Schilf

Juli Zeh hat mit „Schilf“ 2007 eine ungewöhnliche Kriminalgeschichte geschrieben, in der sie sich vor dem Hintergrund eines rätselhaften Falles mit der Theorie physikalischer Phänomene unserer Zeit auseinandersetzte. Die Filmemacherin Claudia Lehmann ist selbst Physikern und folgt in ihrer mit Mark Waschke und Stipe Erceg gut besetzten Verfilmung der These von der Existenz paralleler Welten, was aber zu diversen mysteriösen Irritationen führt.

Webseite: www.schilf.x-verleih.de

Deutschland 2011
Regie: Claudia Lehmann
Darsteller: Mark Waschke, Stipe Erceg, Bernadette Heerwagen, Nicolas Treichel, Sandra Borgmann, Bernhard Conrad, Paul T. Grasshoff
90 Minuten
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 8.3.2012

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Zunächst geht es noch nicht so sehr um Leben und Tod, sondern um physikalische Theorien. Oskar (Stipe Erceg), ein früherer Studienfreund von Sebastian (Mark Waschke), hat sich zum Besuch angekündigt. Nicht in Freiburg, wo Julie Zeh ihre Geschichte ansiedelte, sondern in Jena. Auch dort gibt es vor den Toren der Stadt einen bewaldeten Höhenzug, der die sportlich ambitionierten Freizeitradler regelmäßig herausfordert und Tatort für eine Verbrechensmethode sein wird, bei der Köpfe rollen.

Bis zu diesem grausamen Moment (gezeigt wird er nicht, aber man hört, was man ohnehin nicht hätte sehen wollen) geschehen aber erst ein paar andere mysteriöse Dinge. Sie beginnen während eines Zwischenstopps auf der Fahrt ins Ferienlager von Sebastians Sohn Nick. Plötzlich nämlich fehlt vom jungen Wissenschaftlerbuben jede Spur. Dafür erhält Sebastian telefonisch die Nachricht, ein gewisser „Dabbeling“ müsse weg, dann würde seinem Sohn nichts passieren. Dabbeling, daran erinnert sich Sebastian, ist Chefarzt an der städtischen Klinik, die aktuell im Verdacht steht, nicht zugelassene Medikamente an ihre Patienten ausgegeben zu haben, was bereits zu fünf Todesfällen geführt habe. Zufällig ist Dabbeling auch der regelmäßige Radsport-Partner von Sebastians Frau Maike (Bernadette Heerwagen). Wie sich herausstellt, ist Nick aber gar nicht verschwunden, sondern hat Spaß im Pfadfinderlager. Dafür begegnet Sebastian einem mysteriösen alten Mann, der sich ihm als „Schilf“ vorstellt, von einem Anschlag auf Dabbeling weiß, sonst aber etliche Gedächtnislücken aufweist. Maike hält derweil ihren Mann für verrückt. Der wiederum flüchtet vor weiteren polizeilichen Verhören nach Genf, wo Oskar im Teilchenforschungszentrum CERN arbeitet und einen gemeinsamen Neuanfang in China offeriert.

Zugegeben, das Protokoll schlägt hier einige tolle Kapriolen. Sich einen Reim auf die Ereignisse (von denen einige noch gar nicht genannt sind) zu machen, fällt nicht leicht. Zumal manche angebliche Wahrheit, die der Film behauptet, später widerlegt wird. Die Physik und der Glaube an die Viele-Welten-Theorie allein helfen nur bedingt, sich die Wirklichkeit und die vielen Ebenen, auf der sie spielt, zusammen zu puzzeln. Zum Kamerakonzept hat dabei auch gehört, immer wieder mit Spiegelungen zu arbeiten. So wird immerhin visuell die Existenz von Parallelwelten angedeutet.

