Beltracchi – Die Kunst der Fälschung

Was unterscheidet den Künstler vom Handwerker und was das Original von der Fälschung? Nach Arne Birkenstocks aufschlussreicher, ganz auf den Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi zugeschnittener Dokumentation stellen sich viele Fragen. Den charismatischen, zu 6 Jahren Gefängnis verurteilten Maler, der sich einst die Lücken im Werkverzeichnis großer Künstler wie Campendonk oder Ernst zunutze machte, zeigt der Film bei seiner Arbeit im Atelier, während des offenen Vollzugs sowie im ganz privaten Umfeld. Dabei dürften nicht nur Kunstfreunde an diesen spannenden, mitunter ironischen Einblicken in den Kunstbetrieb Gefallen finden.

Webseite: www.senator.de

D 2013
Regie: Arne Birkenstock
Produktion: Arne Birkenstock, Thomas Springer, Helmut G. Weber
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Kinostart: 6.3.2014
Verleih: Senator

FILMKRITIK:

Auch wer sich ansonsten nicht mit dem Kunstmarkt beschäftigt, dürfte regelmäßig über Auktionen stolpern, in denen Bilder für Rekordsummen versteigert wurden. Derzeit nimmt ein Triptychon des irischen Malers Francis Bacon den Spitzenplatz unter den teuersten Kunstwerken ein. Für 142 Mio. Dollar fand das Werk zuletzt beim Auktionshaus Christie’s einen neuen Besitzer. Schon dieses Beispiel zeigt: Auf keinem anderen Markt trifft ein derart limitiertes Angebot auf eine derart rasant wachsende Nachfrage. Eine solche Konstellation lockt natürlich auch Fälscher an. Wolfgang Beltracchi war einer von ihnen. Der als Wolfang Fischer in Höxter geborene Maler hat den bis dato größten europäischen Kunstfälscher-Skandal zu verantworten. Über viele Jahre hinweg brachte er vermeintliche Originale namhafter Maler unter die zahlungskräftige Kundschaft. Der Clou seiner Arbeiten bestand darin, nicht bloß simple Kopien anzufertigen sondern in die jeweiligen Lücken im Werkverzeichnis „hineinzumalen“ und dabei im Stile eines berühmten Künstlers wie Max Ernst oder Heinrich Campendonk neue Bilder zu erfinden. Als der Käufer des angeblichen Campendonk-Werkes „Rotes Bild mit Pferden“ (Kaufpreis: 2,8 Mio. Euro) eine Expertise verlangte, flog der Schwindel bei einer Laboruntersuchung auf.

Arne Birkenstocks Dokumentation über Beltracchi und dessen eigentlich unglaubliche Fälscherkarriere vereint Elemente eines Künstlerportraits mit einem spannenden Kriminalplot und Einblicken in die Mechanismen des heutigen Kunstmarktes. Letzterer wird von Akteuren bestimmt, die im Grunde allesamt kein echtes Interesse an der Aufdeckung eines Skandals haben können. Angefangen vom Experten, der ein neues Bild eines großen Meisters begutachten darf, über das Auktionshaus, das sich über eine ordentliche Provision freut, bis zum späteren Käufer möchte letztlich niemand die Authentizität eines Bildes ernsthaft in Frage stellen. Gerade dieses System nutzten Beltracchi und seine Frau Helene, die ihm beim Verkauf der „gemalten Lücken“ behilflich war, über Jahre hinweg aus. Genüsslich und mit einem mitunter schelmischen Grinsen erzählt Beltracchi von den immer riskanteren Gaunereien und seinem eher pragmatischen Verhältnis zur Kunst. Der Vater war Kirchenrestaurator und das Malen für ihn etwas ganz Normales. Beltracchi wirft dabei immer wieder provokante Fragen wie die nach der Genialität eines Künstlers auf. Max Ernst, so lässt er wissen, hält er nicht gerade für ein Genie.

Birkenstock interessiert sich erkennbar wenig für die exakte Dramaturgie des Kriminalfalls. Den Prozess gegen das Ehepaar, bei dem sein Vater im übrigen als Strafverteidiger auftrat, blendet seine ganz auf die Person Beltracchis zugeschnittene Dokumentation dann auch fast vollkommen aus. Stattdessen konzentriert er sich auf die durch Beltracchi bloßgestellten Beteiligten in den Galerien und Auktionshäuser, von denen nur wenige überhaupt bereit waren, sich der Kamera zu stellen. Und er wirft die Frage auf, was Original und Fälschung am Ende unterscheidet.

Dass man als Zuschauer Beltracchis Charisma erliegt, scheint Teil des Konzepts und durchaus gewollt. Auch die zahlreichen privaten Eindrücke – zusammengetragen aus alten Urlaubsfotos und Heimvideos der Beltracchis – bauen eine gewisse Intimität auf. Warum am Ende sogar die Kinder ihre Eindrücke von der Verhaftung der Eltern schildern dürfen, bleibt jedoch Birkenstocks Geheimnis. Hinsichtlich der zuvor aufgeworfenen Kontroversen erscheinen diese Szenen ohne Wert. Dafür kommt dank Beltracchis Erzählfreude und dem von Birkenstock geschickt gespannten roten Faden keine Langeweile auf. Und als zugegeben nicht wirklich neutraler Beobachter ist man gewillt, den vom Fälscher entwickelten, durchaus ironischen Blick auf den Kunstbetrieb früher oder später zu übernehmen.

Marcus Wessel