An einem Samstag

Auf der Berlinale 2011 lief dieser Film über den Tag nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl relativ unbeachtet – und bekommt jetzt durch die täglichen Fernsehbilder aus Fukushima in Japan eine traurige Relevanz. Dabei legt Regisseur Alexander Mindadze seinen Schwerpunkt nicht auf den technischen Aspekt des Unglücks, sondern auf den Umgang der Menschen mit der Katastrophe. Es ist ein Samstag, das Leben beginnt in der drei Kilometer entfernten Stadt Pripjat. 45.000 ahnungslose Menschen genießen diesen ersten Frühlingstag und beginnen einen wahren Tanz auf dem Vulkan.

Webseite: www.aneinemsamstag-derfilm.de

Originaltitel: V Subbotu
Russland / Ukraine / Deutschland 2011
Regie: Alexander Mindadze
Darsteller: Anton Shagin, Svetlana Smirnova-Marcinkevich, Stanislav Rjadinsky, Vasilij Guzov, Aleksej Demidov, Vjacheslav Petkun, Sergej Gromov u.a.
Länge: 99 Min.
Verleih: NFP, Vertrieb: Warner
Kinostart 21. April 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Valerij Kabysh ist ein junger Parteifunktionär. Durch Zufall erfährt er am frühen Morgen des 26. April 1986 von dem Unfall im Atomkraftwerk von Tschernobyl. Sofort macht er sich auf den Weg, um sich selbst ein Bild zu machen. Zu Fuß läuft er bis zum Reaktor und steht plötzlich, als sich der Nebel lichtet, vor einer rauchenden Ruine. Valerij spricht mit Verantwortlichen und Feuerwehrleuten. Gemeinsam informiert man Moskau und fragt nach Anweisungen. Doch dort zeigt man wenig Interesse. Ein Unfall in Tschernobyl ist nicht gerade eine ungewöhnliche Nachricht. Man beschließt, die ganze Sache herunter zu spielen und erst einmal Zeit zu gewinnen. Valerij ist mit dieser politischen Direktive gar nicht einverstanden, läuft zurück in die Stadt, will die Bevölkerung warnen, doch die reagieren ähnlich wie die Politiker in Moskau. „Ein Feuer im Kernkraftwerk? Das ist ja wohl nicht das erste!“ Valerij beschließt wenigsten sich und das, was ihm am meisten bedeutet, zu retten. Er sucht seine Freundin Vera.

Inzwischen ist der Morgen angebrochen, die Sonne scheint und das Leben in Pripjat beginnt. Die Menschen gehen spazieren, die Geschäfte öffnen und die Kinder spielen auf den Spielplätzen. Als Valerij Vera endlich findet, müssen sie sich beeilen, um den Zug nach Moskau zu kriegen. Unterwegs bricht ihr der Absatz ihres Schuhs ab. Fortan interessiert sie sich mehr für die neue Schuhlieferung aus Budapest, als für Valerijs fixe Fluchtidee. Außerdem hat sie ihren Pass bei ihrer Band als Pfand für eine Gitarre hinterlegt. Auch Valerij hat mal in dieser Band als Drummer gespielt, doch das Verhältnis zu den Kollegen ist deutlich abgekühlt, seit er in der Partei ist. Die Band hat heute einen Auftritt auf einer Hochzeit. Von Flucht und Katastrophe wollen sie nichts wissen, viel lieber machen sie klaren Tisch mit Valerij, sagen ihm, dass sie ihn für einen Schnösel halten, und fangen Streit an. Der Wodka tut sein übriges. Irgendwann verliert auch Valerij seinen Fluchtgedanken, organisiert lieber neuen Wein, um den Freunden zu zeigen, dass es auch Vorteile hat, in der Partei zu sein. Kurz: ein ganz normaler Samstag geht zu Ende in Pripjat. Der Evakuierungsbefehl aus Moskau kommt erst am Sonntagnachmittag.