Problematisch scheint vor allem der Blick in die Innenwelten der Figuren, insbesondere von Sebastian und Oskar zu sein. Dass sie unterschiedliche Ansichten zu ihren wissenschaftlichen Themen vertreten und beide von Eifersucht heimgesucht werden, ist klar und wird ebenso wie eine homoerotische Beziehung auch angesprochen. Was nicht gelingt, ist ihre Gefühle und Emotionen spürbar zu machen, was durchaus aber auch das Ergebnis der in ihren vergeistigten und verkopften Wissenschaftlerrollen gefangenen Figuren liegen kann. Dessen waren sich wohl auch die Darsteller bewusst. Stipe Erceg hat dazu in einem Interview gesagt: „Nun, man kann ja Physik nicht spielen.“ Gut besetzt sind er und der an sich und seinem Schicksal verzweifelnde Mark Waschke aber auf alle Fälle, auch wenn man Erceg den Physiker auf Anhieb nicht sofort abnimmt (wohl deshalb, weil er für gewöhnlich keine Akademiker spielt).

Wenn es also im Untertitel der Romanverfilmung „Alles, was denkbar ist, existiert“ heißt, dann hört sich dies nach einem verklausulierten Freifahrschein an, jeden noch so unerklärbaren Gedanken als gegeben hinnehmen zu müssen. Begründen und legitimieren lässt sich damit auch, dass Claudia Lehmann und ihre Drehbuchautorin Leonie Terfort die Figur Schilf andere Wege gehen lassen als im Roman. Wer Denkspiele mag, hat hier einiges zu knabbern.

Thomas Volkmann

Wir haben mit unseren fünf Sinnen und natürlich vor allem mit unserem Gehirn eine bestimmte Wahrnehmung der Welt und unserer Existenz. Soweit, so gut. Es gibt nun Physiker, die behaupten und sogar glauben beweisen zu können, dass es nicht nur ein Universum gibt, sondern deren unzählige.

Darum geht es in diesem Film. Sebastian versucht als Universitätsprofessor seinen Studenten diese Viele-Welten-Theorie, die Existenz zahlreicher Paralleluniversen klarzumachen.

Oskar, sein Freund und Professor am Genfer CERN, hält dies alles für Humbug. Den beiden Wissenschaftlern bleibt nichts anderes übrig, als über total gegensätzliche Auffassungen zu diskutieren und zu streiten.

Sebastians Frau Maike liebt ihren Mann, steht aber ein wenig mittendrin. Ihre Sympathien für Oskar sind zumindest in den Augen von Sebastian unverkennbar. Sie macht einige Tage Urlaub in den Bergen.

Seinen kleinen Sohn Nick fährt Sebastian ins Pfadfinderlager. Unterwegs macht er eine kleine Besorgung. Als er zurückkommt, ist Nick spurlos verschwunden.

Die Realität: Nick ist sehr wohl im Jugendlager, Maike kehrt wie vereinbart zurück, und Oskar ist jeden Moment zu Gesprächen bereit.

Was an Unbegreiflichem vorzufallen scheint, spielt sich nämlich einzig und allein in Sebastians Kopf ab. Erlebt er wirklich Parallelwelten, Zeitsprünge und Mord- oder Todesphantasien? Hat er einfach nur die Kontrolle verloren, weil er krank ist? Was kann die Polizei ermitteln? Was ist mit den nicht zugelassenen Medikamenten?

Ein Rätselfilm, ein Puzzlefilm einer Regisseurin, die selbst Physikerin ist. „Manche Physiker“, sagt sie, „denken in über 20 Dimensionen und halten die Realität, die wir wahrnehmen, nur für einen kleinen Ausschnitt. Hin und wieder gibt es eine Neuentdeckung, die manches Weltbild ins Wanken bringt.“

Eine von Mark Waschke (Sebastian), Stipe Erceg (Oskar) und Bernadette Heerwagen sehr gut gespielte und von Claudia Lehmann flüssig inszenierte Spielerei über das Thema möglicher universeller Interferenzerscheinungen in der Form eines Dramas, an dem man sich als laienhafter Betrachter die Zähne ausbeißen kann. Hoch interessant ist es aber allemal.

Der britische Physiker David Deutsch zu dem Thema. „Dass wir etwas, das wir nicht sehen können, für real halten, ist ja gar nichts Ungewöhnliches . . . Das Entscheidende ist: Die Multiversumstheorie ist die beste Erklärung der Welt, die wir haben.“

Thomas Engel