Welle, Die

Nach seinem Geschichtsdrama „Napola“ beschäftigt sich Regisseur Dennis Gansel zum zweiten Mal hintereinander mit autokratischen Strukturen. In „Die Welle“ präsentiert er dazu Jürgen Vogel als engagierten Gymnasiallehrer, der seinen Schülern durch ein gewagtes Experiment beweist, dass totalitäre Systeme jederzeit möglich sind. Gansels Film ist eine spannende Sozialstudie, die auf einer wahren Begebenheit beruht.

Webseite: www.welle.film.de

Deutschland 2008
Regie: Dennis Gansel
Drehbuch: Dennis Gansel und Peter Thorwarth
frei nach der Drehbuchvorlage „The Wave“ von Morton Rhue
Darsteller: Jürgen Vogel, Max Riemelt, Cristina do Rego, Christiane Paul, Maren Kroymann
Verleih: Constantin
Länge: 100 Min.
FSK: 12
Kinostart: 13.03.2008

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Mit einer lapidaren Bemerkung im Jahr 1967 fing alles an: Als ein Schüler der Cubberley Highschool im kalifornischen Palo Alto meinte, dass es totalitäre Systeme wie den Faschismus nie wieder geben könne, entschloss sich sein Lehrer Ron Jones zu einem spontanen Experiment. In den kommenden Unterrichtsstunden brachte er seinen Schülern die Vorzüge von Disziplin und Ordnung bei und schuf durch einheitliche Kleidung und eigene Handzeichen ein ungeahntes Zusammengehörigkeitsgefühl. „Die Welle“ war geboren – und ließ sich kaum noch stoppen.

In seinem Roman „The Wave“ skizzierte der Autor Morton Rhue 1981 die Auswüchse des heiklen Schulversuchs, der unter den Schülern zu massiven Anfeindungen, Ausgrenzungen und tätlichen Übergriffen führte. Noch im selben Jahr wurde sein Buch fürs amerikanische Fernsehen verfilmt und mit einem Emmy ausgezeichnet. Mit etwas Verzögerung schwappt „Die Welle“ nun ins deutsche Kino über. 

Der kumpelhafte Lehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) ist frustriert. Ausgerechnet er, der liebenswerte Anarchist, soll eine Unterrichtseinheit zum Thema Autokratie leiten. Auch seine Schüler sind wenig begeistert von dem altbackenen Lehrstoff. Zumal sie autokratische Strukturen wie den Nationalsozialismus für völlig überholt erachten. Um den Unterricht etwas aufzupeppen, startet Wenger daher ein kleines Experiment. Von seinen Schülern fordert er plötzlich bedingungslose Gehorsamkeit und Disziplin. Und er ist überrascht, wie schnell sich die Teenager mit dem autoritären Stil anfreunden. Bereits nach einem Tag verwandelt sich der Versuch in eine massive Bewegung, die den gesamten Schulhof infiziert.

Nach seinem bewegenden Drama „Napola“ beschäftigt sich Regisseur Dennis Gansel in „Die Welle“ zum zweiten Mal in Folge mit totalitärem Gedankengut. Das zeitlose Experiment von 1967 verlegte er dabei problemlos in die Gegenwart. Genauer gesagt in eine deutsche Vorstadt, in der alles seinen beschaulichen Gang geht. Die Eltern stehen allesamt in Lohn und Brot und die Kinder werden frei und liberal erzogen. Nichts deutet darauf hin, dass hier diktatorisches Gedankengut auf fruchtbaren Boden fallen könnte.

Doch Jürgen Vogel beweist in seiner prägnanten Hauptrolle das genaue Gegenteil. Er lässt seine Schüler strammstehen, agitiert wild gegen den Kurs von nebenan und seine Zöglinge saugen die Sprüche mit flammender Begeisterung auf. Mit wenigen Kniffen und psychologischen Tricks schafft er es, eine willfährige Gefolgschaft um sich zu scharen. Besonders die vormals Ausgegrenzten und Außenseiter lassen sich von seiner Welle umspülen. Plötzlich sind sie wieder mittendrin statt nur dabei. Das klingt recht überzogen und hypothetisch. Doch weit gefehlt. „Die Welle“ wirkt erschreckend authentisch. Es scheint zumindest nicht unrealistisch, dass sich ein derartiger Test zu jeder Zeit und an jedem Ort wiederholen ließe.

