Anruferin, Die

Ein Film auf der Suche nach seinem Genre: Thriller? Schwarze Beziehungskomödie? Oder Drama? Felix Randaus geheimnisvolle Freundschaft zwischen zwei Frauen bleibt unentschlossen und überzeugt nur selten. Dennoch beeindrucken Valerie Koch und Esther Schweins in den Hauptrollen, die dem Drehbuch ein wenig Schwung verleihen.

Webseite: www.nfp.de

Deutschland 2007.
Regie: Felix Randau
Buch: Vera Kissel
Darsteller: Valerie Koch, Esther Schweins, Franziska Ponitz, Stefanie Mühlhan, Ivan Shvedoff, Marita Breuer
Länge: 84 Minuten
Verleih: NFP
Kinostart: 20.3.2008

PRESSESTIMMEN:

Eine Frau Anfang 30 will die emotionalen Defizite ihres Lebens durch Telefonanrufe ausgleichen, bei denen sie sich mit verstellter Stimme als misshandeltes Kind oder Mutter eines verstorbenen Kindes ausgibt. Als sich eine der Angerufenen ihr mit Realitätssinn, psychologischem Gespür und Mut zur Wahrheit entgegengestellt, muss sie lernen, wahre Freundschaft zu akzeptieren. Die in den beiden Hauptrollen hervorragend gespielte Studie über Einsamkeit und emotionale Verwahrlosung betreibt in keinem Moment peinliche Nebelschau, stellt vielmehr höchst sensibel weibliche Selbst- und Wunschbilder auf den Prüfstand. – Sehenswert.
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FILMKRITIK:

Mit einem quietschenden Lachen flüstert Irm (Valerie Koch) ins Telefon. Ihre Stimme klingt wie die eines kleinen Mädchens, so echt, dass die Personen am anderen Ende der Leitung nicht ahnen, dass sie eigentlich mit einer erwachsenen Frau sprechen. Irms steigert sich manisch in ihr Verwirrspiel und ruft wahllos fremde Menschen an, die ganz verzückt sind, mit so einem aufgeweckten Mädchen zu sprechen. Doch die Telefonstreiche sind nur eine Kompensation für Irms private Probleme. Ihre bettlägerige und stumme Mutter pflegt sie bei sich Zuhause, soziale Kontakte hat sie eigentlich keine, nur die Kollegen aus dem Reinigungsgeschäft können ihr manchmal einen Satz oder einen netten Blick aus den leeren Augen entlocken. Der Tod ihrer Schwester hat Irm einst stark traumatisiert und noch immer kann sie die Trauer nicht bewältigen. Ihr trister Alltag scheint sich aufzuhellen, als sie Sina (Esther Schweins) kennen lernt, die um ihren kürzlich verstorbenen Mann trauert. Zwischen den beiden Frauen entwickelt sich eine zarte Freundschaft, die auf gefährlich wackligen Beinen steht. 

Der interessanten Gegensätzlichkeit seiner zwei Darstellerinnen – der anfangs burschikos wirkenden Valerie Koch und der weiblichen Esther Schweins – sowie der brisanten Annäherung seiner trauernden Frauen, kann Regisseur Felix Randau nur wenig Spannung und Vielfalt zufügen. Zwar spiegelt sich in seinem gewählten Milieu bewusst die Tristesse der nordrhein-westfälischen Klinkerbau-Mentalität wieder, doch grau in grau bleibt auch die Story und das fehlende Tempo des Films. 

Dass der Regisseur zudem seine Zuschauer auf die falsche Fährte lockt und seinen Film nicht, wie erwartet, zu einem Thriller steigert, mag man vielleicht noch als interessante Plot-Wendung missverstehen. Viel eher vermutet man dahinter eine latente Orientierungslosigkeit, unter der letztlich auch die Hauptdarstellerinnen leiden. Ihrem eindringlichen Spiel ist es immerhin noch zu verdanken, dass „Die Anruferin“ zu einer anspruchsvollen Charakterstudie zweier Frauen wird, deren gut gehütete Geheimnisse das Kapital ihrer Freundschaft sind. Valerie Koch wurde zurecht auf dem letztjährigen Münchener Filmfest als beste Schauspielerin ausgezeichnet, die hier als manisch-depressive Tochter an den Anforderungen ihres Alltags zerbricht. Als Zuschauer findet man ihrer starken Rolle ein wenig Trost in einem Film voller Missverständnisse.

David Siems 

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Die 30jährige Irm hat kein leichtes Leben. Sie steht unter der Dominanz ihrer sowohl kranken als auch alkoholsüchtigen Mutter, die trotz aller Widrigkeiten und Auseinandersetzungen von ihr gepflegt wird. Und sie leidet noch immer darunter, dass ihre verstorbene Schwester eine wichtigere Rolle spielte und der Mutter lieber war als sie selbst.

Fast zwangsläufig bildete sich deshalb bei Irm, die im Waschsalon arbeitet und nach außen so gut wie keine Kontakte unterhält, so etwas wie ein psychisches, ja sogar psychotisches Ventil heraus. Sie hat die absonderliche Gewohnheit, mit wildfremden Menschen nachts Telefongespräche zu führen, wobei sie sich verstellt, sich als Kind ausgibt und den Leuten schauerliche Geschichten erzählt – von Besuchen, die sie abstatten will, von Eltern, die nicht existieren, von leukämiekranken Kindern und von Toten.

Sie lernt Sina kennen, eine „normale“, selbstbewusste, kommunikationsfreudige junge Frau. Auch ihr will Irm etwas vormachen, und lange geht Sina auch auf die ihr vorgetragenen Hirngespinste ein. Doch dann wird das schon fast freundschaftliche Verhältnis brüchig. Und es kommt bei einem für Sinas Beruf wichtigen Empfang zu Irms Tragödie, zur Enthüllung, zum Zusammenbruch.

Doch es setzt danach auch gewissermaßen ein Heilungsprozess ein. Irm ist jetzt befreit: von ihrer inzwischen verstorbenen Mutter, von ihrer Schwester. Andeutungsweise kann sogar die Freundschaft mit Sina wieder gelingen. 

Eine streng und schonungslos inszenierte, themennahe, beinahe depressive Krankheits- und Fallstudie. Nicht uninteressant, jedoch Interesse voraussetzend. Die Regie von Felix Randau ist stilistisch einwandfrei, das gezeigte Milieu karg, die schauspielerische Darstellung ausgezeichnet. 

Valerie Koch gibt konsequent die unter ihren seelischen Verletzungen leidende Irm, Esther Schweins gewandt und schon abgeklärt das psychologische Gegenstück. Beachtenswert auch die drastischen Krankheitsszenen mit der Mutter (Franziska Ponitz).

Thomas Engel