Bamako

Eine Gerichtsverhandlung über die Schuld der westlichen Institutionen an der Misere Afrikas ist Zentrum des Films von Abderrahmane Sissako. In bisweilen ausufernden Dialogpassagen kommen verschiedenen Ansichten zu Sprache, die letztlich in einer wenig überzeugenden Globalisierungskritik münden. Wesentlich interessanter und aufschlussreicher sind die immer wieder dazwischengeschnittenen, impressionistischen Darstellungen des Alltagslebens in Malis Hauptstadt Bamako. Ein interessanter Film, gleichermaßen fragwürdig und bemerkenswert.

Webseite: www.kairosfilm.de

Mali/Frankreich 2006
Regie: Abderrahmane Sissako
Buch: Abderrahmane Sissako
Kamera: Jacques Besse
Schnitt: Nadia Ben Rachid
Darsteller: Aissa Maiga, Tiécoura Traoré, Hélène Diarra, Habib Dembélé
118 Minuten, Format 1:1,85
Verleih: Kairos-Film
Kinostart: 1. Februar 2007

PRESSESTIMMEN:

Der mit leichter Hand inszenierte, dramaturgisch raffiniert strukturierte Film untergräbt das Gerichtsfilm-Schema durch ein filigranes Geflecht fotografisch starker Momentaufnahmen, die den ideologischen Überbau mit der Wirklichkeit der Menschen in Bezug setzen. Der auf der Grenze zwischen Inszenierung und Dokumentation angesiedelte Film ermöglicht dabei einen Perspektivenwechsel, Afrika einmal nicht durch westliche Kolonialklischees zu betrachten. (O.m.d.U.) – Sehenswert ab 16.
film-dienst

Regisseur Sissako holt die Verlierer der Globalisierung aus der Anonymität ihrer Masse. Er gibt ihnen Gesichter, zornig und traurig zugleich, und erteilt ihnen das Wort. Was sie einklagen, sollte selbstverständlich sein und war doch nie weiter entfernt: Solidarität. – Sehenswert!
tip Berlin

FILMKRITIK:

In einem Hof in Bamako, der Hauptstadt des westafrikanischen Staates Mali, findet ein Gerichtsverfahren statt. Wer genau klagt und warum wird nicht deutlich, es spielt für die Intentionen des Films aber auch keine Rolle. Klar ist nur, es geht gegen Weltbank, IWF, G8 und all die anderen Institutionen des Westens, die mit viel Geld und hehren Idealen, aber ohne wirkliches Wissen um die Mentalität der Empfängerländer versuchen den Süden, in diesem Fall Afrika, von der Armut zu befreien.

Dass das Konzept der Entwicklungshilfe, dem der Westen seit Jahrzehnten folgt weitestgehend gescheitert ist, liegt auf der Hand, wo genau die Ursachen liegen ist dagegen weniger offensichtlich. Abderrahmane Sissakos Film versucht eine Antwort zu geben und gleichzeitig ein Bild des Alltagslebens in Afrika zu zeigen.

Stellt sich die Frage ob die Form einer Gerichtsverhandlung, bei der die einzelnen Parteien bisweilen zehn Minuten am Stück ihre Argumente vortragen, das sinnvolle Format für die Reflexion eines so komplexen Problems wie der Unterentwicklung Afrikas ist. Bei all den Informationen, Argumenten, Anklagen fällt es schwer, den Überblick zu behalten, so dass als Essenz letztlich eine reichlich simplistische Globalisierungskritik übrig bleibt, die zwar in manchen Punkten begründet ist, die Schuldfrage an der afrikanischen Misere aber viel zu einseitig auf die Institutionen der westlichen Welt schiebt.

Seine besten Momente hat Abderrahmane Sissakos Film dann auch nicht hier, sondern wenn er in impressionistischen Bildern das Alltagsleben beobachtet. Der Hof, der für die Dauer der Verhandlung zu einem Gerichtshof deklariert wurde, ist Zentrum für das Leben vieler Menschen. Die Sängerin Melé etwa lebt dort mit ihrem arbeitslosen Mann und holt jeden Morgen Wasser im Hof, in dem schon die ersten Zuschauer auf den Beginn der Verhandlung warten. Kinder spielen zwischen den Beinen der Richter, einmal zieht eine Hochzeitsprozession durch den Hof, im Haus siecht ein alter Mann vor sich hin. Das normale Leben wird von der Verhandlung, die sich vorgeblich um die Probleme genau dieser Menschen kümmert, in keiner Weise berührt.

Es ist dieser Gegensatz zwischen Verhandlung und Alltagsleben – der sich nicht zuletzt in der ähnlichen und doch so unterschiedlichen Kleidung, meist Roben, äußerst, die Anwälte und Richter bzw. Prozessbesucher tragen – der die Qualität des Films ausmacht. Den ellenlangen Ausführungen der Anwälte wird am Anfang noch beiläufig Aufmerksamkeit geschenkt, später trennt man lieber das Kabel des Lautsprechers durch. Die Botschaft solcher Bilder ist klar: Es kann noch so viel über die Probleme Afrikas diskutiert werden, wirkliche Lösungen kommen dabei kaum zu Stande. Das wirkliche Leben der Menschen wird von den Entscheidungen auf höherer Ebene kaum berührt, es zu verbessern ist den allzu abstrakt arbeitenden Institutionen kaum möglich.

Das ist eine gleichermaßen betrübliche und doch hoffnungsfrohe Haltung, zeigt sie doch, dass trotz all der Probleme, die Afrika seit Jahrzehnten plagen, die Menschen selbst ihren Lebensmut nicht verloren haben. Ihnen gelingt es auch unter schwierigen Umständen ein würdevolles Leben zu führen, auch wenn sie nach „offizieller“ Messweise als Arm gelten. Und um diese Haltung zu erreichen braucht es weder der sicherlich gut gemeinten Hilfe der globalen Institutionen, noch der Ratschläge der Gutmenschen aus dem Westen, die oft ihre eigenen Lebensvorstellungen vollkommen unreflektiert auf andere Länder anwenden.

 

Michael Meyns