Interessant sind neben dem eigentlichen Versuch, der in seinem Aufbau ein wenig an „Das Experiment“ mit Moritz Bleibtreu erinnert, auch die damit verbundenen Randaspekte. So gehen nicht nur in den Schülern massive Veränderungen vor. Auch ihr Lehrer blüht förmlich in seiner selbst auferlegten Führerrolle auf. Sogar seine verständnisvolle Gattin, gespielt von einer hochschwangeren Christiane Paul, erkennt ihn kaum wieder. Das hinterlässt ein ebenso mulmiges Gefühl, wie die Reaktionen der anderen Pädagogen, die vor der aufkeimenden Bewegung ganz bewusst die Augen verschließen.

Auch wenn in „Die Welle“ gerade zu Beginn etwas abgehoben über autokratische Staatsformen schwadroniert wird, geht Gansels Film gewaltig unter die Haut. Daneben schafft es der Streifen höchst eindrucksvoll, die Sprache der Jugend zu treffen, ohne verkrampft zu wirken. „Die Welle“ empfiehlt sich daher nicht nur als Publikumsfilm, sondern auch als Diskussionsgrundlage für den Schulunterricht.

Oliver Zimmermann

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Ein Film, der auf einem Experiment in einer amerikanischen High School beruht. Zumindest indirekt lag die Auseinandersetzung mit der Geschichte Deutschlands zugrunde. Wie konnte es geschehen, so die Frage, dass Millionen und aber Millionen Menschen Hitler nachliefen?

Und: Wann wird eine zunächst durchaus friedliche Menschengemeinschaft unter der Führung einer raffinierten und verführerischen Persönlichkeit zur quasi-faschistischen Truppe, die kein Maß mehr kennt, nur noch ihre Ideologie verfolgt, zur Macht strebt und diese missbraucht? 

Der Film: In der Oberschule einer deutschen Stadt ist eine Projektwoche zum Thema Staatsformen anberaumt. Dem Lehrer Rainer Wenger (Jürgen Vogel) wird das Thema Autokratie zugeteilt. Seiner Einstellung und seinem Wesen nach hätte er lieber das Thema Anarchie behandelt, aber er akzeptiert.

Die Woche beginnt. Und damit die latente Einübung der (faschistischen) Autokratie. „Macht durch Disziplin“, „Macht durch Gemeinschaft“ heißen jetzt die Stichworte. Wenger führt die gänzlich unterschiedlich und zuerst völlig desinteressierten Schüler einem strikten Gemeinschaftsdenken, dem Ideal einer unverzichtbaren Leitfigur, dem Tragen einer „Uniform“ und zuletzt einem offenen Fanatismus zu. 

Die Teilnehmer am Autokratie-Kurs sind zunehmend begeistert. „Die Welle“ ist der Name der neuen Truppe. Sogar einen eigenen Gruß legen sie sich zu. Ein eigenes Logo sowieso. Überall wollen sie nun ihre Idee verbreiten.

Einige sind dagegen. Sie werden ausgeschlossen, geradezu geächtet. Die Bewegung ist ein ideologischer Selbstläufer geworden, so gut wie nicht mehr kontrollierbar. Gegnerschaft, Streit, Chaos brechen aus. Rainer Wenger ist zu weit gegangen. 

Im Kleinen ein Beispiel dafür, wie eine große Masse verführt werden kann. Wie gesagt hat auch das Experiment an der amerikanischen Schule dies bewiesen.

Das Aufzeigen der Gefahr des extremen Nationalismus ist ein Herzensanliegen des Regisseurs Dennis Gansel. Er hat seinen Film nicht gänzlich von einer Schematisierung und von gewissen Klischees fernhalten können. Aber das Thema ist wichtig, in gewissem Maße aktuell, auf jeden Fall notwendig. Und hier mit einer flüssigen, sogar weitgehend differenzierten Inszenierung versehen.  

Jürgen Vogel als Wenger ist gut wie immer. Die Schülerdarsteller geben ihr Bestes. Auch eine kleine, durch den problematischen Verlauf des Geschehens belastete Liebesgeschichte fehlt nicht. 

Ein ebenso aufschlussreiches wie verheerendes, nicht nur zum Nachdenken, sondern zum Handeln zwingendes Experiment.

Thomas Engel