Berlin 36

Bei den Olympischen Sommerspielen 1936 in Berlin setzten die Nazis einen Mann im Frauenhochsprung ein, um zu verhindern, dass eine jüdische Athletin für Deutschland startet. So zumindest erzählt es Kaspar Heidelbach in seinem Film, der sich die historischen Fakten zurechtbiegt und in eine absurde, kaum glaubliche Geschichte presst, die auf Fernsehfilmniveau erzählt wird.

Webseite: www.x-verleih.de

Deutschland 2008
Regie: Kaspar Heidelbach
Buch: Lothar Kurzawa
Musik: Arno Steffen
Darsteller: Karoline Herfurth, Sebastian Urzendowsky, Axel Prahl, Thomas Thieme, August Zirner, Julie Engelbrecht
100 Minuten, Format: 1:1,85
Verleih: X-Verleih
Kinostart: 10. September 2009
 

PRESSESTIMMEN:



FILMKRITIK:

Was erzählt dieser Film? Da ist die jüdische Hochspringerin Gretel Bergman – gespielt von der konstant schmollenden Karoline Herfurth – die aus Deutschland geflohen ist. Nun wird sie vom Regime zurückgeholt und als Alibi-Jüdin in die Vorbereitung zu den Olympischen Spielen 1936 geschickt. Ihre Anwesenheit soll belegen, dass das Naziregime keineswegs rassistisch ist und selbstverständlich jüdischen Sportlern gestattet, an den Spielen teilzunehmen. Reine Augenwischerei zur Beruhigung der Weltpresse also. Bis hierhin folgt der Film den historischen Fakten, denen er als einer der unendlichen Reihe von Filmen, die sich ein „Basierend auf wahren Ereignissen“ auf die Fahne schreiben, ja eigentlich treu sein sollte.

Doch schon bei der zweiten Hauptfigur, der eigentlich wesentlich interessanteren Persönlichkeit, hapert es mit der Akkuratesse. Es geht um einen jungen Mann, der gerne Frauenkleider anzieht und ebenfalls hochspringt. Er nahm tatsächlich an den Olympischen Spielen teil, wurde vierter und blieb unentdeckt. Im Film wird daraus die Figur der Marie Ketteler (in der einzig bemerkenswerten Darstellung des Films gespielt von Sebastian Urzendowsky), der auf dem Hof der Mutter trainiert und schließlich von den Nazis rekrutiert wird. Das Drehbuch von Lothar Kurzawa will es nämlich so, dass die Nazis beschließen dafür zu sorgen, dass sich Gretel nicht für die Spiele qualifiziert. Daher zwingen sie Marie dazu, am Trainingslager teilzunehmen und besser zu springen als Gretel. Abgesehen davon, dass der Gedanke eine offensichtlich männlich aussehende Person als Frau auszugeben, aus den Nazis eine Horde von Witzfiguren macht, hat es mit der Realität höchstwahrscheinlich nichts zu tun. Aber das hat Filmemacher ja noch nie gestört, wenn es darum ging, historische Ereignisse in eine Form zu pressen, die den vorgeblich notwendigen Ansprüchen eines Drei-Akt-Drehbuches genügt.

So nimmt denn Marie am Training der Mädchen teil, zu dem neben Gretel auch noch zwei Konkurrentinnen zählen, die aussehen als wären sie direkt von einem Werbeplakat des BDM entsprungen. Natürlich entwickelt sich eine Freundschaft zwischen Gretel und Marie, die – so zumindest will es das Drehbuch – beide zur Teilnahme bei Olympia gezwungen wurden. Dass Gretel schließlich mit einer fadenscheinigen Erklärung ausgeschlossen wird, die Anwesenheit Maries also vollkommen unnötig war, scheint nicht weiter zu stören, und so verschenkt der Film auch die letzten Möglichkeiten zu dramatischer Spannung. Das Finale gehört schließlich einem selbstlosen Akt Maries, die sich, nicht zuletzt dank der überzeugenden Darstellung des überaus talentierten Urzendowsky, zur eigentlichen Hauptfigur des Films entwickelt. Man hat den Eindruck, den Machern sei im Lauf der Dreharbeiten aufgefallen, dass die Geschichte des Mannes in Frauenkleidern viel interessanter ist als die Gretels, aber da war es schon zu spät. Allerdings wäre auch diese Geschichte unter der Regie eines Fernseh-Regisseurs wie Kaspar Heidelbach, der jede Szene auf die gleiche, uninspirierte Weise abfilmt, kaum zu dem Film geworden, den sie verdient hätte.

Michael Meyns

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