Anduni – Fremde Heimat

Wo ist mein Platz im Leben? Wo bin ich zu Hause? – Um diese Fragen kreist das Kinodebüt von Samira Radsi, das auf dem diesjährigen Max-Ophüls-Festival mit dem Förderpreis ausgezeichnet wurde. Im Mittelpunkt der Geschichte steht Belinda, eine junge Frau mit armenischen Wurzeln. Sie findet über die Auseinandersetzung mit ihrer Familie und deren Geschichte zum eigenen Selbstverständnis.
Trotz der ernsthaften Thematik hält der Film einen lockeren Ton. Gelegentliche stilistische Unsicherheiten und Schwächen im Drehbuch lassen sich verzeihen, zum einen wegen der interessanten Einblicke in die armenisch-türkische Kultur und zum anderen dank der darstellerischen Leistungen.

Webseite: www.anduni.de

Deutschland 2011
Regie: Samira Radsi
Drehbuch: Karin Kaçi
Darsteller: Irina Potapenko, Florian Lukas, Tilo Prückner, Günay Köse, Peter Millowitsch
Länge: 88 Minuten
Verleih: FILMLICHTER GmbH
Kinostart: 1. Dezember 2011

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Belinda ist hundertprozentig integriert – der Wunschtraum jedes Ausländerbeauftragten. Sie wohnt in einer WG, hat einen deutschen Freund und studiert an der Kölner Uni. Eigentlich führt sie ein ganz normales Studentenleben … eigentlich. Denn Belinda hat sich vor allem deshalb für ein Studium entschieden, weil sie ihrer türkisch-armenischen Familie entkommen wollte. Nur wenn es sich absolut nicht vermeiden lässt, nimmt Belinda an Familienfesten teil, bei denen sich ihre Tanten darin überbieten, Belinda mit netten armenischen Männern zu verkuppeln.

Doch plötzlich stirbt Belindas Vater, und alles ändert sich: Belinda muss sich für ihre Mutter, die noch immer nicht Deutsch gelernt hat, um Behördengänge, Papiere und Rentenanträge kümmern. Die Familie hilft gerne, besonders Onkel Levon und die energische Tante Arsine. Ganz langsam entsteht so etwas wie eine Beziehung zwischen Belinda und ihrer Familie. Bisher wanderte Belinda zwischen zwei Welten, ohne große Konflikte, aber auch ohne Perspektive. Je mehr Zeit sie mit ihren Verwandten verbringt, desto mehr erfährt sie über ihre eigene Geschichte und beginnt Verbindungen herzustellen. Schließlich reist Belinda gemeinsam mit Onkel und Tante nach Armenien. Dort hofft sie, Antworten auf ihre Fragen zu finden. Sie möchte ihr Leben neu sortieren, in dem Manuel vielleicht keinen Platz mehr hat.

„Anduni“ – das bedeutet „heimatlos“. Dieses Wort prägt die armenische Kultur bis heute. Über die Welt verstreut leben die Nachfahren der Flüchtlinge, die die Todesmärsche nach Syrien überlebt haben. Vor dem historischen Hintergrund des Völkermordes an den Armeniern durch das Osmanische Reich erhält die Geschichte über eine türkisch-armenische, christliche Familie in Deutschland besonderes Gewicht. Ist die Familie die Heimat? Oder ist es ein Land, ein Mensch, eine Religion, die Sprache?

Bisher gab es für Belinda, dank ihrer toleranten Mutter, kaum Konflikte mit der Familie oder mit ihrem deutschen Umfeld. Durch den Tod des Vaters wird sie zum Mitglied einer Großfamilie, die ihre eigenen Traditionen pflegt. Aber Belinda will selbst entscheiden, wo sie ihren Platz findet.

Irina Potapenko spielt diese Belinda – sehr natürlich, präsent und subtil, eine nachdenkliche junge Frau, die sich scheinbar kühl und sicher zwischen den Menschen bewegt und in Wahrheit verletzbar und verwirrt ist. Sie blüht auf, als sie nach Armenien kommt. Arsine, Belindas Tante, wird von Günay Köse dargestellt, eine Vollblutkomödiantin, die Feuer, Witz und Leidenschaft in den Film trägt. Tilo Prückner, der große Charakterdarsteller, ist Belindas Onkel Levon – ein bezaubernder alter Herr, schlitzohrig und sympathisch, erfüllt von einer gewissen pragmatischen Lebensfreude, die sich bald auf Belinda übertragen wird.

Samira Radsi hat es gut gemeint mit ihrem Publikum: Sie erklärt manches mehrfach, wo sie sich auch auf ihre großartigen Schauspieler hätte verlassen können. Hier und da gibt es Effekte, Tricks und Farbspielereien. Das ist nett anzusehen, sorgt aber für eine gewisse Uneinheitlichkeit, die letztlich aber doch ganz gut zur Geschichte passt. Im Gedächtnis bleiben vor allem die temporeichen Szenen mit der wuseligen, zappeligen Großfamilie und die wunderbaren Bilder aus Armenien.

Gaby Sikorski

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