Backrooms

Nicht zum ersten Mal wird aus einem Internetphänomen ein Kinohit: Der surreale Horrorthriller „Backrooms“ erobert mit seiner mysteriös-beklemmenden Parallelwelt rund um den Globus die Leinwände. Debütant Kane Parsons bringt sich bei der Umarbeitung einer eigenen YouTube-Webserie als große Genrehoffnung in Stellung. Gruselwerke wie dieses hier beweisen eindrucksvoll, dass längst noch nicht alle Mittel und Ideen ausgereizt sind.

 

Über den Film

Originaltitel

Backrooms

Deutscher Titel

Backrooms

Produktionsland

USA, CAN

Filmdauer

110 min

Produktionsjahr

2026

Produzent

Shawn Levy, Dan Cohen, Dan Levine, James Wan, Michael Clear, Rob

Regisseur

Kane Parsons

Verleih

Constantin Film Vertriebs GmbH

Starttermin

18.06.2026

 

Als The Backrooms ist eine 2019 entstandene moderne Sage der Internetkultur bekannt. Gemeint sind damit weitläufige oder gar ins Unendliche reichende Innenräume oder Landschaften mit oft unheimlichem Anstrich, die man nur dann betreten kann, wenn man aus der Realität „herausrutscht“. Fasziniert von diesem in der Online-Community beliebten Mythos zeigte sich auch der 2005 geborene Kane Parsons, der 2022 eine YouTube-Webserie zu diesem Thema drehte. Eben diese bildet nun die Grundlage für eine der größten Überraschungen des Horrorkinos der jüngeren Vergangenheit.

 

Parsons‘ Leinwanddebüt „Backrooms“, entstanden in Zusammenarbeit mit Drehbuchautor Will Soodik, kostete gerade einmal knapp 10 Millionen Dollar, spielte jedoch – Stand Mitte Juni 2026 – schon fast 230 Millionen Dollar ein. Ein Erfolg, der all jenen ohne großes Vertrauen in das düstere Genreschaffen vor Augen führt, dass es noch immer originelle Gruselfilme gibt – und ein Publikum, das für diese scharenweise in die Kinos strömt. Es müssen eben doch nicht immer 08/15-Schocker sein, die ihr Heil in der Aneinanderreihung aggressiver Knalleffekte suchen.

 

Im Mittelpunkt von „Backrooms“ steht Möbelhausbetreiber Clark (Chiwetel Ejiofor), der mit seinem Leben massiv hadert. Statt Inneneinrichtungsgegenstände zu verkaufen (oder es zumindest zu versuchen, wirklich gut läuft das Geschäft offenbar nicht), würde er viel lieber als Architekt arbeiten. Die graue Realität sieht indes anders aus. Seine Frustration bricht sich immer wieder Bahn. Dem Alkohol ist Clark sehr zugetan. Und seine Frau hat ihn aus dem Haus geworfen, weshalb er nun quasi in seinen eigenen Laden gezogen ist.

 

Da dort des Nachts ständig die Lichter verrücktspielen, begibt er sich auf Spurensuche – und stößt plötzlich auf einen klitzekleinen Spalt in einer Wand des Untergeschosses. Mehr noch: Als er mit der Hand über die Fläche fährt, verschwindet sie im Mauerwerk. Kurz darauf schlüpft Clark komplett hindurch und entdeckt auf der anderen Seite ein schier endloses Labyrinth aus Räumen, vorzugsweise gelb tapeziert, die an ein fehlgeplantes Großraumbüro erinnern. Möbel, die aus dem Laden stammen könnten, stehen und liegen kreuz und quer herum. Überhaupt stolpert Clark über zahlreiche Gegenstände aus der „echten“ Welt, die allerdings merkwürdig verzehrt erscheinen. 

 

Dass in den Zimmern, Fluren, Gängen und Spalten auch unheimliche Wesen lauern, weiß der Zuschauer dank des knackig-schaurigen Prologs, der Erinnerungen an die modernen Horrorerfolge „Blair Witch Project“ (1999) und „The Cabin in the Woods“ (2011) weckt. Als Clarks Therapeutin Mary (Renate Reinsve) skeptisch auf seine Schilderungen vom seltsamen Parallelkosmos reagiert, fühlt sich der Patient erst recht herausgefordert. Unbedingt will er beweisen, dass er nicht den Verstand verloren hat.

 

Das Grundkonzept des trotz einiger Ortswechsel kammerspielartigen Films ist schlicht. Aus der Prämisse entwickelt sich aber ein aufregend-surrealer und ziemlich angsteinflößender Trip. Die menschlichen Schwächen, eingefahrene Verhaltensmuster nicht oder nur schwer durchbrechen zu können und Verantwortung von sich wegzuschieben, kommen während einer frühen Sitzung von Clark und Mary zur Sprache und sind – natürlich – aufs Engste mit dem Schrecken in der Dimension hinter der Wand verbunden. Unbewusste Prozesse, die Funktionsweise von Erinnerungen und die Wirkmacht traumatischer Erfahrungen – all das fließt in die bis zum Ende einige Rätsel aufgebende Handlung ein. Bei jedem Besuch in den „Hinterräumen“ drängen sich neue Fragen auf, versucht man, aus den mysteriösen Hinweisen weitere Schlüsse und Verbindungen zu ziehen. Wer im Kino auf fein säuberliche Erklärungen nicht verzichten möchte, ist hier sicher fehl am Platz. Zuschauer, die Leerstellen spannend finden, dürften hingegen richtig mitfiebern können.

 

Auch und vor allem, weil es Neuling Kane Parsons eindrücklich gelingt, eine in die Knochen kriechende unbehagliche Stimmung zu erzeugen. Dafür verantwortlich sind mehrere Faktoren: das gute Zusammenspiel zwischen realen Sets und visuellen Effekten, der clevere Einsatz der Tonspur, der Wechsel zwischen „normalen“ Bildern und einer Found-Footage-Optik mit beschränktem Sichtfeld sowie die nicht inflationär, sondern durchdacht gesetzten Schockmomente. Hilfreich ist außerdem, dass mit Chiwetel Ejiofor und Renate Reinsve zwei versierter Darsteller die Hauptrollen bekleiden, aus den mit wenigen Strichen gezeichneten Figuren weitaus mehr machen als bloße Drehbuchgehilfen. Sich in dieser seltsamen, minimal verschobenen Nebenrealität zu verlieren, fällt viel leichter, wenn man mit den Protagonisten mitgeht, sie einem nicht völlig egal sind. Selbst die teils ins Absurde ausgreifende Eskalation auf der Zielgeraden fesselt mit ihren schaurigen Impressionen und ihren originellen Ideen. Hut ab, Mr. Parsons!

 

Christopher Diekhaus

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