Bardsongs

In seiner Heimat ist der niederländische Regisseur Sander Francken für seine engagierten Spielfilme und Dokus bekannt, in denen er sich mit der so genannten Dritten Welt auseinandersetzt. Hierzulande wartet sein Werk noch auf seine Entdeckung. Vielleicht hilft „Bardsongs“ dabei. Francken geht mit seinem neuen Film auf eine spirituelle und musikalische Entdeckungsreise, die ihn vom indischen Jodhpur in das westafrikanische Djenneé und auf die unwegsamen Pässe des Himalaya führt. Alle drei Geschichten beruhen auf uralten Parabeln, die Musiker aus den jeweiligen Regionen präsentieren.

Webseite: www.bardsongs.com

Niederlande 2010
Regie: Sander Francken
Buch: Joost Schrickx, Sander Francken
Verleih: as2edition
Kinostart: 14. März 2013

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

In den verstopften Straßen der indischen Millionenstadt Jodhpur sammeln ein Vater und sein Sohn Plastikmüll. Eines Tages entläuft ihnen das Kamel, das den schweren Karren zieht. Alle bemitleiden den Plastiksammler, dem nun seine Lebensgrundlage entzogen zu sein scheint. Der aber bleibt ruhig und sagt: „Wer weiß denn, ob es Glück oder Unglück ist?“ Tatsächlich kehrt das Kamel kurz darauf zurück – mit einer Stute im Schlepptau. Dennoch triumphiert der Müllsammler nicht, schließlich könnte sich dieses Ereignis als
Unglück entpuppen.

In der Lehmstadt Djenné in Mali sieht sich der kleine Bouba von seinem Koranlehrer vor eine schwere Aufgabe gestellt. Er soll eine Antwort auf diese Frage finden: „Was ist das höchste Wissen?“ Bouba spricht mit einem Schmied, einem Maurer, einem Jäger und einem Fischer und glaubt jedes Mal, die Antwort gefunden zu haben. Aber jedesmal schickt ihn der Koranlehrer mit einem Kopfschütteln zurück. Erst, als Bouba ganz verzweifelt und sicher ist, die richtige Antwort nicht finden zu können, stößt er von ganz allein darauf.

Viehzüchter Sonam will im indischen Himalayagebiet ein Dzo, eine Mischung auch Yak und Rind, verkaufen, um damit ein Handy zu erwerben. Seine Tochter, die ihm davon abrät, geht mit auf den langen und gefährlichen Weg in die Stadt. Unterwegs lässt sich Sonam immer wieder von anderen maßregeln: Mal soll er das Tier tragen, dann lässt er sich eine Kutsche samt alter Schwiegermutter aufschwatzen, dann wieder drängt er seine Tochter dazu, sich als Junge zu verkleiden. Erst durch ihre mahnenden Worte und die Wiederentdeckung der Liebe findet Sonam zu sich selbst.

Das Anliegen von „Bardsongs“ liegt auf der Hand: Universelle Geschichten behalten ihre innere Weisheit ungeachtet der Kultur oder Religion, in der sie entstehen. Sander Francken nutzt Fabeln als Grundlage, die in den jeweiligen Regionen seit Generationen bekannt sind und mittels einer oralen Tradition weitergegeben werden, die im Westen größtenteils ausgestorben ist. Sakar Khan in Indien, Afel Bocoum in Mali und Tsiring Stanzin im Himalaya, die jeweiligen Musiker, kennen diese Geschichtens selbst seit ihrer Kindheit. Dieser Hintergrund verleiht „Bardsongs“ seine überzeitlich-authentische Aura, die wie aus einer anderen Zeit in unseren hektischen Alltag flimmert. Ungemein beruhigend wirkt der Film, der aber durchaus einer Neujustierung der Sinne bedarf. Denn Francken passt sich mit der Inszenierung seinem Sujet an: Die Darsteller sind Laien, denen man ihr erstes Mal vor der Kamera anmerkt; die Filmsprache ist extrem simpel gehalten und vermag unser stärkere Eindrücke gewohnte Aufmerksamkeit anfangs kaum zu erregen. Langsam aber nimmt der Film auch den hibbeligen Mitteleuropäer gefangen. Vielleicht liegt darin das größte Verdienst von „Bardsongs“: Er erzählt nicht über andere Kulturkreise, addressiert aber eigentlich den Zuschauer im Westen. Er ist auch für die Menschen gemacht, von denen er handelt. Allerdings konnten die hier Mitwirkenden ihre Leistung auf Leinwand zum Teil bis heute nicht in Augenschein nehmen, weil in ihrer jeweiligen Heimat die technischen Voraussetzungen fehlen.

Oliver Kaever

Die Europäer waren Jahrhunderte lang davon überzeugt, dass sie die Klügsten auf der Welt seien. Dieses Bewusstsein hat sich im Zeitalter der modernen Kommunikation schon gewandelt.

Es musste sich wandeln. Man sollte dies auch an einem Film wie „Bardsongs“ erkennen. Denn viel Weisheit und Menschlichkeit strahlen die drei darin erzählten Geschichten aus.

Die erste handelt von einem indischen Plastiksammler und seinem Sohn Sahir, welch letzterer sich entschieden aufmüpfiger verhält als sein Vater. Während der Arbeit entläuft ihnen ihr Kamel. Die Menschen sind geschockt und bedauern die beiden – doch der Mann bleibt gelassen. „Man weiß nie, was Glück oder was Pech ist“, meint er. Und tatsächlich kommt das männliche Kamel mit einem Weibchen zurück. Ein Fohlen wird geboren, das der Plastiksammler verkaufen kann. Von dem Erlös beschenkt er Nachbarn und Trauernde. Denn inzwischen brach ein Krieg aus. Der Sohn aber, der von dem zweiten Kamel verletzt worden war, musste nicht in den Krieg ziehen und sein Leben riskieren. Wahrlich, man weiß nicht was Glück ist und was Pech.

Mali. Der kleine Bouba muss, um in die nächst höhere Klasse versetzt zu werden, seinem Koranlehrer eine wichtige Frage beantworten: Was ist die höchste Erkenntnis? Sieben Tage hat der Knabe Zeit. Er befragt einen Schmied, einen Fischer, einen Jäger. Immer erhält er die falsche Antwort. Dann erfährt der Bub höchstpersönlich selbst die Liebe. Die Antwort ist gefunden: Die höchste Erkenntnis ist nicht das Wissen, sondern die Liebe.

Indischer Himalaya. Der Viehzüchter Sonam will ein Dzo (Kreuzung zwischen Yak und Rind) verkaufen. Seine Tochter möchte das junge Tier behalten. Tagelang durchqueren sie das Gebirge, und jeder, dem sie begegnen, und es sind viele, gibt ihnen wegen des Verkaufs einen anderen Rat. Sonam weiß nicht mehr, wo ihm der Kopf steht. Erst als er wieder zu sich selbst findet, sein eigenes Ich und seine eigenen Fähigkeiten in den Vordergrund stellt, ist er gerettet. Die psychische Schlussfolgerung ist eindeutig.

Ein schöner und geistig einprägsamer Film. Die Schauplätze und Landschaften sind den Themen angemessen. Zum Teil großartig gespielt wird er vor allem von Laien in einfacher aber überzeugender Form.

Eine erkenntnisreiche Angelegenheit, die die afrikanisch-östliche Welt lebendig macht und für die westliche Welt Anlass zum Nachdenken geben kann.

Thomas Engel