Another Glorious Day

Theater auf der Leinwand hat oft einschläfernde Wirkung. Hier nicht. Der Zusammenschnitt von Bühnen-, Straßenszenen und Hintergrundberichten aus dem Stück „The Brig“ des New Yorker „Living Theatre“ ist eine essentielle Dokumentation über pures politisches Theater und über Unterdrückungssmechanismen, sehr krass und aktuell.

Webseite: onlinefilm.org

D 2009
R: Karin Kaper , Dirk Szuszies
K: Ferdinand Teubner
Mit: Kenneth H. Brown, Judith Malina, Frank Burckner, Gene Ardor, Gary Brackett
L: 95 Min.
Verleih: Karin Kaper Film, Naunynstr.41a, 10999 Berlin
Tel./ Fax: 030/61507722, kaperkarin@web.de
Formate: Digibeta 16:9, Beta SP, DVD
Start: 19.11. 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Lange vor „Apocalypse Now“ und „Platoon“ testete das New Yorker „Living Theatre“ mit seinem Stück „The Brig“ („Der Knast“) die Belastbarkeit des Publikums. Kurz nach der aufsehenerregenden Premiere im Jahr 1963 wurde das Theater unter dem Vorwand von Steuerschulden geschlossen, die Zuschauer kletterten am Abend darauf über die Absperrungen. Die Aufzeichnung des Stücks von Jonas Mekas erhielt 1964 auf dem Filmfestival von Venedig eine Auszeichnung. Mit „The Brig“ verarbeitete Kenneth H. Brown seine 30-tägige Tortur in einem US-Marineinfanteriegefängnis im Jahr 1957 in Japan. Offenbar hat sein Stück bei der Wiederaufführung im Frühjahr 2008 in der Berliner Akademie der Künste nichts an seiner Aktualität verloren.

Zu sehen ist ein großer Käfig mit Stockbetten. Die Soldaten tragen hier statt Namen nur Nummern, müssen sich selbst als Maden, Dreck oder Weicheier bezeichnen. Sie sind rund um die Uhr den Launen ihrer Aufseher ausgeliefert, dürfen weiße Linien auf dem Boden nicht übertreten, müssen sich wie Zirkuspferde trabend bewegen und weitere idiotische Rituale beim Aufstehen, Anziehen, Bettenmachen, Liegestützen, Lesen und Rauchen einhalten. Eine Tyrannei, die in Varianten immer wieder Realität wurde und wird. Sei es in der Diskriminierungsbereitschaft von Normalbürgern in Experimenten wie „Blue Eyed“, in dem schikanösen Verhalten von früheren DDR-Grenzbeamten oder in den heutigen Foltern in Gefangenenlagern wie Guantanamo.

Die absurden Regeln der Machtausübenden brechen den freien Willen. Hier bewegen sich die Schauspieler wie ferngesteuerte Puppen. Fast ist es ein Tanztheater. Die Kamera bleibt ihnen dicht auf den Fersen, zeigt Gesichter in Großaufnahmen, verzerrte, brüllende Münder.

Abgefilmtes Theater kann bekanntlich nerven. Aber hier machen Karin Kaper und Dirk Szuszies, die bereits vor fünf Jahren mit „Resist!“ die Arbeit des „Living Theatre“ beschrieben, durch fließende Überleitungen aus der Bühnenaufführung in die Spielszenen der Truppe auf dem Berliner Oranienplatz am 1. Mai 2008 und durch stimmiges Einflechten von Hintergrundinterviews das Theater in seiner puren Form spannungsvoll spürbar: Aktion, Katharsis und Reaktion. „Wir leben alle in einem Gefängnis, sei es, dass wir in der Struktur der Arbeit oder der des Geldsystems gefangen sind“, sagt die 83-jährige Regisseurin Judith Malina. Seit über 60 Jahren leitet sie mit ungebrochenem Idealismus das „Living Theatre“: „Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir mit dem Schrei des Körpers beginnen.“ Ihr kraftvolles Theater aus Stimmen und Körpern ist kein selbstbezogenes Regietheater, keine auf die Bühne verirrte Dokusoap.„Wir sind“, meint einer der Darsteller, „eine verlorene Stimme gegen den Zynismus der Kritiker, die sagen, dass Kunst nichts verändern kann.“ Mit „Another Glorious D ay“ gönnen sich Zuschauer sicherlich keine entspannte Kinounterhaltung, aber die Gewissheit, dass Theater aufrütteln und verwandeln kann.

Dorothee Tackmann

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