Tailor made dreams – Maßgeschneiderte Träume

Märchen werden manchmal wahr, lehrt uns dieser hoch amüsante Dokumentarfilm über einen indisch-pakistanischen Schneider aus Bangkok, der im Herbst seines Lebens noch mal richtig aufdreht und seine Träume wahr macht. Dabei ist die Geschichte so originell wie die Form, die Regisseur Marco Wilms für sie findet. Man hat es hier nicht mit einem braven Porträt zu tun, sondern einem rasanten Mix im Stil eines Bollywood-Epos, das in ein rührendes Happy End mündet.

Webseite: www.tailor-made-dreams.de

Deutschland 2006
Regie: Marco Wilms
Buch: Marco Wilms
90 Minuten
Verleih: W-Film
Kinostart: 7. Dezember 2006

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der Schneider Issar schlurft müde durch seinen Laden. Maß nehmen, zuschneiden, nähen. Tagein, tagaus dasselbe. Mit seinen 66 Jahren denkt Issar, dass er was verpasst hat in seinem Leben. Schneider ist nicht seine Berufung. Eher schon Filmstar oder Sänger. Er hätte es als junger Mann einfach versuchen müssen, hadert er. Von 100 Regisseuren hätten ihn 99 abgelehnt, aber einer hätte ihn vielleicht genommen. Wie schön, dass eines Tages  der Regisseur Marco Wilms in seinem Laden steht. Issar weiß: Dieser Mann wird ihn berühmt machen. Und es ist klar, dass seine späte Karriere im fernen Europa starten muss. Denn dort spielt des Schneiders Lieblingsfilm „Sangam“, eine gut 40 Jahre alte Liebesschnulze, in der  ein indisches Paar in den Schweizer Alpen durch den Schnee kugelt.

Doch wie kommt ein armer Schneider nach Europa? Gut, dass er einen Karton voller Visitenkarten von Kunden aus Europa hat. Er wird sie besuchen und nebenher Aufträge akquirieren. Wenig später sieht man Issar auch schon in Berlin-Tegel einschweben, wo er zunächst bei seinem Mentor Wilms unterkommt und für Leute aus dessen Bekanntenkreis Anzüge schneidert. Erstaunlich gewandt bewegt er sich in der fremden Kultur und lässt sich von nichts aus der Ruhe bringen. Weder von dem Wunsch eines Promoters nach einem pinkfarbenen Anzug noch von dem leicht kolonialen Umgangston eines älteren Herrn, der sich zackig „was Sportliches“ wünscht. Die Reise geht weiter nach Düsseldorf, Brüssel, Helsinki und die finnische Provinz. Dort erreicht die an skurrilen Begegnungen nicht arme Geschichte zweifellos ihren Höhepunkt. Denn wie man dank Aki Kaurismäki weiß, sind die Finnen ein schräges Völkchen und Issar begegnet dort zudem einer heimlichen Liebe wieder, was ausgiebig gefeiert wird. Höhepunkt ist eine romantische Fahrt im Ruderboot, bei der die Finnin ihrem Gast klare Sicherheitsanweisungen gibt: „You can sing, but don’t dance!“

Es wird in der Tat viel gesungen und getanzt in diesem Film. Denn die Reise besteht ja nicht nur aus Maß nehmen und Kunden besuchen. Der Schneider hat noch einen anderen Film im Kopf, in dem er der Star ist und eine weibliche Hauptdarstellerin sucht. Und so hört man ihn immer wieder singen „Dressmaker, dressmaker, can you make a woman fall in love?“ und sieht ihn, wie er junge, hübsche Reisebekanntschaften für die Hauptrolle zu erwärmen versucht. Dazu tanzen Inderinnen durch die Gegend, als wäre Düsseldorf Bombay. Issar, das wird schnell klar, nimmt seine Träume ernst, verfügt aber auch über genügend Selbstironie, um sich als angehender Star auf die Schippe zu nehmen.

Diese Film-im-Film-Sequenzen geben „Tailor made dreams“ Schwungkraft und sorgen für die richtige Tonlage. Wenn ein Inder Filmstar werden will, dann aber auch stilecht in Bollywood-Manier. Das geht formal über die Konventionen eines Dokumentarfilms hinaus, weshalb der Verleih Wilms Werk auch als Drama, Komödie, Musical und Tragikomödie ankündigt. Puristen werden einwenden, durch die Spielszenen werde der Stoff fiktionalisiert. Doch letztlich tragen sie ganz im Gegenteil zur Wahrhaftigkeit bei, indem sie den Kontext visualisieren, in dem die Reise des überaus sympathischen Schneiders stattfindet.

Irgendwann ist Issar am Ziel, einem Hotel in den Schweizer Alpen, wo „Sangam“ gedreht wurde. Er ist glücklich. Wenig später wird er sagen: „All my dreams come true.“ Und das ist kein Bollywood-Gesäusel, sondern auf wunderbare Weise wahr.

 

Volker Mazassek