte der Musik, die Vorgänger, Epigonen oder Fans. Rachman, damals Veranstalter von Punk-Konzerten, später für seine Musikvideos  ausgezeichnet und Mitgründer des „Slamdance Film Festival“ in Utah, geht es um „die Darstellung aus erster Hand“. Darum zeigt er nur die Aussagen der Mitwirkenden  und Konzertmitschnitte von Amateuren.

Seine klein geschnetzelte Dramaturgie – ein sitzender Musiker erzählt, dem folgt ein kurzer krächerner Bandauftritt, dann ein Blick auf die Landkarte der USA – ist für 30 Minuten höchst anregend, aber nicht für 100 Minuten. Sein Anspruch, die Bewegung flächendeckend abzuarbeiten, ermüdet. Es fallen Dutzende Bandnamen, der große Zusammenhang fehlt. Aber schließlich heißt es ja im Untertitel: „Eine umfassende und visuell chaotische Geschichte der Untergrundszene der amerikanischen Hardcore Punk Bewegung“. Auch für Eingeweihte dürfte der Film Längen haben. Immerhin demonstriert er in Reinform, welche Dynamik in den 80ern vorherrschte, wie viele Energien verschleudert wurden und wie krass sich diese Ära von den Zweifeln und der Introvertierheit der 90er Jahre abhob.

Dorothee Tackmann