Anton Corbijn Inside Out

Die exzellente Dokumentation „Anton Corbijn Inside Out“ begleitet den berühmten Fotografen von bekannten Musikern wie U2 oder Johnny Cash bei seiner Arbeit, an Orten seiner Kindheit, in der Familie und auch beim Sinnieren. Dabei gelingt der Regisseurin ein intimes Porträt sowohl des vielfältigen Künstlers und Musikfans, als auch des eigentlich sehr verschlossenen Menschen Anton Corbijn. Eine Filmperle.

Webseite: www.mindjazz-pictures.de

Hongkong/Australien 2000
Regie: Klaartje Quirijns
Länge: 80 Min.
Verleih: mindjazz pictures/capelight pictures
Kinostart neu: 19. April 2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Der 1955 in der niederländischen Provinz Südholland geborene Anton Corbijn wurde als Fotograf weltberühmt. Seine Aufnahmen und Musikvideos von Joy Division, Depeche Mode, R.E.M, U2, Miles Davis oder Björk sind mittlerweile Ikonen des Genres. Viele kennen sie, aber nicht den Mann hinter der Kamera. Die Niederländerin Klaartje Quirijns ändert das mit ihrer intimen Dokumentation „Anton Corbijn Inside Out“ auf verblüffende Weise: Wir erleben den gefeierten Fotografen-Star mit Bono, Lou Reed oder Grönemeyer, die alle von ihm schwärmen. Auf Vernissagen sind die Königsfamilie und der Ministerpräsident anwesend. Doch der große, schlaksige Mann bleibt meist still, überlegt bei Interviewfragen lange und schwätzt nie. Und doch erfahren wir im Laufe des Films nicht nur von einer Kindheit als Sohn eines protestantischen Provinz-Priesters, der für seine vier Kinder nicht viel Liebe übrig hatte. Von der einsamen Jugend eines verschlossenen Jungen, der ganz für sich einen besonderen Blick auf die Welt entwickelte und von dem Vertrauen der Eltern, einen Berufsweg zuzulassen, den sie nie richtig verstanden haben. Die Regisseurin schafft es in ihren meist auf niederländisch sehr vertraut geführten Gesprächen sogar, sehr persönliche Bekenntnisse zu erlauschen. Von einem Corbijn, der sich selbst als verschlossen beschreibt und unfähig zu tieferen menschlichen Beziehungen. In einem besonders offenen Moment gesteht Corbijn, er glaubte immer, dass er als Mensch „nicht gut genug sei“, deshalb wollte er als Künstler gut sein. Die ideale Grundlage für einen Workaholic, dessen Geschwister sich in vertraulichen Gesprächen viel Sorgen machen und der selbst im Laufe der mehrjährigen Dreharbeiten den schweren Schritt zu einer Auszeit macht.

Das Porträt als Künstler und Musikfan kommt dabei mit vielen Fotos und tollen Musikeinsätzen keineswegs zu kurz. Es fing an mit der niederländischen Rocklegende Herman Brood („Saturday Night“). Heute sehen wir Corbijn auf der Motivsuche mit U2 an einer Dubliner Mauer und am Strand. Mit Lou Reed und Motörhead für deren Lulu-Projekt vor einem rostigen Schiff und – tatsächlich noch nervös – bei der Auswahl der Bilder im Hotelzimmer. Und einfach als Konzertbesucher bei der jüngeren Band Arcade Fire. Diese Musiker beschreiben Corbijn treffend als „passionate in a soft spoken way“ – leidenschaftlich auf leise Art. Sehr reizvoll auch der „Making of…“-Teil zu „The American“ mit einem Boule spielenden George Clooney. Der nach dem Joy Division-Porträt „Control“ zweite Spielfilm der vielfältigen Künstlers Corbijn wird bei der Suche nach Locations und beim Dreh einiger Szenen begleitet. Man erkennt Momente des fertigen Films wieder und erfährt, dass ein Gassenlabyrinth tatsächlich wegen des optischen Reizes für das Finale aufgenommen wurde.

Die 1967 geborene Klaartje Quirijns arbeitet für das Fernsehen und wurde vor allem mit zwei politischen Dokumentationen bekannt, „The Brooklyn Connection“ (2005) und „The Dictator Hunter“, der 2008 für den Europäischen Dokumentarfilmpreis „Prix ARTE“ nominiert wurde. Angesichts von „Anton Corbijn Inside Out“ muss man von einem unentdeckten Talent sprechen. Wobei das Subjekt trotz seiner Verschlossenheit ein dankbares ist. Unter den vielen bekannten Porträts – etwa Mick Jagger im Drag mit Perücke – finden wir auch etwas irritierend Janis Joplin oder John Lennon. Tatsächlich sind dies inszenierte Selbstporträts Corbijns, die er immer wieder macht. Da passt zur Aussage der „Kunden“, die sich nicht wirklich wiedererkennen, sondern etwas, was sie vielleicht gerne wären. Oder etwas, was Corbijn gerne wäre. Hier sucht sich der protestantische Junge die Ikonen, die diese Glaubensrichtung nicht bietet, in der Popkultur. Eine Schlüsselszene in dieser faszinierenden Dokumentation für Musik-, Foto- oder Film-Fans und auch für alle anderen.

Günter H. Jekubzik

Biographie und Charakterisierung eines holländischen Künstlers. Eigentlich ist er Fotograf, aber schreibt auch Drehbücher, inszeniert Filme (sogar mit George Clooney), veranstaltet Ausstellungen, reist in der Welt herum, schont sich nicht und ist außerdem noch so etwas wie ein Gelegenheitsphilosoph.

Inside out steht im Titel. Aber es ist nicht leicht, etwas aus ihm herauszubringen. Er ist eher verschlossen, ein Individualist, ein Eigenbrötler, einer, der die Dinge so macht und haben will, wie er sie sich ausdenkt.

Pfarrer war sein Vater, Pfarrer waren mehrere in seiner Verwandtschaft. Doch er ging seinen eigenen Weg. Eigentlich ein Umweg: über die Musik. Popmusik bedeutet ihm enorm viel in seinem Leben. Und über die Bilder, die er von Musikern machte, kam er wohl zur Fotografie. Die Songs wichtiger Bands zeigen ihm eine Weltanschauung, zu der er steht.

Die Regisseurin begleitet ihn auf den Reisen; zeigt ihn beim Filmemachen; in den Ausstellungen; in den Weltstädten, die er meist nur aus dem Hotelfenster sieht; bei den Gesprächen mit seiner Schwester; beim Spazierengehen; beim Suchen nach gültigen Antworten auf Fragen; bei einem langen Gespräch mit seiner Mutter; bei der Erkenntnis, dass er, wenn er sich nicht bald schont, gesundheitliche Schäden davontragen wird; am Grab seines Vaters.

Starke, sehr starke Photos macht er, das ist sicher. Eindrucksvolle davon werden gezeigt.

Klaartje Quirijns hat versucht, dieses Leben einzufangen. Einfach war das nicht, schon vom Material her, aber auch was die Montage der zahleichen „Clips“ betrifft. Vielleicht wäre es besser gewesen, etwas strukturierter und systematischer vorzugehen.

Immerhin werden die Arbeit, das Wesen, die Kreativität, die Philosophie, der Wille, die Ziele – aber auch die Hektik, die Ruhelosigkeit, die Zweifel, die Selbst-Infragestellung eines Künstlers gezeigt, der ein gewisses Gewicht hat und dessen Kunst wie Denkweise durchaus Beachtung verdienen.

Für Interessierte.

Thomas Engel