Angel

Für seinen ersten komplett englischsprachigen Film begibt sich Francois Ozon in die Gefilde von Kitsch und Melodramatik. Seine Adaption eines Romans von Elizabeth Taylor überzeugt durch schwelgerische Ausstattung und prachtvolle Kostüme sowie den subtil inszenierten Wandel der Hauptfigur Angel, die als Autorin von Kitschromanen immer mehr in einer Traumwelt versinkt und die Zeichen der Zeit ignoriert.

Webseite: www.angel-lefilm.com

Frankreich 2006
Regie: Francois Ozon
Buch: Francois Ozon, Martin Crimp, basierend auf dem Roman von Elizabeth Taylor
Darsteller: Romola Garai, Lucy Russel, Michael Fassbender, Sam Neill, Charlotte Rampling
134, Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Concorde
Kinostart: 9.8.2007

PRESSESTIMMEN:

 

"Angel" funktioniert auf zwei Ebenen: Man bewundert Ozons Fingerfertigkeit, mit der er diesen vollkommen stimmigen Kosmos der Künstlichkeit entwirft, und zugleich läßt man sich ganz aufrichtig von seiner Angel bezaubern. Was nicht zuletzt der vor Energie strotzenden Hauptdarstellerin Romola Garai zu verdanken ist. So kann man sich diesem Film eigentlich gar nicht verweigern. Er muss einen begeistern, egal, ob man jetzt beim Gucken lieber den Kopf oder das Herz einschalten möchte. Am besten wird’s, wenn beides auf Empfang bleibt.
Brigitte

An Hollywood-Melodramen der 1940er- und 1950er-Jahre orientierter, aufwändiger Film um einen willensstarken weiblichen Don Quijote und die zwiespältige schöpferische Macht der Fantasie. Der Regisseur lässt sich radikal auf die Perspektive seiner Hauptfigur ein und reizt die Ästhetik der Melodramen bis zur Verfremdung aus. – Sehenswert ab 16.
film-dienst

Pressestimmen auf film-zeit.de hier…

FILMKRITIK:

England, zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Angelica Deverell, genannt Angel (Romola Garai), wächst in ärmlichen Verhältnissen auf. Doch schon als junge Frau scheint ihr Talent als Romanautorin durch, ist ihre Fähigkeit, sich in ihr vollkommen fremde gesellschaftliche Sphären zu versetzen unverkennbar. In der Schule jedoch, wo sie statt eines Vortrags über ihr wirkliches Leben eine imaginierte, idealisierte Version vorträgt findet ihr Talent kein Gehör. Erst als sie dem Verleger Théo (Sam Neill) das Manuskript ihres ersten Romans schickt wandelt sich ihr Schicksal. Über Nacht ist sie eine erfolgreiche Autorin von eskapistischen Kitschromanen, die sie reich und berühmt machen. Zweifel an ihren literarischen Fähigkeiten sind Angel fern, sie wird bewundert, um nicht zu sagen vergöttert. Ihr neu gewonnener Reichtum ermöglicht ihr nun, Traum und Wirklichkeit immer mehr in Einklang zu bringen. Sie kauft sich ein Herrenhaus Namens „Paradise“, trägt teure Roben, diniert an prachtvollen Tafeln, doch die Diskrepanz zwischen dem was Angel vorgibt zu sein und dem, was sie eigentlich ist, wird jedem Besucher deutlich.