Alexander Mindadzes Film ist eine Metapher über den Umgang der Menschen mit unsichtbaren Katastrophen. Einen Brand im Kernkraftwerk gab es schon öfter, aber ob Radioaktivität frei wird oder nicht, kann man weder sehen noch spüren. Also ignoriert man die Katastrophe, im Gegenteil, die Menschen leben diesen Tag im Schatten der rauchenden Reaktorruine besonders intensiv. Mindadze stellt dieser Einstellung Valerijs Fluchttrieb entgegen, visualisiert ihn mit einer wackelnden Handkamera, die den Herzschlag des jungen Mannes spüren lässt, der anfangs wie um sein Leben rennt, und im Laufe des Tages von seinen Freunden und der Unbekümmertheit und Lebenslust der Menschen ausgebremst wird.
 
„Wenn das Leben unrettbar verloren ist und sich dem Ende zuneigt, erblüht es zum Abschied noch ein letztes Mal“, so Mindadze, der mit diesem Film eine Metapher vorlegt, die gerade mal wieder zu trauriger Aktualität gekommen ist und die täglichen Nachrichten aus Japan und die Beteuerungen diverser Politiker in einem ganz anderen Licht erscheinen lassen.

Kalle Somnitz

Tschernobyl war bis jetzt eine der größten Nuklearkatastrophen. Eine neue ist mit Fukushima dazugekommen. Kein Wunder, dass es hier also um einen aktuellen Film geht – vom kaum gänzlich bezwingbaren Störfall Tschernobyl handelnd.

Ende April 1986. In einem der Blöcke des dortigen AKW soll ein Test durchgeführt werden. Es geht schief. Eine gewaltige Explosion ist die Folge. Die verheerenden Auswirkungen sind bekannt. Regisseur Mindadze drehte in Anlehnung daran einen Spielfilm.

Valeriy war früher Mitglied einer Band. Doch dann bekam er in der Partei einen Posten, denn er war überzeugter Kommunist. Den Musikerkollegen ist das eher verdächtig. Ist Valeriy zum Verräter geworden? Hat er den Parteigenossen vielleicht sogar erzählt, dass in der Band amerikanisch-englische Songs gespielt werden, was verboten ist?

Durch Zufall erfährt Valeriy früher als alle anderen von dem schweren Störfall. Die hohen Funktionäre des Bezirks und die Leiter der Anlage versuchen zunächst alles geheim zu halten. Valeriy muss einen entsprechenden Schwur leisten. Die Unsicherheit ist groß. Selbst Moskau weiß nicht sofort, was getan werden soll.

Valeriy erkennt die Strahlengefahr und beschließt zu fliehen. Er will Vera, eine enge Freundin, mitnehmen. Doch der Zug fährt ohne die beiden ab, weil auf dem Weg von Veras Schuh ein Absatz abbricht. Außerdem braucht sie ihren Pass, den die Sängerin bei der Band im Austausch gegen eine Gitarre hinterlegte. Also zurück zur Band. Die spielt gerade auf einer Hochzeit. Der Drummer ist ausgefallen. Valeriy muss einspringen.

Der Versuch einer Versöhnung mit den früheren Musikerkollegen – und ein schreckliches Besäufnis mit gestohlenem Rotwein. Denn langsam sickert die Nachricht von der Katastrophe durch, und Rotwein soll, so heißt es, die Strahlung neutralisieren. Ein weiteres Problem: Die Braut, gerade beim Feiern, ist schwanger. Wie groß könnten die Strahlenschäden für den Embryo werden?

Spät, zu spät werden die Bewohner ausgesiedelt. Auch Valeriy und Vera, das Brautpaar und die Musiker, die vielen Gäste – sie haben es nicht geschafft, Tschernobyl rechtzeitig zu verlassen. Ihnen bleibt im Grunde nur die Resignation, der Fatalismus, das Erwarten der Folgen des Unglücks, die Verzweiflung.

Regisseur Mindadze stellt nicht die erfolgte reale Explosion in den Vordergrund, sondern sozusagen die Implosion in den betroffenen Menschen: die Ratlosigkeit; das daraus entspringende irrationale Verhalten; den mehr oder minder gescheiterten Versuch, alte Negativgeschichten wieder gut zu machen; die mentale Blockade; die inhärente Weigerung, die Heimatstadt Tschernobyl zu verlassen; ein ungutes Gefühl der Angst; ein Harren auf den Ausgang der Dinge, von dem keiner weiß, wie er ausfallen wird.

Filmisch wird dies am deutlichsten durch die meist flirrende Kamera (kurze Brennweiten) sowie die Lichtgebung. Insgesamt ein Experiment.

Thomas Engel