Angry Monk

In seinem faszinierenden Dokumentarfilm begibt sich Luc Schaedler auf die Spuren des im Jahre 1951 gestorbenen Mönch Gendun Choephel. Dieser war ein rechter Ikonoklast, lehnte sich gegen die Traditionen auf, versuchte den Buddhismus zu modernisieren, scheiterte aber. Angry Monk wirft ein anderes, bisweilen subversives Bild auf ein Land, dass in den letzten Jahren mit all zu vielen Klischees betrachtet wurde.

Webseite: www.zorrofilm.de

Schweiz 2005
Regie: Luc Schaedler
Buch: Luc Schaedler
Kamera: Filip Zumbrunn
Schnitt: Martin Witz, Kathrin Plüss
Musik: Roland Widmer, Heinz Rohrer, Loten Namling
 97 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Zorro Film
Kinostart: 12. Oktober

PRESSESTIMMEN:

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FILMKRITIK:

Gendun Choephel wurde im Jahre 1903 in Osttibet, Nahe der chinesischen Grenze geboren und schon in jungen Jahren auf das Leben eines Mönchs vorbereitet. Mit 24 kam er nach Lhasa und setzte im spirituellen Zentrum des Buddhismus seine Studien fort. Bald schon wurde ihm jedoch die Enge des klösterlichen Lebens zuviel, so dass er vom am Berg gelegenen Kloster hinab in die brodelnde Hauptstadt Tibets stieg. Hier gab er sich eher weltlichen Studien hin oder, um es mit den Worten eines inzwischen greisen Wegbereiters zu sagen: „Er soff, rauchte und vögelte.“ Allein diese mit den traditionellen Regeln des Mönchlebens vollkommen unvereinbaren Verhaltensweisen hätten Choephel zu einem Außenseiter gemacht, viel wichtiger waren jedoch seine Schriften, in denen er sich für einen Modernisierung des Buddhismus und die Öffnung Tibets einsetzte. In langen Reisen durch Tibet und Indien vertiefte er sein Wissen, verfasste Reiseberichte (und übersetzte das Kamasutra ins tibetische!) und kehrte 1946 in seine Heimat zurück. Als politischer Unruhestifter wurde er für drei Jahre ins Gefängnis gesteckt und starb 1951 kurz nach dem Einmarsch der chinesischen Truppen.

Die Spuren von Gendun Choephels Leben und Reisenbilden den roten Faden von Luc Schaedlers Film. Er spricht mit Nachkommen und Wegbegleitern Chophels – über den es selbst im Internet Lexikon Wikipedia keinen Eintrag gibt –, findet erstaunliches zeitgenössisches Bildmaterial, nur eines fehlt: Ein Interview mit dem Dalai Lama. Ganz bewusst hat Schaedler auf das verzichtet, was ansonsten in keinem Film über Tibet fehlt und stellt sich somit auch gegen die dem Dalai Lama in den Augen des Westens oft gegebene Rolle einer ultimativen Autorität in allen Dingen Tibet.

Genau damit ist aber laut Schaedler auch eine problematische Simplifizierung verbunden, die Tibet, seine Mönche und den Buddhismus allzu einseitig betrachtet. Schaedler dagegen entwickelt ein Bild Tibets, das wesentlich komplexer und vor allem zwiespältiger ist, als es in den Augen der meisten westlichen Beobachter in der Regel ist. Dass es unterschiedliche Schulen des Buddhismus gibt, ebenso wie Unterdrückung abweichender Meinungen, das auch die vorgeblich so friedliebenden Mönche im Kampf gegen Eindringlinge zu Waffen greifen, wird in der Betrachtung des Westens meist zu Gunsten eines idealisierten Tibet-Bilds ignoriert.

Insofern ist es kein Wunder, dass die ikonoklastischen Schriften Choephels, die auf erstaunliche Weise die chinesische Invasion und selbst die Zerstörungsorgien der Kulturrevolution überstanden haben und im modernen Tibet wieder verstärkt gelesen werden, im Westen nahezu unbekannt sind. Nicht nur das schiefe Tibetbild rückt Schaedler mit seiner Dokumentation gerade, er liefert vor allem das faszinierende Portrait eines ungewöhnlichen Mannes, der gleichzeitig nach seinen eigenen Regeln lebte und doch fest seinem Glauben verhaftet blieb.

 

Michael Meyns