Tehilim (Psalmen)

Wenn ein Mensch spurlos verschwindet, stranden die Angehörigen in einer unerträglichen Ungewissheit. Wann sollen und können sie die Hoffnung aufgeben? In „Tehilim“ beschreibt der 36jährige israelisch-französische Autorenfilmer Raphael Nadjari die Orientierungskrise einer Familie nach dem Verschwinden des Vaters. Sein feinfühlig beobachtetes, introvertiertes und universelles Drama um Glauben, Zweifel und Identität lief letztes Jahr im Wettbewerb von Cannes.

Webseite: www.mecfilm.de

Israel/ F 2007
R+B: Raphael Nadjari
M: Nathaniel Mechaly
D: Michael Moshonow, Limor Goldstein, Yonathan Alster, Shmuel Vilojni, Ilan Dar, Yoav Hait
L: 96 Min.
Preise: Tokio Filmex: Großer Preis; Internationales Filmfestival Kuala Lumpur: Bester europäischer Film
Start: 6. März 2008

PRESSESTIMMEN:

 

Der Vater einer jüdisch-orthodoxen Familie in Jerusalem verschwindet nach einem Autounfall spurlos und stürzt seine Angehörigen in Verzweiflung. Während sich die Mutter in Pragmatismus und Schweigen flüchtet, sucht sein ältester Sohn Hilfe bei den religiösen Traditionen, deren Verheißungen er wörtlich nimmt. Präzise beobachtetes Drama, das weniger an den psychischen Prozessen als an Alltagsritualen und Strategien interessiert ist, mit denen die Menschen auf die Ungewissheit reagieren. Daraus entsteht ein differenziertes Bild orthodox-israelischen Lebens und seiner Herausforderung, Tradition und Moderne zusammenzubringen. – Sehenswert.
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Regisseur Raphael Nadjari filmte mit Laiendarstellern in einem konzentrierten dokumentarischen Stil. "Tehilim" führt rasch zu den inneren Dramen seiner Figuren und besticht mit spannender Thematik. – Sehenswert.
Tip Berlin

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FILMKRITIK:

Die Psalmen (hebräisch: „Tehilim“), die 150 Lieder, Meditationen und Gebete im Alten Testament, dienen der Lebensbegleitung und Inspiration im jüdisch-religiösen Alltag. Eli Frankel (Shmuel Vilojni) liest sie zusammen mit Bruder, Vater, Sohn und Freunden bei den wöchentlichen Sabbath-Treffen. Mit seiner weltlich-pragmatisch orientierten Frau Alma (Limor Goldstein) und den  Söhnen Menachem und David führt er ein normales, bürgerliches Familienleben „irgendwo im Jerusalem unserer Tage“, wie es der Film am Anfang verkündet. Der etwa 15jährige Menachem (Michael Moshonov) trifft sich abends in der Disko mit seiner Freundin und verbreitet am Esstisch pubertäre Muffeligkeit, sein kleiner Bruder David quengelt, der Vater greift ordnend ein.

Als Eli Frankel eines Morgens seine beiden streitenden Söhne zur Schule fährt, kommt er aus unerfindlichen Gründen von der Fahrbahn ab, kollidiert fast mit einem Auto und landet auf dem Seitenstreifen. Er bittet seinen leicht benommenen älteren Sohn, Hilfe zu holen. Als der mit Sanitätern zurückkehrt, liegt der kleine Bruder schlafend auf dem Rücksitz und der Vater ist verschwunden. Ohne jede Spur, ohne irgendeinen Hinweis.

So unspektakulär wie der Autounfall entfaltet sich auch die folgende Krise. Eine Sprachlosigkeit lähmt alle. Menachem, als Halbwüchsiger bereits in einer Umbruchssituation, ist wie ein Seismograph für die seelischen Erschütterungen, die dem  nicht greifbaren Verlust folgen. Seine Mutter zieht sich in Müdigkeit zurück und weist die Hilfe des Großvaters, der gemeinsame Gebete in ihrer Wohnung organisieren will, zurück. Eine weitere Belastung für Menachem, da gerade der Großvater ein Anker für ihn ist. Menachem sitzt zwischen den Stühlen, mal wird er als Erwachsener behandelt, mal wird über ihn hinweggegangen. Sein kleiner Bruder David nervt ihn  mit seiner Anhänglickeit, er braucht selbst Halt. Er findet keine Worte für die neue Situation. Die Freundin und die Freunde sind ebenso hilflos. Menachem verschließt sich ihnen gegenüber immer mehr, ist grimmig verworren, still verzweifelt, schwänzt die Schule, verteilt heimlich die Psalmenbücher seines Onkels, die dieser als Gebete für Eli Frankel verschenken wollte, an Fremde auf der Straße. Trotz der Zuwendung isoliert er sich im Kreise der Familie und der Freunde. Keine Einbindung kann hier noch greifen.

Das Leben geht weiter, aber eben doch nicht. Innerlich paralysiert läuft für Menachem und seine Familie nur das Leben der Außenwelt mühsam weiter. Ohne offizielle Vermisstenbescheinigung, die erst nach geraumer Zeit ausgestellt wird, darf die Familie nicht über das Konto verfügen. Das Totengebet kann nicht gesprochen werden, denn nach dem jüdischen Gesetz gilt der Vater noch als lebendig, auch wenn niemand weiß, wo er sich befindet. Die unterschiedlichen Handlungsweisen der Verwandten, das Aufeinandertreffen von säkulärer und religiöser Lebensauffassung führen zum langsamen Auseinanderleben.

Die Kamera lässt einen dicht, aber unaufdringlich am Familiengeschehen teilhaben. Die Kombination von HD-Video mit traditionellen Linsen schafft eine Dokumentarfilm-Authentiziät  mit leicht verfremdeten, warmen, gold-stichigen Bildern. Die konstante Musikbegleitung (von Nathaniel Mechaly) mutet in ihrer sparsamen Instrumentierung  wie Herztöne, leise Schritte an und schafft eine magische Intensität. Bis auf Limor Goldstein und Michael Moshonov, die Mutter und Sohn spielen, sind die Rollen mit Laien besetzt.

Dies ist ein israelischer Film, der sich einmal nicht mit der politischen Situation im Land beschäftigt (wie gerade „Lemon Tree“ oder  „Die Band von nebenan“), sondern ein universelles Thema anschneidet. Regisseur Raphael Nadjari zeigt Menschen zwischen Tradition und Moderne, die sich in einer Krise neu positionieren müssen. Wie in seinem vorherigen Film „Avanim“, in dem eine orthodoxe verheiratete Jüdin nicht um ihren getöteten Geliebten weinen darf, geht es um das Verbot des Trauerns. Auch hier sucht er eine einfache funktionale Ästhetik um wahrhaftige Menschen zu zeigen.  Er beginnt mit Antworten und endet mit Fragen, die nicht mehr loslassen.

Dorothee Tackmann