Stille Hochzeit

In seinem Erstlingswerk „Stille Hochzeit. – Zum Teufel mit Stalin“ mischt der rumänische Schauspieler und Theaterregisseur Horatiu Malaele virtuos Tragödie und Komödie. Seine grotesken, realistischen und imaginärpoetischen Elemente sorgen für bunte Chaotik, die sich am impulsiven Kusturica-Kosmos mit seinen schrägen Charakteren orientiert. Trotz der bitteren Romanze im langen Schatten des Stalinismus entfalten seine Bildkompositionen die spezifische Poesie des Balkans.

Webseite: www.stillehochzeit-film.de

Rumänien 2008
Regie: Horatiu Malaele
Darsteller: Meda Andreea Victor, Alexandru Potocean, Doru Ana, Iona Anastasia, Alexandru Marian Bindea, Tamara Buciaceanu, Tudorel Filimon, Luminita Gheorghiu, Serban Pavlu, Victor Rebengiuc, Simona Stoicescu, Valentin Teodosiu
Drehbuch: Horatiu Malaele
Länge: 87 Minuten
Verleih: Tiberius Filmverleih
Kinostart: 26.11.2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Ein Dorf in Rumänien Anfang der 50ziger Jahre. Romeo und Julia auf dem Lande unter kommunistischer Herrschaft. Im wogenden weizengelben Kornfeld liebt der blonde Bauernsohn Iancu (Alexandru Potocean) seine Mara (Meda Andreea Victor) leidenschaftlich. An Heirat denkt dabei keiner. Erst als in der Dorfschenke die Schwiegerväter in spe, zwischen gackernden Hühnern, handgreiflich werden, lenkt Iancu ein. Ausgelassen beginnen die Hochzeitsvorbereitungen.

Der Festschmaus wartet schon auf die illustere Hochzeitsgesellschaft als plötzlich der Bürgermeister mit einem russischen Offizier auftaucht. Grund: Stalin ist tot. Das bedeutet sieben Tage Staatstrauer. Sämtliche Feiern sind ab sofort verboten, verkündet der Rotarmist.
Abrupt scheint der schönste Tag im Leben des glücklichen Hochzeitspaares zu Ende. Doch die lebenslustigen Dorfbewohner beeindruckt das martialische Auftreten des Militärs nicht. Kurzerhand feiern sie eben heimlich. Erfindungsreich treffen sie sich nachts in der Scheune, um das Hochzeitsbankett fortzusetzen.

Aber natürlich muss alles lautlos über die Bühne gehen, damit ihr Ablenkungsmanöver gelingt. Das klappernde Silberbesteck wird eingesammelt. Alle essen mit den Händen. Die Musikkapelle vollführt geräuschlos eine Pantomime. Und selbst der Toast auf das frisch vermählte Paar macht per Flüsterpost die Runde. Ihre grotesk-komische Subversion erinnert an absurdes Theater. Alles geht gut bis Schwiegervater Grigore sprichwörtlich der Kragen platzt. Auf sein Zeichen hin erweckt der Trompeter mit einem furiosen Tusch die Gesellschaft aus ihrer Starre. Und so verwandelt sich die Dorfkomödie mit burlesken Tönen, trotz allem derbem Witz und bodenständiger Idylle, nach und nach in eine bittere Tragödie.

In Rumänien avancierte Horatiu Malaele längst zur Schauspielgröße mit komödiantischem Talent. Eingebettet in eine lange Augenzeugen-Rückblende pflanzt der 57jährige Regisseur seine melancholische Allegorie über das Land, den Stalinismus und die Liebe. Dabei setzt Malaele bei seinem Regiedebüt fellinesk wie der serbische Regiestar Kusturica, auf außergewöhnliche Bilder voller Poesie samt folkloristischer Figuren. Auch bei ihm tauchen Protagonisten mit kuriosen selbst gebastelten Apparaten auf, um am Ende – ganz im Sinne des lateinamerikanischen Realismo magico – sogar zu fliegen. Sequenzen, in denen die Grenzen zwischen Phantasie und Realität verwischen.

Streckenweise verzaubert seine melodramatische Dorfgroteske mit ihrem in den Balkan verlegten Topos von Romeo und Julia kapriolenlustig mit bewegend lyrischen Momenten. Spätestens als Cristian Mungiu vor zwei Jahren in Cannes die goldene Palme gewann, war klar, dass sich das rumänische Kino mitten in einem spannenden Aufbruch befindet. Zwar unterscheidet sich Malaeles zärtliches, im selben Maß für das Wunderbare und für das Grausame der Welt geöffnete Kameraauge deutlich vom radikal-minimalistischen Autorenfilmer Mungiu mit seinen extrem-realistischen Geschichten. Doch bei aller Verschiedenheit liefert Horatiu Malaeles Tragikkomödie erneut den Beweis für die Vitalität der neuen Welle am Schwarzen Meer.

Luitgard Koch


Rumänien 1953. Das Land ist wie auch Ungarn, Bulgarien, die Tschechoslowakei oder Polen an den Ostblock angekettet. Strengstes stalinistisches Regime. Am 5. März stirbt der Diktator.

Was für ein Pech für Mara und Iancu. Sie sind nämlich gerade mit ihren Hochzeitsvorbereitungen beschäftigt, wollen schnell heiraten. Aber die Politik funkt dazwischen. Staatstrauer wird angeordnet. Jegliche Festivität ist untersagt.

Was tun? Es heißt, dass die Rumänen, wenn sie während der Stalin-Zeit gegen die ausbeuterische Politik des Sowjetregimes nichts sagen durften, ganz einfach flüsterten. So auch hier. Die Hochzeit wird gefeiert, nur eben schweigend. Es wird gegessen, getrunken, getanzt, gelacht, aber quasi tonlos.

Bis die Dämme doch brechen. Und deshalb die Staatsmacht auf schlimme Weise eingreift. Wieder ein verheerendes Beispiel diktatorischen Zwangsgebarens.

Der Theaterregisseur und Karikaturist Malaele – erste Filmregie – sagt, er habe sich immer dagegen gewehrt, von einem Trend oder einem Dogma eingeengt zu werden. Tatsächlich legt er einen sehr eigenwilligen, gewöhnungsbedürftigen Stil an den Tag, expressionistischen oder phantastischen Realismus, wie er selbst meint.

Der Begriff Realismus ist deshalb nicht falsch, weil es sich um eine wahre Geschichte zu handeln scheint. Je mehr das Land unterdrückt wurde, desto stärker wurde offenbar der schwarze Humor der Bevölkerung.

Das Milieu der rumänischen Gesellschaft auf dem Lande wird, wohl im Sinne einer beabsichtigten künstlerischen Überhöhung, sehr extrem dargestellt. Aber Horatio Malaele weist zu Recht darauf hin, dass Rumänien schließlich auch das Land eines Ionescu sei.

Vor ein paar Jahren wurde man durch den Film „4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage“ auf den neuen rumänischen Film besonders aufmerksam. Weitere künstlerisch auffällige Streifen folgten. Wenn es so weitergeht, wird man eine solche Entwicklung mit Interesse verfolgen können.

Thomas Engel