Another Me – Mein zweites Ich

Eigentlich gilt sie als Spezialistin für elegante Melodramen: die spanische Regisseurin Isabel Coixet. Mit ihrem düsteren Psychothriller „Another Me”, in dem ein junges Mädchen mit den Schatten der Vergangenheit kämpft, drückt die Katalanin dem neuen Genre ihren Stempel auf. Dabei brilliert die Film-Poetin, inspiriert vom gleichnamigen Jugendroman der schottischen Autorin Catherine MacPhain, mit ihren ästhetischen Bildern und ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre und Stimmungen. Die britische Game of Thrones-Darstellerin Sophie Turner feiert in dem Streifen um dunkle Familiengeheimnisse als Hauptdarstellerin Fay ein gelungenes Kinodebüt.

Webseite: www.anotherme-derfilm.de

Spanien/Großbritannien 2013
Regie: Isabel Coixet
Drehbuch: Isabel Coixet
Darsteller: Sophie Turner, Rhys Ifans, Claire Forlani, Gregg Sulkin, Leonor Watling, Jonathan Rhys Meyers, Geraldine Chaplin, Ivana Baquero, Charlotte Vega
Länge: 85 Minuten
FSK: ab 12 J.
Verleih: Twentieth Century Fox
Kinostart: 4.9.2014
 

FILMKRITIK:

Fay Delussey (Sophie Turner), ein junges Mädchen, findet es zunehmend verstörend, dass nicht nur die alte Nachbarin in ihrem Hochhaus Mrs. Brennan (Geraldine Chaplin) behauptet sie an Orten gesehen zu haben, wo sie sicher nicht war. Sie fühlt sich mehr und mehr unbehaglich. Denn nicht nur die eigene Pubertät macht ihr zu schaffen, sondern auch die schwierige Situation ihrer Eltern. Seit ihr Vater (Rhys Ifans) an Multipler Sklerose erkrankt ist und im Rollstuhl sitzt, ist es mit der Unbeschwertheit vorbei. Seine Krankheit beendete ihre Kindheit abrupt. ? Die Ehe ihrer Eltern droht unter der Belastung zu zerbrechen. Aus dem Off erzählt Fay von diesem Schicksalsschlag. Die Welt danach erscheint nur noch grau und farblos.
 
Zunächst glaubt Fay ihre Mitschülerin und Rivalin Monica (Charlotte Vega) stalkt sie. Denn Monica ist eifersüchtig. Vergebens hoffte sie auf die Hauptrolle in der Schulaufführung von Shakespeares Drama „Macbeth“.  Doch Lehrer (Jonathan Rhys Meyer) gab Fay den begehrten Part der Lady Macbeth. Damit löst er einen unterschwelligen Konkurrenzkampf aus. Zunehmend überfordert wird Fay langsam unsicher – hat sie am Ende eine Doppelgängerin oder wird sie einfach nur verrückt Mehr und  mehr verschwimmen die Grenzen zwischen Wirklichkeit und Einbildung. Als ihr Vater ihr gesteht, dass sie einst eine Zwillingsschwester hatte, überschlagen sich die Ereignisse.
 
„Es gibt kaum etwas Unheimlicheres als Familiengeheimnisse“, sagt Isabel Coixet die bedeutendste Regisseurin Spaniens. In ihrem neuen Psychothriller zeigt die 54jährige Kosmopolitin eine weitere Facette ihrer erstaunlichen Fähigkeiten. Beherzt versucht sich die Spezialistin des Melodrams in einem anderen Genre zurechtzufinden. „Ich bewundere Roman Polanski und Alfred Hitchcock“, betont die Katalanin. Gleichzeitig gibt sie offen zu, dass sie deren Level noch nicht ganz erreicht hat. Auch wenn, wie in allen ihren Filmen, der Franzose Jean-Claude Larrieu die Kamera exzellent führt.
 
Tatsächlich erinnert der klaustrophobe Charakter ihrer Inszenierung, die Konzentration auf einzelne, beengte und kalte Räume, sowie das „Kippen“ der Handlung von der grauen Alltagsnormalität ins Mysteriöse an den Versuch sich ihrem Vorbild Polanski zu nähern. Zudem erweist sie Polanskis wortgetreuer Adaptation der düsteren Shakespeare-Tragödie „Macbeth“ und deren beklemmenden Atmosphäre ihre Referenz. Nicht nur, dass ihre Hauptdarstellerin Sophie Turner in der Schulaufführung Lady Macbeth verkörpert. Sie soll sich sogar Polanskis schauriges Meisterwerk um Machtgier und Wahnsinn ansehen, um die Seelenlage ihrer Figur zu verstehen.
 
Die Welt der Isabel Coixet ist nach wie vor ein Kosmos starker Gefühle. Die große Poetin des Filmischen brilliert auch dieses Mal mit ihren Bildern, ihrem untrüglichen Gespür für Atmosphäre, und den großen Themen Liebe und Tod. Weder sie noch ihre Heldinnen verschließen die Augen vor Abgründen des Lebens. Mit außergewöhnlicher filmtechnischer Souveränität komponiert die Katalanin den inneren Kosmos, spürt seismografisch den Befindlichkeiten ihrer Figuren nach. Immer wieder geht es in ihren Filmen um das Risiko von Beziehungen, Sprachlosigkeit und dem Mut zur offenen Kommunikation. Manchmal freilich wirken die Monologe aus dem Off etwas unbeholfen gegenüber der ausgereiften Bildsprache.
 
Nach diesem gelungenen Kinodebüt muss „Game of Thrones“-Star Sophie Turner nicht länger fürchten, auf dem Fernsehbildschirm das Zeitliche zu segnen. Ihre Angst vorm Serientod kann sich die 18jährige getrost abschminken. Für die Seriendarstellerin scheint das Sprungbrett für eine vielversprechende Karriere gesichert. Die rothaarige Schauspielerin feiert in dem Streifen um dunkle Familiengeheimnisse als Hauptdarstellerin Fay ein gelungenes Kinodebüt. Außerdem hat sie bereits zwei weitere Filme in den Startlöchern: die Actionkomödie „Barely Lethal“, für die sie neben Jessica Alba und Samuel L. Jackson vor die Kamera trat, und das Drama „Alone“.
 
Luitgard Koch