A Floresta de Jonathas – Im dunklen Grün

Der brasilianische Regisseur Sérgio Andrade drehte sein Langfilm-Debüt in der Amazonasregion, in der er selbst geboren wurde und bis heute lebt. Dieser Teil Brasiliens fühlt sich oft vom Rest des Landes abgeschnitten, der Dschungel wirkt wie eine grüne Grenze. Hier geht der junge Einheimische Jonathas mit einem schönen, fremden Mädchen auf einen Campingtrip– und verirrt sich im Wald. Der berauschend inszenierte Film gewährt einen anderen Blick auf ein Land, das im Zuge der Fußball-WM sicher wieder auf Samba, Copacabana und Lebensfreude reduziert wird.

Webseite: www.bildkraft.biz

Originaltitel: A Floresta de Jonathas
Brasilien 2012
Buch und Regie: Sérgio Andrade
Darsteller: Begê Muniz, Ítalo Castro, Viktoryia Vinyarska, Francisco Mendes
Länge: 99 Minuten
Verleih: Bildkraft
Kinostart: 6. März 2014

PRESSESTIMMEN:

"Stimmig fotografierter, magischer Zivilisationsfatalismus."
KulturSPIEGEL

FILMKRITIK:

Jonathas (Begê Muniz) und seine Familie lebt vom Verkauf selbst geernteter Früchte an einer Straße, die mitten durch den Dschungel führt. Sein Bruder Juliano (Ítalo Castro) zieht sich den Ärger des Vaters zu, weil er ständig mit Touristinnen flirtet und mit ihnen zu Tagesausflügen verschwindet. An einem Wochenende begleitet ihn der jüngere, zurückhaltende Jonathas auf einen Campingausflug mit der schönen Ukrainerin Milly (Viktoryia Vinyarska). Die beiden verstehen sich auf Anhieb und flirten miteinander. Am nächsten Morgen will Jonathas für sie wilde Maracujas suchen. Dabei verirrt er sich im tiefen Grün des Dschungels.

Andrades Geschichte wurde von einer wahren Begebenheit inspiriert. Er wollte nach eigenen Worten einen „Film voller Spannung und Abenteuer schaffen, ein existenzialistisches Drama“. Das ist viel auf einmal, aber tatsächlich ist „A Floresta de Jonathas“ all das geworden. Vor allem durch seine ungewöhnliche, ungemein virtuose formale Gestaltung entführt der Film in ein ganz eigenes Universum. Andrade nutzt einen realistischen Kamerablick auf alltägliche Verrichtungen und verortet das Geschehen so in einer ganz konkreten Lebenswirklichkeit. Die Figuren sind ähnlich realistisch als je verschiedene Individuen mit ganz unterschiedlichen Persönlichkeiten gezeichnet.

Aber diese Erzählweise bietet nur die Basis für ein immersives filmisches Erlebnis, das die Grenzen zwischen Innen- und Außenwelt, zwischen Realismus und Poesie, zwischen Natur und Fantasie auflöst. Andrade lädt die überquellende Pracht des Dschungels mit seinen sattgrünen und grellbunten Farbpaletten mythisch auf. Der Regenwald wird zu einem eigenen Akteur, einem riesigen, atmenden Lebewesen, in dem die Menschen fast zu verschwinden drohen. Auch der assoziative Schnitt arbeitet daran, die Grenze zwischen Träumen und Wachen zu verschieben. Träume gibt es nicht oft, aber sie erhalten einen gleichberechtigten Status. In einer Sequenz beobachtet Andrade Juliano und Milly an einem See, wo sie auf Indianer treffen und an einem Ritual teilnehmen. Es ist nicht klar, ob das Geschehen eine drogeninduzierte Vision ist oder wirklich stattfindet. Eigene Erwähnung verdient die Tonspur, von der es unaufhörlich fiept, zirpt und zwitschert. „A Floresta des Jonathas“ braucht keine 3D-Aufnahmen, dieser Effekt stellt sich von ganz allein ein.

Der Film lebt davon, dass er Traum und Wirklichkeit zwar aufeinanderprallen lässt, die Grenze aber nur unmerklich verschiebt. So bleibt das menschliche Drama, das sich in der zweiten Hälfte herauskristallisiert, greifbar und tragisch. „A Floresta de Jonathas“ ist ein ganz und gar filmisches Erlebnis, das alle Möglichkeiten der Filmkunst ausschöpft und den Zuschauer völlig gefangen nimmt. Damit tritt Brasilien als Filmland jenseits von Werbespots für Kokoslikör auf den Plan. Dass er seinem Land im Jahr der Fußball-WM ein so komplexes, poetisches, fantastisches Anlitz verleiht, ist das große Verdienst von Sérgio Andrade.

Oliver Kaever