Etwas sehr exaltiert und plakativ spielt Romola Garai hier ihre Rolle. Die Unbeholfenheit Angels sich in der feinen Gesellschaft angemessen zu benehmen, hätte auch mit subtileren Methoden verdeutlicht werden können, als der hier zur Schau gestellten übertriebenen Selbstgefälligkeit. Doch Subtilität in den Bildern war noch nie Ozons Sache. Den ersten Kuss zwischen Angel und dem realistischen und dementsprechend armen Maler Esmé (Michael Fassbender) etwa, inszeniert Ozon in einem grandiosen Moment des Überkitsch: Im Regen stehen die beiden Liebenden da vor bombastischer Fassade, die Musik steigert sich zum Crescendo, der Himmel ist wildromantisch und zum Abschluss strahlt auch noch ein Regenbogen. In vielerlei Hinsicht ist dies der Höhepunkt des Films und von Angels Leben, denn in diesem Moment hat sie es vielleicht zum einzigen Mal geschafft, Realität und Fantasie in perfekten Einklang zu bringen. Bald jedoch, wird die Realität sie einholen. Mit dem Ersten Weltkrieg ändert sich die Wahrnehmung der Öffentlichkeit. Angels Kitsch wird nicht mehr verlangt, stattdessen finden Esmés düster melancholische Bilder plötzlich verstärkte Aufmerksamkeit. In dieser letzten Stunde findet vieles, das am Anfang eher aufgesetzt und forciert wirkte seine Entsprechung. Fast spiegelbildlich inszeniert Ozon nun die zunehmende Entfremdung Angels von der grausamen Wirklichkeit. Ihre Fantasiewelten wirken auf einmal hohl, ihr unerschütterlicher Optimismus erhält erste Risse, aus der anfangs so unsympathisch eitlen Figur, wird eine tragische Gestalt.

Es ist nicht unbedingt Neuland, dass Ozon hier betritt. Viele der Themen – allen voran die Beschäftigung mit Fragen um Wirklichkeit und Illusion – kennt man aus seinem bisherigen Ouevre. Und so lässt sich auch Angel als zumindest unterschwellig autobiographisches Werk lesen, dass sich mit einem Autor beschäftigt, der am Beginn seiner Karriere vehement für sein Werk einstehen muss, Erfolg hat und schließlich den Anschluss verliert. Ozon selbst ist das bislang noch nicht passiert, aber die Angst, dass der Erfolg eines Tages ausbleibt, Gedanken, die jedem auch nur ansatzweise reflektiertem Künstler zu eigen sind, durchzieht auch diesen Film.

 

Michael Meyns

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Die kleine Angel wächst in der britischen Provinz auf. Ihre Mutter führt einen einfachen Laden. Nach der Schule soll Angel Bedienstete bei einer Herrschaft werden. Doch das ist ganz und gar nicht in des Mädchens Sinn. Sie strebt nach Höherem. Das geschieht vor allem in ihrer übersteigerten, fast fiebrigen Phantasiewelt. Angel schreibt ihre Empfindungen nieder. So jung sie ist, sie hat bereits einen ersten Roman fertig. Diese Geschichten, Gefühlswallungen und imaginären Welten scheinen den englischen Frauen zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu gefallen.

Und so ist es denn auch. Ein Verleger protegiert Angel, sie wird erfolgreich. So sehr, dass sie das Traumhaus ihrer Kindheit, Paradise House, erwerben und prunkvoll ausstatten kann. Auf einem Empfang lernt die Schriftstellerin Nora und ihren Bruder Esmé kennen. Nora wird Angels Sekretärin, in Esmé verliebt sich Angel, lässt sich von ihm porträtieren. Und nicht nur das. Sie heiratet ihn, richtet ihm ein Atelier ein. 

Der Erste Weltkrieg bricht aus. Esmé meldet sich freiwillig – kommt am Ende mit nur noch einem Bein heim. Angel verliert Esmés Kind, die Situation wird pathetischer, schwieriger, trauriger. Der Ehemann scheidet aus dem Leben. Angel erfährt, dass er immer auch noch mit einer anderen Frau zusammen war. Was wird sie künftig aus ihrem Leben machen?

Der Regisseur ist Francois Ozon. Er schwelgt hier in Charakteren, Gefühlen, Zeitbildern, prunkvoller Ausstattung. Keine Grenzen waren ihm gesetzt, weder in der Handlung noch in der Phantasie, weder in der Individualität der Personen noch in der Anlehnung an den zugrunde liegenden Roman. 

Ein prächtiges Kinostück – wie von Ozon gewohnt. Aber reine Phantasie.

Thomas Engel